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Daniela Dahn:

55 Jahre Kriegsende

 

Was hat dieses Datum für meine Generation, einige Jahre noch dem Krieg geboren, für eine Bedeutung? Vom Krieg, wie auch von seinem Ende, haben wir in Geschichtsbüchern gelesen. Und natürlich von den Älteren erzählt bekommen. Zugehört mit großen staunenden Augen, ein wenig wie Märchenerzählern, die die gruseligen Stellen bevorzugen.

Doch die Kulissen zu diesen Geschichten standen ja noch weitgehend, da mussten wir unsere Phantasie nicht überstrapazieren. Unsere Spielplätze - Ruinen. Die Mauern waren in den 50er Jahren zwar schon abgetragen, aber die Keller, die Fundamente, die unterirdischen Gänge lagen bloß wie Gedärme. Die Wunden des Krieges, die waren doch auch ganz die unseren. Von schlecht genährten Müttern geboren, selbst mit Magermilch bekocht, Obst und Fleisch eher selten, so waren wir vorherbestimmt, keine Kinderkrankheit auszulassen. In mangelhaft ausgerüsteten Krankenhäusern kümmerte man sich um unsere Gelbsucht und Rachitis. Buddeleimer und Kuchenform? Das ganze Land war ein Sandkasten. Unsere Eierpampe rührten wir in gefundenen Stahlhelmen an.

Unsere Väter waren immerhin zurückgekehrt, vom Volkssturm, aus der Kriegsgefangenschaft, aus den Lagern und Zuchthäusern, aus der Emigration, einige wenige aus dem Widerstand, noch weniger sogar aus der Résistance. Ihre so verschiedenartigen Geschichten erzählten sie oft vereinfacht oder gar nicht, den Blick nach vorn. Unsere Mütter gehörten zu den Frauen, die sich glücklich schätzen konnten, angesichts der notorischen Männerknappheit, einen abbekommen zu haben. Zumindest vorerst. Denn die Männer konnten sich einiges herausnehmen, in dieser privilegierten Situation. Aber viele unserer Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, Ärztinnen und späteren Schwiegermütter waren Kriegswitwen oder Alleingebliebene, zu einem verbitterten Leben ohne Mann und komplette Familie verdammt. Unsere Großmütter erzählten nicht nur von vermissten Männern, sondern auch von gefallenen Söhnen.

Die Bäume in meiner Straße, einem Berliner Vorort, steckten so voller Munition und Granatsplitter, dass kein Sägewerk sie haben wollte. Die beschädigten Dächer im Ort waren noch jahrelang undicht. Im Gedächtnis bleibt das im Halbschlaf wahrgenommene Geräusch von Wassertropfen, die in bereitgestellten Zinkschüsseln aufgefangen werden ... Und der Anblick gesprengter Brücken. Die Schule lag jenseits des Kanals, erreichbar nur über eine schmale, notdürftig zusammengezimmerte Fußgänger-Brücke aus Holz, wie man sie sonst eher aus Dschungelbildern kennt. Die Fahrräder mussten geschoben werden, 30 Jahre lang Leben in Provisorien.


Bis Ende der 50er Jahre standen noch russische Posten an allen Brücken rund um Berlin, selbst an dieser. Junge Kerle, die froren und sich langweilten. Wenn wir kleinen Mädchen ein wenig herumstanden und lächelten, hatten wir manchmal Glück und bekamen ein glitzerndes Abzeichen mit rotem Stern geschenkt. Die Jungs aus der höheren Klasse interessierten sich mehr für die umgehängten Maschinengewehre. Ein Posten ließ sich durch Gesten überreden, die Funktionsweise zu demonstrieren. Dabei löste sich eine Salve und durchlöcherte das Bein des Jungen. Der Posten ward nicht mehr gesehen, der Junge kam nach Monaten mit steifem Bein aus dem Krankenhaus. Beide taten uns leid. Kriegsbedingte Verletzungen selbst noch im Frieden.

Die Gewalt, die den Städten beim Wiederaufbau angetan wurde. Und die Schmach, wenn die weithin sichtbaren Lücken offen blieben. Das Zentrum Halberstadts beispielsweise war rund um den einstigen gotischen Markt mit seinen prächtigen Fachwerkhäusern zwei Generationen lang nichts als Wiese und betonierter Parkplatz. Und die ersten zubetonierten Leerstellen im geistigen und kulturellen Leben. Den Mangel konnte nur empfinden, wer den Reichtum noch gekannt hatte oder sich nachträglich bewusst machte: Deutschland ohne Juden. Bernd Engelmanns Buch wurde zum prägenden Grunderlebnis. Allgegenwärtig das Gefühl von unwiederbringlichen und ganz und gar widersinnigen Verlusten, die künftig nur durch ewigen Frieden vermieden werden können.

Wie sollte da die Nachkriegsgeneration nicht mehr vom Krieg und seinem Ende betroffen gewesen sein? Angesicht der verpfuschten Teilung und der kaum besser gelungenen Vereinigung? Leben im Schatten von Geschichte, der niemand entkommt. Außer den meisten Verantwortlichen. Jeder Krieg wirkt viel länger nach, als diejenigen, die daran schuld waren, zur Rechenschaft gezogen werden können. Deshalb heißt es alarmiert sein, wenn Deutschland im Schulterschluss mit der NATO sich wieder anschickt Brücken zu bombardieren und Einflusssphären zu sichern. Die Entscheidungen fällen von Waffenhändlern umworbene Politiker. Die Konsequenzen tragen die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen. Und deshalb dürfen sie nicht müde werden, ihre Erfahrungen den ganz Jungen zu übermitteln, damit diese sie niemals mehr am eigenen Leibe machen müssen.