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Pierre Durand:

"Paris, das sich selbst befreite"

Der Autor - Offizier der französischen Résistance-Armee FFI, Präsident des Internationalen Buchenwald-Komitees

"Ich grüße Paris, das sich selbst befreit hat", rief General de Gaulle aus, als er am 25. August 1944 in der französischen Hauptstadt eintraf. Man konnte das Volk von Paris nicht besser würdigen als mit diesen Worten. Ich war damals noch im Konzentrationslager Buchenwald und konnte so nicht an dem außerordentlichen Ereignis teilnehmen. Ich kann aber sogen, sobald wir in Buchenwald davon erfuhren - und das ging sehr schnell - war das ganze Lager in heller Aufregung.

In diesem Babel, wo Männer aus allen Völkern Europas eingesperrt waren, erlebten wir einen Augenblick des Glückes. Die Franzosen wurden begeistert umarmt. Jeder verstand, dass die Kapitulation der Wehrmacht in dieser großartigen Stadt, die vier Jahre zuvor von Hitler erobert worden war, das baldige Ende des Krieges ankündigte. Henri Noguères schrieb dazu in seiner großen "Geschichte der Résistance in Frankreich": "Als in dieser vom Krieg beherrschten Welt in London, in Washington, aber auch in Berlin und in Tokyo auf den Fernschreibern die Worte erschienen, die bedeuteten, dass Paris befreit war, hatte jeder das Gefühl, dass die Alliierten jetzt endgültig den Krieg gewonnen hatten."

Es war heiß in diesem Sommermonat. An der französischen Mittelmeerküste hatte mit der Operation "Dragoon" eine Landung von elf alliierten Divisionen begonnen, von denen sieben französisch waren, unter dem Befehl des späteren Marschalls de Lattre de Tassigny. Am 18. August hatte ein Generalstreik Marseille lahmgelegt. Die große Hafenstadt, auch Toulon, bedeutender Stützpunkt der Nazikriegsmarine, waren befreit. Die Streitkräfte der Résistance hatten den ganzen Süden Frankreichs bis zur Atlantikküste befreit. In Grenoble war die Wehrmacht schon am 22. August besiegt worden. So hatte die Résistance das Rhone-Tal für die in der Normandie gelandeten Alliierten geöffnet.

Doch was wird mit Paris geschehen? Die Landungstruppen kämpfen sich mühsam nach Osten vor und haben am 15. August Stellungen etwa hundert Kilometer von Paris entfernt erreicht. Von Choltitz, Militärkommandant von Paris, hat von Hitler den Befehl bekommen, Paris um jeden Preis zu halten. Von Rundstedt, Oberkommandierender an der Westfront, hat den Befehl gegeben, alle Partisanen, die in die Hände der Wehrmacht fallen, sofort zu erschießen. Am 17. August werden 35 junge Patrioten am Wasserfall des Bois de Boulogne erschossen, sieben andere vor dem Sitz der Gestapo in der Rue Leroux, 26 in der Festung von Vincennes. Doch der Terror kann das Volk nicht mehr aufhalten. Am 10. August haben die Pariser Eisenbahner die Arbeit niedergelegt und die Rangierbahnhöfe besetzt. Am 16. folgen ihnen die Postangestellten, die den Verkehr nur noch für die Verbindungen aufrechterhalten, die für die Résistance unentbehrlich sind. Radio Paris, unter dem Befehl der Besatzungsmacht, stellt am 17. alle Sendungen ein. Am 18. rufen die CGT und die christliche Gewerkschaft CNTC den Generalstreik aus.

Am selben Tag werden die Mauern der Stadt von Plakaten bedeckt, in denen die kommunistischen Abgeordneten und Stadträte vor dem Krieg dazu aufrufen, mit dem "Aufstand zur Befreiung" zu beginnen. Am 19. appellieren der Nationalrat der Résistance und das Pariser Komitee für die Befreiung, sich dem Aufstand anzuschließen. Die Polizei geht ihrerseits in den Ausstand und wird von den Besatzern mit Panzern angegriffen.

Am 20. befiehlt Oberst Rol-Tanguy, ehemaliger Offizier der Internationalen Brigaden in Spanien, Oberkommandierender der Streitkräfte der Résistance (FFI) in der Pariser Region, von seinem Hauptquartier in den Katakomben aus die Generalmobilisierung. Paris wird von Barrikaden bedeckt und die Truppen von Choltitz' gezwungen, sich auf einige Stützpunkte zurückzuziehen, die von den Partisanen angegriffen werden.

Rol-Tanguy hatte seinen Stabschef, Major Gallois, beauftragt, mit den auf Paris vorstoßenden amerikanisch-französischen Truppen Kontakt aufzunehmen, um sie zu bitten, so rasch wie möglich in die Hauptstadt einzuziehen. Der US-General Patton lehnt es ab, seine Einheiten sofort nach Paris in Marsch zu setzen. Gallois sucht dann den französischen General Leclerc auf, der sich im Widerspruch zu den amerikanischen Befehlen dazu entschließt, den Aufständischen in Paris zu helfen und seine Panzer beschleunigt in Richtung Paris rollen lässt. Am 23. erreichen sie die Stadtgrenze und bewegen sich kämpfend auf das Zentrum zu. Die Aufständischen ihrerseits hatten das Rathaus besetzt, die Besatzer im Senatsgebäude und in der Kaserne "Prinz Eugen" umzingelt. Die Kämpfe toben.

Im Laufe dieser Gefechte nimmt der FFI-Oberst Fabien* (ich hatte die Ehre sein Stellvertreter vor meiner Verhaftung zu sein) mit Hilfe von sieben Panzern Leclercs das Senatsgebäude ein. André Tollet, Vorsitzender des Pariser Befreiungskomitees, schrieb dazu: "Wie üblich nutzte Fabien alle die ihm gebotenen Möglichkeiten aus, auch die außergewöhnlichsten. Im Rückwärtsgang ließ er mit Sand beladene Lastkraftwagen auf die Blockhäuser vor dem Senat zurollen, die beim Zusammenstoß ihre Last abwarfen und so die Schießscharten verstopften. Die blind gewordenen Bunker wurden dann mit Granaten gesäubert, mit Handgranaten, die von den Arbeitern des Gnome und Rhône-Betriebes für die Aufständischen hergestellt worden waren."

Am 25. August kapituliert von Choltitz in seinem Hauptquartier im Hotel Meurice, das von Aufständischen eingeschlossen und von Panzern Leclercs bedroht war.** Er wird zunächst zur Polizeipräfektur, dann zum Bahnhof Montparnasse gebracht, wo er die Kapitulationsurkunde unterzeichnet, die die Unterschriften von General Leclerc und des Kommandanten der FFI, Oberst Rol-Tanguy, trug. So wurde die bedeutende Rolle und die Legitimität der Résistance sowohl von den höchsten militärischen Instanzen Frankreichs, wie vom Repräsentanten der Wehrmacht anerkannt.

(*) Oberst Fabien, ebenfalls Spanienkämpfer, Initiator des bewaffneten Kampfes gegen die Okkupanten, arbeitete nach der Befreiung von Paris eng mit deutschen Antifaschisten zusammen. In seinem Regiment, das mit den Alliierten nach Deutschland vorstieß, waren mehrere Frontdelegierte des Komitees Freies Deutschland für den Westen tätig.
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(**) Die deutschen Soldaten in der Hauptstadt waren über das von den FFI eingenommene Radio-Paris in deutscher Sprache von Harald Hauser, Generalsekretär des Komitees Freies Deutschland für den Westen, wiederholt aufgefordert worden, die Waffen niederzulegen.