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Gerhard Leo:

Deutsche im französischen Widerstand - ein Weg nach Europa

Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, besonders während des zweiten Weltkrieges, ist ein historisches Phänomen der europäischen Geschichte. Die deutsche Wehrmacht hatte weite Teile Europas besetzt und ein von Rassismus und Diktatur geprägtes Regime übte seine Gewaltherrschaft über mehr als 200 Millionen Menschen aus. Gegen die Besatzer und die von ihnen aufgezwungene Ideologie entwickelte sich überall Widerstand, dessen Erfolge immer mit großen Opfern erzielt wurden. Dieser Widerstand hat daher auch noch dem Untergang der nationalsozia-listischen Herrschaft beim politischen Neubeginn in beinahe allen Staaten Europas eine Rolle gespielt und seine traditionsbildende Kraft bis heute erhalten.
Die europaweite Erfahrung mit der Wirklichkeit nationalsozialistischer Herrschaft stärkte den Wunsch der Völker, friedlich und gleichberechtigt zusammenzuleben. Will Europa zusammen-wachsen und alle seine Probleme friedlich lösen, so bedarf es auch der Besinnung auf gemein-same Wurzeln und Ideen, die sich in dem Bekenntnis der antinazistischen Widerstandsbewegun-gen in Europa zu Freiheit, Demokratie, Gleichberechtigung der Völker, Achtung der Menschen-rechte und sozialer Gerechtigkeit finden lassen. Trotz der vielfältigen politischen, philosophi-schen und religiösen Bekenntnisse einzelner Mitglieder der Widerstandsbewegungen und ganzer Organisationen hat es faktisch eine weitgehende Einigung der antinazistischen Kämpfer in Euro-pa auf der Grundlage dieser Prinzipien gegeben. Die Widerstandsbewegungen sind vor allem auf Grund zwingender nationaler Interessen entstanden. In erster Linie ging es um die Befreiung der Länder von der deutschen Fremdherrschaft, in Deutschland um den Sturz Hitlers, damit Deutsch-land leben könne.
Gleichzeitig aber waren die Widerstandsbewegungen international durch das brüderliche Zu-sammenwirken der Angehörigen vieler Völker im Kampf gegen den gemeinsamen Feind, das Naziregime. In Konzentrationslagern, in den Gefängnissen und Zuchthäusern des Dritten Rei-ches haben sich antinazistische Widerstandskämpfer zahlreicher Nationen im gemeinsamen Kampf gegen die Nazischergen zusammengefunden, trotz vieler Schwierigkeiten und Wider-sprüche. Ein überzeugendes Beispiel für die Zusammenarbeit von Europäern gegen das Nazire-gime war das Geschehen im riesigen Konzentrationslager Buchenwald. Ein aus deutschen, fran-zösischen, russischen, polnischen, ungarischen, jugoslawischen, niederländischen, belgischen, österreichischen, italienischen, tschechischen und spanischen Häftlingen gebildetes internationa-les Widerstandskomitee hat die Todesmärsche aus dem Lager am 11. April 1945 gestoppt und Buchenwald zwei Tage vordem Einzug der USA-Armee in das Lager befreit.
Ein weiteres Beispiel für die Zusammenarbeit von Europäern im Kampf gegen das Naziregime ist das Engagement der deutschen Antifaschisten in den Reihen der französischen Résistance von 1940 bis zur Befreiung Frankreichs im Herbst 1944.
In den dreißiger Jahren war Frankreich ein Zentrum für Emigranten aus Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern. 1938 wurden allein mehr als 30.000 aus Deutschland Geflüchtete gezählt, vor allem politische Gegner des Naziregimes und Deutsche jüdischer Herkunft, die aus ihrem Land durch die rassistische Politik der Nazis vertrieben worden waren. Nach der Nieder-lage der spanischen Republik im Bürgerkrieg kamen 2.500 deutsche Mitglieder der Interbrigaden - ebenso viele waren in Spanien gefallen - über die Pyrenäen nach Frankreich und wurden sofort unter menschenunwürdigen Bedingungen interniert. Es gibt nur Schätzungen darüber, wie vielen deutschen Emigranten die Flucht noch Übersee zu Beginn der vierziger Jahre gelang, wie viele sich verbergen konnten und wie viele von der Vichy-Regierung - Männer, Frauen und Kinder - an Deutschland ausgeliefert wurden. Für Tausende bedeutete das den Tod in Auschwitz oder in anderen Vernichtungslagern.
Die ersten Initiativen für eine Beteiligung Deutscher an der französischen Résistance gingen von einer Gruppe junger deutscher Kommunisten in Paris aus, die bereits im Sommer 1940 mit Akti-onen gegen die Nazipropaganda für die Besatzungstruppen begonnen. Sie knüpften Beziehungen zur illegalen FKP. Von den Straflagern Vernet und Samt Cyprien in den Pyrenäen aus nahm Franz Dahlem, elsässischer Herkunft, über einige Umwege Kontakt zu seinem Bruder auf, der 1918 im Elsass geblieben, dort Bürgermeister, Abgeordneter und Mitglied der Leitung der fran-zösischen kommunistischen Partei war. Dahlems Bruder, bereits im Untergrund, stellte die Ver-bindung zwischen der Führung der illegalen FKP und den deutschen Spanienkämpfern her.
Mit Hilfe der Résistance wurde die Flucht von deutschen Spanienkämpfern aus den schwer be-wachten Internierungslagern organisiert. Leider gehörte Franz Dahlem nicht zu der Gruppe deut-scher Antifaschisten, die sich der illegalen Arbeit zur Verfügung stellen konnten. Die Gestapo hatte von der Vichy-Regierung seine unverzügliche Auslieferung gefordert; er wurde der SS übergeben, nach Deutschland deportiert, und überlebte das KZ Mauthausen nur dank der Solida-rität ehemaliger Spanienkämpfer zahlreicher Nationen.
Der ehemalige saarländische Abgeordnete Otto Niebergall führte nun die Besprechungen mit den Beauftragten der französischen Kommunisten. Man kam im Juni 1941 in Paris überein, innerhalb der Résistance eine selbständige Organisation TA Travail Allemand, (Deutsche Arbeit) zu grün-den. Aufgabe der TA war es, in die deutsche Kriegsmaschine in Frankreich einzudringen, die Nazi-Propaganda durch schriftliche und mündliche Aufklärung zu bekämpfen, antifaschistische Soldatengruppen in den deutschen Einheiten zu bilden und Informationen für die Résistance zu beschaffen. In der TA waren vor allem Deutsche tätig, aber auch Österreicher, die später, 1942, eine eigene Organisation bildeten, auch deutsch sprechende Bürger der Tschechoslowakei, wie zum Beispiel der spätere stellvertretende Außenminister der CSSR, Arthur London, (der 1952 in Prag zu den Hauptangeklagten des stalinistischen Prozesses gehören sollte), auch Franzosen, die der deutschen Sprache mächtig waren und Deutschland kannten, wie der junge Germanist Gil-bert Badia, später Professor an der Sorbonne.
Sehr rasch wurde jetzt die Arbeit der TA in ganz Frankreich aktiviert, von den Schwerpunkten der Organisation in Paris, Lyon, Toulouse und Marseille aus. Etwa tausend Deutsche nahmen an dieser höchst gefährlichen Aktivität teil. Wer waren sie?
In erster Linie, wie bereits erwähnt, deutsche Spanienkämpfer, die den erfahrenen Kern der Or-ganisation bildeten. An ihre Seite traten bald andere deutsche Emigranten, politische Flüchtlinge und in großer Anzahl Deutsche jüdischer Herkunft, viele Jugendliche, Männer und Frauen. Ich selbst gehörte auch dazu.
Deutsche Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere der Besatzungsmacht, die wir gewonnen hatten, wirkten innerhalb der Nazi-Einheiten. Von ihnen werde ich noch mit konkreten Beispielen be-richten.
Wir waren völlig eingebunden in die Organisation der französischen Résistance. Ohne sie wäre unsere Tätigkeit nicht möglich gewesen. Unmittelbar betreut wurden wir in ganz Frankreich von der großen Sammlungsbewegung "Front National pour la libération et l'indépendance de la Fran-ce", eine Organisation, die natürlich nicht das Geringste zu tun hat mit der heutigen rechtsextre-mistischen Partei Front National, die diesen Namen usurpiert hat. Mitglieder der Front National verbreiteten im ganzen Land die von uns hergestellten Flugblätter und Zeitungen für die Wehr-machtsangehörigen. Die Abwehr und die Gestapo jedenfalls hatten den Eindruck mit der TA und ab Herbst 1943 mit dem "Komitee Freies Deutschland für den Westen", wie wir uns in Anleh-nung an das Nationalkomitee Freies Deutschland in der UdSSR nannten, einer mächtigen, weit verzweigten Organisation gegenüberzustehen. 1944 wurden unsere illegalen Publikationen in mehr als 400.000 Exemplaren an Wehrmachtsangehörige verteilt.
Das hätten wir ohne die zahllosen französischen Helfer nie geschafft. Es gab kaum einen deut-schen Soldaten in Frankreich, der nicht schon einmal ein Flugblatt, eine illegale Zeitung von uns in den Händen gehabt hätte, oder wenigstens von uns gehört hatte. In unseren Publikationen for-derten wir die Angehörigen der Nazi-Armee auf, sich nicht an Kriegsverbrechen zu beteiligen, zur Résistance überzulaufen, wo es möglich war; mit dem verbrecherischen Hitlerkrieg Schluss zu machen.
Wenn wir organisatorisch in die Résistance integriert waren, von ihr illegale Quartiere, falsche Papiere, Lebensmittelkarten, Waffen zu unserem Schutz, Druckkapazitäten für unsere Veröffent-lichungen erhielten, so waren wir politisch unabhängig und traten mit einem eigenen Programm auf, mit Forderungen, die die französischen Widerstandskämpfer so nicht erheben konnten. Un-ser erklärtes Ziel war die Rückführung der deutschen Besatzungsmacht geordnet und in Waffen unter dem Kommando ihrer Offiziere nach Deutschland, um Hitler zu stürzen und Frieden an allen Fronten herzustellen. Ein hoch gestecktes Ziel!
Es zu nennen bedeutet auch das Eingeständnis, dass wir es trotz großer Opfer nicht erreicht ha-ben, wenn wir diesem Ziel auch nahe waren, wie die direkte Beteiligung eines hohen Offiziers ‚ der Mitglied unserer Organisation geworden war, am Militärputsch des 20. Juli in Paris bewies. Doch davon später.
Die tausend deutschen Antifaschisten waren in mehreren Aktionsgruppen zusammengefasst. Da gab es die Redaktionsgruppe, die den Text für Flugblätter, unsere Zeitungen und Klebezettel verfasste. Oft schon auf Wachsmatritzen geschrieben, erreichten die Texte die Stützpunkte, um von dort aus weiter verbreitet zu werden.
Unser "Verbindungsdienst", wie wir ihn nannten, bestand aus Frauen und Mädchen, die immer zu zweit vorgingen und den Kontakt zu Wehrmachtsangehörigen zum Beispiel in Warenhäusern suchten und oft ihre Dienste als Dolmetscherinnen anboten. Durch einige Testfragen kam man dann vorsichtig zur politischen Meinung der Soldaten und konnte einschätzen, ob die Betreffen-den an andere Kameraden weiter vermittelt werden konnten.
Deutsche, die sehr gut französisch sprachen, wurden mit falschen Papieren, getarnt als Franzo-sen, als Hilfskräfte in die zahlreichen Verwaltungen und Kommandanturen der Besatzungsmacht geschickt.
Hier war man in ständigem Kontakt mit Armeeangehörigen, konnte die Stimmung erforschen und neue Verbindungen knüpfen.
Kameraden mit militärischer Ausbildung, vor allem Spanienkämpfer, die nicht oder kaum fran-zösisch sprachen, sind an die Partisaneneinheiten vor allem in Südfrankreich vermittelt worden und haben sich dort in vielen Fällen ausgezeichnet. In den Cévennen operierte eine fast aus-schließlich aus Deutschen zusammengesetzte Partisanengruppe unter dem Kommando von Otto Kühne, ehemaliger Reichstagsabgeordneter. Diese Gruppe gehörte zum gaullistischen AS-Macquis Bir-Hakeim unter Führung des Kommandanten Barot.
Die deutschen Partisanen lieferten dort der SS, die Dörfer in den Départements Gard und Lozère angriff, zahlreiche Gefechte und retteten Einwohner vor der Verfolgung und der Verwüstung ihrer Häuser. Von den Partisaneneinheiten, die Ende August in Nîmes an der Siegesparade nach der Befreiung der großen Stadt teilnahmen, wurde die deutsche Freischärlergruppe auserwählt, an der Spitze der Parade zu marschieren und die Trikolore des Sieges zu tragen.
In unseren Reihen kämpften auch immer mehr deutsche Soldaten, Unteroffiziere, Offiziere die wir zur Aktion gegen das Naziregime überzeugt hatten. Beauftragte der TA später des Komitees "Freies Deutschland" für den Westen, saßen in dutzenden Einheiten und Kommandanturen der Besatzungsmacht. Ich möchte dafür zwei Beispiele anführen.
Im französischen Marineministerium in Paris, am Place de la Concorde, hatte sich das deutsche Marinekommando für den Atlantik eingenistet. Im Fernschreibraum - damals wurden ja noch viele Nachrichten über Telex gegeben - gab es drei Marinesoldaten, ein Maat und zwei Gefreite, die eine antifaschistische Gruppe der TA gebildet hatten. Sie informierten über Befehle an die im Atlantik operierenden U-Boote und Kriegsschiffe und versorgten eine französische Partisanen-einheit in der Pariser Region mit Waffen aus den Beständen der Kriegsmarine. Beim Aufstand der Pariser Bevölkerung gegen die Besatzungsmacht im August 1944 riet die Leitung der TA den drei Matrosen zur Résistance überzugehen und organisierten das. Die Drei waren auf den Barrikaden von Paris als Instrukteure für den Gebrauch soeben erbeuteter deutscher Waffen tätig und kämpften mit dem Volk bis zur Befreiung der Stadt.
Ein anderes Beispiel: Im Herbst 1943 haben zwei junge Frauen unseres Verbindungsdienstes in Paris die Bekanntschaft eines älteren Soldaten gemacht, Kraftfahrer eines deutschen Offiziers. Der Soldat erwies sich in den Gesprächen als überzeugter Nazigegner.
Als unsere Beauftragten ihr Erstaunen über die sehr offenherzig geäußerte Gegnerschaft des Kraftfahrers zum Hitlerkrieg aussprachen, sagte er ihnen, dass er sicher noch zurückhaltend sei verglichen mit seinem Chef, dem Oberstleutnant Cäsar Baron von Hofacker im Stab des Militär-befehlshabers. Hofacker betrachte Hitler als einen Verbrecher, der mit allen Mitteln unschädlich gemacht werden müsse. Nach einiger Zeit erklärte sich der Fahrer bereit, den Oberstleutnant zu einer Zusammenkunft mit dem Leiter des Komitees "Freies Deutschland" für den Westen, Otto Niebergall, zu bewegen. In dieser Unterredung, die eine ganze Nacht dauerte, erklärte sich von Hofacker einverstanden mit den Zielen des Komitees "Freies Deutschland" für den Westen und informierte über Vorbereitungen für einen Putsch zur Ausschaltung Hitlers. Wenige Monate spä-ter wurde der Militärputsch am 20. Juli 1944 in Paris am konsequentesten von allen besetzten Ländern durchgeführt. Als erste Maßnahme der rebellierenden Offiziere waren mehr als tausend Gestapobeamte und SS-Offiziere in Paris ins Gefängnis geworfen worden. Die Seele des Auf-standes war Oberstleutnant von Hofacker, Mitglied des Komitees "Freies Deutschland" für den Westen. Er versuchte vergeblich, am Abend des 20. Juli, den Kommandanten an der Westfront, Feldmarschall von Kluge, zur Beendigung des Krieges, zur Rückführung der deutschen Divisio-nen in Waffen nach Deutschland zu bewegen. Die Nachricht, dass Hitler das Attentat überlebt hatte, ließ die Front der Offiziere auch in Frankreich auseinanderbrechen. Die SS- und Gestapo-Offiziere sind in den Morgenstunden des 21. Juli aus dem Gefängnis entlassen worden. Sie ver-hafteten sofort alle ihnen bekannten Mitwirkenden an der Rebellion. Cäsar von Hofacker ist im Dezember 1944 im Zuchthaus Brandenburg noch der Verurteilung zum Tode hingerichtet wor-den.
In mehreren Geschichtsbüchern, besonders im englischen "Body Guard of Lies" von Anthony Cave Brown, die ausführlich die Ereignisse des 20. Juli 1944 in Frankreich schildern, heißt es, die Offiziersrevolte dort sei gescheitert, weil es von Hofacker nicht gelungen sei, Feldmarschall von Kluge davon zu überzeugen, den Krieg zu beenden. Das war aber nicht der einzige Grund. Die Erfahrungen der deutschen Widerstandskämpfer in der Résistance besagen etwas anderes, ebenfalls meine persönlichen Erfahrungen. Auch im Juli 1944, nach der geglückten Landung der Alliierten in Frankreich, waren die deutschen Soldaten und Offiziere in Frankreich nicht bereit, den Krieg gegen den Willen des 0KW zu beenden. Die Gruppe der putschenden Offiziere in Pa-ris hatte an ihrer Spitze zwar den Militärkommandanten für die Besatzungstruppen, General von Stülpnagel, aber sie war viel zu schwach, um das Heer in Frankreich gegen den Willen der Nazi-führung zur Beendigung der Kampfhandlungen zu veranlassen. Auch unsere intensive Informa-tion über Flugblätter, Zeitungen und Gespräche hatte keine neue Situation geschaffen.
Ich konnte mich selbst davon überzeugen. Im Mai 1943 wurde ich, Sohn eines jüdischen sozial-demokratischen Rechtsanwalts aus Berlin, der nach Frankreich emigriert war, von der TA in die Transportkommandantur der Wehrmacht in Toulouse als Dolmetscher geschickt. Ich war gut getarnt als französischer Student der Germanistik in Lyon, der sein Studium aus Geldmangel unterbrechen musste und deshalb Arbeit bei den Besatzungstruppen suchte. Da ich seit 1933 - damals war ich zehn Jahre alt - in Frankreich mit meinen Eltern lebte, sprach ich französisch wie ein Franzose und konnte meine falsche Identität glaubhaft vertreten. Ich war nun von morgens bis abends mit Armeeangehörigen zusammen und hatte Gelegenheit, ihre Stimmung gründlich zu sondieren. Besonders interessierte mich natürlich die Frage, wie weit sie bereit waren, unse-ren Appellen zum Sturz der Naziführung zu folgen.
Unsere Zielsetzung - die Rückführung der Truppen nach Deutschland - zeigt ja schon, dass wir im Wesentlichen auf Erfahrungen aus dem 1. Weltkrieg zurückgriffen.
Damals war das Gros der deutschen Armee gegen den Willen des kaiserlichen Hauptquartiers bewaffnet und in der Regel von Soldatenräten geführt in die Heimat zurückgebracht worden. Doch der 2. Weltkrieg hatte eben einen anderen Charakter. Der wesentliche Unterschied bestand in den ungeheuerlichen, systematischen, von der Führung befohlenen und organisierten Kriegs-verbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Die deutschen Soldaten von 1943 in Frankreich waren keineswegs mehr siegesgewiss wie drei Jahre zuvor. Viele rechneten mit der Niederlage von Hitlerdeutschland. Stalingrad lag schon Monate zurück die Sowjetarmee rückte unaufhaltsam vor, Nordafrika war von den Alliierten besetzt, Korsika befreit, die Landung in Frankreich stand bevor, die USA waren Kriegsteilneh-mer. Das alles wussten die deutschen Soldaten. Aber sie wussten auch etwas anderes. Fast alle waren an der Ostfront gewesen, bevor sie nach Frankreich kamen, alle wussten, was dort hinter der Front geschehen war. Entweder hatten sie selbst Massenexekutionen von Männern, Frauen und Kindern erlebt oder Verwandte und Freunde hatten ihnen davon berichtet. Sie waren davon tief beeindruckt und mehr als einmal habe ich von ihnen gehört: Nach allem, was wir in Polen und Russland angerichtet haben, dürfen wir den Krieg nicht mehr verlieren. Denn wenn die Feinde dasselbe mit uns machen, wird es kein deutsches Volk mehr geben. Das waren die Ge-danken derjenigen, die sich überhaupt Gedanken über den Kriegsverlauf machten. Mit mir, dem vermeintlichen jungen Franzosen, der so gut zuhören konnte, sprachen die Soldaten meist sogar offener als mit den eigenen Kameraden, von denen sie Denunziationen befürchteten. Sie distan-zierten sich vorsichtig von den Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von denen sie wussten, aber es waren gerade diese Verbrechen, die sie an die Naziführung fesselten bis zum bitteren Ende.
Ich verstand ziemlich rasch, dass unsere Hoffnung, die Wehrmacht in Frankreich nach Deutsch-land zu führen, um Hitler zu stürzen, nicht realisiert werden könnte. Umso mehr konzentrierte ich mich auf die Informationen für die Résistance. Obgleich ich natürlich an den streng gehei-men Transportplan der Wehrmacht für Südwest-Frankreich nicht heran kam, sammelte ich doch genügend Fakten, um im November 1943 einen ziemlich kompletten Organisationsplan der Wehrmachtstransporte mit Prioritäten, Schwerpunkten und Planungen herstellen zu können, der über die französische Résistance nach London gesandt wurde.
Zu diesem Zeitpunkt beschränkte sich die Zusammenarbeit des Komitees "Freies Deutschland" mit der Résistance längst nicht mehr auf die zivilen und militärischen Sektoren der Front Natio-nal. Die Widerstandsbewegung Mouvement National des Prisonniers de Guerre et Deportes (MNPGD), der auch zum Beispiel François Mitterrand angehört hatte, die unter der Führung des Majors Calliau stand, eines Verwandten von de Gaulle, hatte bei der Front National einen erfah-renen deutschen Antifaschisten, evtl. mit Generalstabsausbildung für ihren Nachrichtendienst angefordert. Dieser Organisation wurde unser Kamerad Heinz Priess zur Verfügung gestellt, ein Hamburger Arbeiter, Major im spanischen Bürgerkrieg, der eine Offiziersakademie der spani-schen Republik absolviert hatte.
Priess war im September 1943 einer der Anführer des Aufstandes der Häftlinge im Gefängnis von Castres gewesen, einem Sondergefängnis, in dem Internierte aus ganz Frankreich zur Aus-lieferung an Hitlerdeutschland bereitgehalten wurden. Deutsche, Jugoslawen, Italiener, Österrei-cher, Spanier und Polen, meist Spanienkämpfer, hatten ein Widerstandskomitee zum kollektiven Ausbruch gebildet. Ihnen gelang es, die französische Wachmannschaft zu überwältigen und zu fliehen. Das Komitee "Freies Deutschland" hatte die Hilfe von draußen organisiert. Über den kollektiven Ausbruch der Häftlinge aus dem Gefängnis in Castres hatte der Londoner Rundfunk in französischer Sprache mehrmals berichtet.
Heinz Priess war zum Chef des Nachrichtendienstes der MNPGD ernannt worden. Major Calliau verfügte über mehrere Sender, die mit London in Verbindung standen. Über diesen Weg über-mittelten jetzt die deutschen Antifaschisten in Frankreich die Nachrichten, die vor allem von unseren Beauftragten stammten, die in Wehrmachtseinheiten und -verwaltungen eingeschleust worden waren. In der Feldpost in Lyon arbeitete z.B. unsere Kameradin Dora Schaul, die als Elsässerin getarnt war. Es gelang ihr, eine nahezu komplette Liste der Angehörigen der Gestapo von Lyon, eine berüchtigte Folterhöhle, aufzustellen. Wenige Tage später wurde diese Liste am Londoner Rundfunk in der Sendung für Frankreich verlesen. Mehrmals wiederholt sorgte diese Sendung für große Unruhe unter Gestapoleuten in Frankreich. In Dora Schauls Liste tauchte zum ersten Mal der Name von Klaus Barbie auf, der viel später als Angeklagter im Kriegsverbrecher-prozess in Lyon um die Welt gehen sollte.
Die Zusammenarbeit der deutschen Antifaschisten mit französischen Résistanceorganisationen, die ja sehr unterschiedliche politische Tendenzen vertraten, war während der ganzen Illegalität gut. Auf der Seite der Linken hatte sich schon in den dreißiger Jahren eine Art internationalisti-scher Antifaschismus entwickelt, besonders in Frankreich, wo die Angehörigen zahlreicher Nati-onen Zuflucht gefunden hatten. Die Gewerkschaft CGT und die Kommunistische Partei hatten die Bildung der MOI (Main d'oeuvre lmmigrée) gefördert, der Verbände der eingewanderten Werktätigen, nach Nationalitäten gruppiert. Diese MOI-Verbände tauchten besonders im be-waffneten Widerstand als eigene Formationen wieder auf und spielten eine wachsende Rolle in den Kämpfen bis zur Befreiung. Wir Deutschen in der TA später im Komitee "Freies Deutsch-land" für den Westen zusammengefasst, wurden als Teil der MOI angesehen und entsprechend geachtet. Hinzu kam, dass die Résistance in ihrer Mehrheit nicht eigentlich deutschfeindlich war, sondern sehr wohl den Charakter des Naziregimes erkannte. So war es jedenfalls in den leitenden Kreisen der Résistance, mit denen wir es vor allem zu tun hatten. Aber so war es auch an der Basis, wie ich es selbst feststellen konnte. Im Februar 1944 war ich von der Wehrmachtsabwehr in Castres verhaftet worden, bei dem Versuch, einen Unteroffizier der dortigen Garnison für uns zu gewinnen. Ich wurde ins Kriegswehrmachtsgefängnis Toulouse Samt Michel eingeliefert und kam dort mit festgenommenen Résistanceangehörigen vieler Tendenzen zusammen, die mich, den deutschen Antifaschisten, wie einen ihrer eigenen Kameraden aufnahmen. Ich wurde sogar in verschiedene Fluchtpläne eingeweiht und eingereiht, die von den Häftlingen ausgearbeitet worden waren.
Anfang Juni 1944 wurde ich, von fünf Feldgendarmen bewacht, von Toulouse nach Paris trans-portiert, um dort vom Obersten Kriegswehrmachtsgericht für Frankreich zweifellos zum Tode verurteilt zu werden. Auf dem Weg dahin wurde der Zug von Partisanen in der Corrèze angegrif-fen und die Feldgendarmen in die Flucht geschlagen. Ich bin von den Partisanen befreit worden. Ein Teil meiner Gerichtsakte war unter den bei der überstürzten Flucht der Feldgendarmen zu-rückgelassenen Sachen gefunden worden. Das Dokument, auch meine Handschellen, wiesen mich als deutschen Hitlergegner aus. Ich wurde auf meinen Wunsch sofort in die Reihen der FTPF, der Freischärler und Partisanen der 5. Militärregion, aufgenommen und bewaffnet. An den Kämpfen, besonders gegen die durch diese Region ziehende mordende und brandschatzende SS-Division "Das Reich", konnte ich teilnehmen, zum Schluss als Leutnant der FFI, der franzö-sischen inneren Streitkräfte. Die Tatsache, dass ich Deutscher war, spielte dabei keine Rolle.
Ähnlich wie die zehntausenden republikanischen Spanier, wie die italienischen Emigranten, die polnischen Bergarbeiter und die jüdischen Handwerker aus Osteuropa wurden wir deutschen Antifaschisten von den Résistanceorganisationen als gleichberechtigte Mitkämpfer akzeptiert. Ende April 1944 unterzeichnete der Bevollmächtigte des Komitees "Freies Deutschland" für den Westen in Toulouse, Herbert Müller, eine Vereinbarung mit dem Repräsentanten des Comité de Libération, dem Vertreter de Gaulles für Südfrankreich, General Bordelais. Das Abkommen sah die Anerkennung des Komitees "Freies Deutschland" für den Westen durch alle Parteien, Orga-nisationen und Bewegungen vor, die dem Nationalrat der Résistance angehörten. Alle Streitkräf-te der Résistance sollten die freiwillige Rückkehr der Wehrmachtstruppen aus Frankreich nach Deutschland unterstützen. Der Text dieses Abkommens ist im Mai 1944 allen Mitgliedern des Nationalrates der Résistance übermittelt worden. Ab Anfang Juni1944 waren Delegierte des Freien Deutschland in den Stäben des Generals Bordelais in Tarbes und in Pau tätig.
Während der letzten Periode des Krieges in Frankreich nach der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 wurden zahlreiche Zerstörungen von Brücken, von Kriegsmaterial, von Flugplätzen und Flugzeugen, die von der Wehrmachtsführung vorgesehen waren, durch Beauf-tragte des "Freien Deutschland" im Zusammenwirken mit den Streitkräften der Résistance ver-hindert. Delegierte unserer Organisation sorgten auch für die kampflose Kapitulation mehrerer größerer Einheiten der deutschen Armee. Ich selbst arbeitete an der Kapitulation der Truppen der Naziarmee in der Corrèze in Verhandlungen mit den dortigen Wehrmachtskommandeuren mit.
Die Zusammenarbeit mit dem Nationalrat der Résistance und dem Comité de la Libération unter Charles de Gaulle während der Illegalität gestattete es dem Komitee "Freies Deutschland" für den Westen sofort nach der Befreiung im September 1944 offizielle Büros in Paris, Lyon, Mar-seille und Toulouse zu eröffnen. Die Arbeit der deutschen Antifaschisten erstreckte sich nun auf die deutschen Kriegsgefangenen im französischen Gewahrsam. Kampf gegen die Naziideologie, Vorbereitung der deutschen Soldaten auf die demokratische Erneuerung in Deutschland, Fahn-dung nach Kriegsverbrechern - das waren die Aufgaben der Delegierten unseres Komitees in dieser Zeit.
28 Frontdelegierte des Komitees "Freies Deutschland" begleiteten französische Einheiten auf ihrem Vormarsch nach Deutschland. Die Aufgabe der Frontdelegierten bestand darin, sich mit Flugblättern und Lautsprecheranlagen an die deutschen Soldaten zu wenden, um sie zu bewegen, ihr Leben nicht mehr in den letzten Kriegsmonaten aufs Spiel zu setzen, sondern zu den franzö-sischen Truppen überzulaufen. Ich selbst war von Dezember l944 bis zum 8. Mai 1945 in der Sektion für psychologische Kriegsführung im Stab von General de Larminat an den letzten Stützpunkten der Wehrmacht an der Atlantikküste tätig.
Mit der Reaktivierung zahlreicher französischer Berufsoffiziere, die nicht in der Résistance tätig gewesen waren, oft sogar dem Vichy-Regime gedient hatten, verschlechterten sich aber die Be-dingungen für die Arbeit der Delegierten des Komitees in den Kriegsgefangenenlagern und an der Front. An vielen Orten wurde unsere Tätigkeit erschwert oder unterbunden. Im August 1945 erklärte das Komitee "Freies Deutschland" in Paris seine Auflösung. Der Platz seiner Delegierten und Mitarbeiter war jetzt in Deutschland selbst.
Eine Erklärung für die Ablehnung der französischen Militärbehörden unserer Organisation ge-genüber, besonders seit 1945, fand die Historikerin Prof. Barbara Vormeier von der Universität Lyon kürzlich in einem Dokument, das sie veröffentlicht hat. Die Renseignements Généraux, die politische Polizei in Frankreich, gab im Winter 1944 einen Bericht an die französische Regie-rung über das ja nun legale Komitee "Freies Deutschland" für den Westen. Es wurde versichert, dass an der antinazistischen Gesinnung und Entschlossenheit der Leiter und Mitglieder dieser Bewegung nicht gezweifelt werden könne, dass sie aber eigenständige deutsche Interessen ver-treten würden, die nicht immer übereinstimmten mit der geplanten französischen Besatzungspo-litik in Deutschland. Ein Bericht, der sicher einige Wahrheiten enthält.
So wurde eine über mehrere Jahre hinweg fruchtbare Zusammenarbeit zwischen deutschen Hit-lergegnern und französischen Résistancekämpfern beendet. In Frankreich, wo mehr als in ande-ren besetzten Ländern zahlreiche Ausländer Zuflucht fanden, hatten wir immer wieder nicht nur mit französischen Patrioten, sondern auch mit spanischen, polnischen, italienischen, jugoslawi-schen und russischen Widerstandskämpfern zusammengewirkt. Wir betrachteten das durchaus als eine Vorbereitung auf das vom Hitlerregime befreite Europa. Dieser Gedanke ist übrigens wiederholt in der illegalen Presse der französischen Résistance hervorgehoben worden, Ich möchte dazu nur eine Zeitung zitieren, und zwar "Le Combat" vom 12. Dezember 1943. Es heißt darin:
"Vom Nordkap bis zur Pyrenäengrenze, von der Kanalküste bis zum Ägäischen Meer stehen Millionen Menschen, wie verschieden ihre Sitten und ihre Sprache auch sein mögen, in demsel-ben Kampf gegen denselben Feind: im Kampf der Freiheit gegen die Sklaverei, der Gerechtig-keit gegen das Unrecht, des Rechts gegen Gewalt.
Wir sind Zeugen eines Wunders, eines gewaltigen Wunders, das aus Blut und Tränen hervorge-gangen ist. Es ist das Wunder des Widerstandes. Der europäische Widerstand ist das Band für die Zusammenschlüsse von morgen. Die heutigen Regierungen sollten sich über Folgendes im Klaren sein: Die nötigen Zusammenschlüsse werden von ihren Völkern durchgesetzt werden, und an der Spitze wird man in allen Ländern Männer des Widerstandes finden. Die Männer des europäischen Widerstandes werden morgen das neue Europa errichten."
Nun, die Hoffnungen der europäischen Widerstandskämpfer auf ein von ihnen geprägtes Europa, die in diesem Artikel zum Ausdruck kamen, sind nicht erfüllt worden. Es gab zwar Zusammen-schlüsse in Europa nach dem Krieg im Westen wie im Osten, aber die Erfahrungen des europa-weiten Widerstandes gegen das Naziregime spielten dabei kaum eine Rolle, mehr der Kalte Krieg, den beide Seiten kräftig schürten und die Blockbildung im Gegensatz zum anderen.
In den bilateralen Beziehungen eines der deutschen Teilstaaten mit Frankreich spielten die Er-fahrungen und Verbindungen aus der Zeit der Résistance schon eher eine Rolle. Der erste Botschafter der DDR in Frankreich war Ernst Scholz, ehemaliger Spanienkämpfer und ab 1942 Partisanenführer in den Alpen bei Grenoble. Als er 1974 Präsident Pompidou im Elysée Palast sein Beglaubigungsschreiben überreichte, sagte der Präsident: "Wir wissen es zu schätzen, dass Ihr Land als Botschafter zu uns einen Mann gesandt hat, der in den schwersten Stunden unserer Geschichte an der Seite Frankreichs stand." Ernst Scholz waren viele Tore geöffnet, die ein anderer kaum passiert hätte.
Ähnlich wirkungsvoll war fast zur gleichen Zeit die Tätigkeit des französischen Botschafters Bernard de Chalvron in Berlin.
De Chalvron, Leiter der weit verzweigten Résistanceorganisation "Noyautage de l'Administration Publique", die sich mit der Durchdringung des Staatsapparates von Vichy mit Widerstandskämpfer befasste, war nach seiner Verhaftung 1943 in das KZ Buchenwald deportiert worden. Er gehörte dort dem Internationalen Komitee an, das den Widerstand gegen die SS führte. Seine erste Amtshandlung in Berlin bestand darin, seine deutschen Buchenwald-Kameraden in seine Residenz einzuladen. Einige von ihnen kannte er von gemeinsamen Aktionen im Lager.
In der Bundesrepublik Deutschland spielte die Mitwirkung der Deutschen an der Résistance überhaupt keine Rolle, obwohl viele Teilnehmer an diesen Kämpfen auch nach Westdeutschland zurückgekehrt waren. In der DDR wurde dieser Teil des europäischen Widerstandes zunächst gewürdigt. Doch mehrere deutsche Résistancekämpfer stießen auf Misstrauen als Westemigranten. Einige sind verfolgt worden wegen unserer Zusammenarbeit mit den französischen Behörden, besonders aber wegen der Zusammenarbeit der Militärkommission des Komitee "Freies Deutschland" für den Westen nach der Befreiung Frankreichs mit dem amerikanischen Geheimdienst OSS. Für uns waren die USA-Militärs Verbündete der Antihitlerkoalition und wir haben mit ihnen zusammen Wege gesucht, um erfahrene deutsche Antifaschisten noch während des Krieges in Deutschland einzusetzen. Das war für uns ebenso selbstverständlich wie die Zusammenarbeit mit französischen Regierungsstellen.
In der offiziösen Geschichtsschreibung Frankreichs, in den Schulbüchern existierten die Deutschen in der Résistance jahrzehntelang überhaupt nicht. Zwar hatten wir von der französischen Regierung dieselben bescheidenen Kriegsrenten erhalten wie unsere französischen Kameraden, ebenso die uns zustehenden Orden und Auszeichnungen, aber nur sehr wenige Franzosen wussten überhaupt von uns. Das hat sich erst in den letzten Jahren geändert. Im Juli 1995 fand, besonders auf Initiative des französischen Professors CuIIin, in der Technischen Universität in Berlin ein internationales Kolloquium statt über die Beteiligung Deutscher, auch Österreicher an der Résistance. Der französische Botschafter François Scheer sagte in seiner Rede zu Beginn des Kolloquiums:
"Wir Franzosen wissen, welchen bedeutenden Beitrag die deutschen Hitlergegner zur Befreiung unseres Landes geleistet haben. Daran immer und ständig zu erinnern ist ein mahnender Auftrag für diejenigen, die die deutsch-französische Verständigung und Zusammenarbeit heute fördern und weiterentwickeln wollen. Ohne die Erinnerung an diese Zeit, ohne das Bewusstsein, das diese Menschen, die heute geehrt werden, alle ein Frankreichbild haften, das nach 1945 dauerhaft die Erben der Résistance prägte, ist jeder Diskurs über deutsch-französische Beziehungen heute oberflächlich und nicht zielführend."
In Frankreich zirkuliert gegenwärtig eine große Ausstellung über den deutschen Widerstand gegen das Naziregime von 1933-45, die von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, einem Institut des Bundes, und dem Résistance-Museum der Stadt Paris erarbeitet wurde. Darin werden auch die Deutschen in der Résistance gewürdigt. Und als 1998 in Frankreich der jährliche Wettbewerb von Geschichtsaufsätzen unter den Oberschülern über die Résistance das Thema "Die Ausländer in der Résistance" erhielt, waren auch Deutsche zu Vorträgen in den Schulen eingeladen. Die Erinnerung an die Résistance - zahlreiche Arbeiten der Schüler beweisen es - hat den Sinn für Toleranz, die Verurteilung des Rassismus in jeder Form und das Verständnis für die europäische Zusammenarbeit bei den Jugendlichen gestärkt.
Die ethischen Werte, die alle Kämpfer gegen den Faschismus miteinander verbanden, sind nach wie vor aktuell. Die Besinnung auf die Gleichberechtigung der Völker an Stelle von Machtpolitik, die kompromisslose Verurteilung des Rassismus und der Diskriminierung ethnischer Minderheiten, ist besonders angesichts der einschneidenden Ereignisse auf dem Balkan sehr notwendig. Für die deutsch-französischen Beziehungen gibt es keine bessere Grundlage, als die Erinnerung an die opferreiche Beteiligung der Deutschen an der Résistance. 127 deutsche Frauen und Männer sind als Widerstandskämpfer in Frankreich von den Nazis ermordet worden. Sie gehören zu den Vorkämpfern für eine dauerhafte deutsch-französische Freundschaft und damit auch für ein