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19. November 2000 – 100. Geburtstag von Anna Seghers

 

Freies Deutschland - Alemania Libre

An diesem Tag erinnert sich nicht nur die literarische Welt an diese bedeutende Schriftstellerpersönlichkeit Ihre antifaschistischen Kampfgefährten zollen ihr Respekt für ihr Engagement im gemeinsamen Wirken für Humanismus und Frieden. Ihr politisches Erbe gehört zu den wertvollsten Grundlagen für unseren heutigen Kampf.

Der Prozeß der Entfaschisierung des deutschen Volkes wird durch furchtbare Leiden gehn durch die Dezimierung der deutschen Jugend. durch die Verzweiflung von Millionen Müttern. durch die grausamsten Erfahrungen, mit denen verglichen die »Erziehung vor Verdun« eine zarte, milde Erziehung war: er wird auch durch Rückschläge gehen, durch bittre Enttäuschungen, durch unermüdliche Geduld, durch sehr viel Zeit, durch den Glauben und durch das Wissen von der Veränderung der Gesellschaft und des einzelnen Menschen. An diesem Prozeß wird jeder deutsche Antifaschist mithelfen. Denn nur dann ist er es wirklich.

Offizielle Homepage unter: www.anna-seghers.de

Aktuelle Mahnung aus berufenem Munde

1930 veröffentlichte Kurt Tucholsky in der "Weltbühne" einen Beitrag "Die deutsche Pest" über das dem Anwachsen des Faschismus förderliche politische Klima der Weimarer Republik jener Jahre. Die folgenden Auszüge widerspiegeln alarmierende Parallelen zur Gegenwart. Der unbequeme Mahner schied vor 65 Jahren, am 21. Dezember 1935, in Hindas im schwedischen Exil aus dem Leben.

"So instinktlos diese Republik ist, die sich noch niemals gegen ihre wirklichen und gefährlichen Gegner zu schützen gewußt hat, weil sie gar nicht geschützt sein will - in einer Beziehung haben Verwaltung und Rechtsprechung den richtigen Instinkt. Das zeigt sich in der Behandlung der Nationalsozialisten ...

Revolutionär sind die nie gewesen. Die Geldgeber dieser Bewegung sind erzkapitalistisch, der Groll, der sich in den Provinzzeitungen der Partei, in diesen unsäglichen "Beobachtern" ausspricht, ist durchaus der von kleinen Leuten: Erfolg und Grundton dieser Papiere beruhen auf Lokalklatsch und übler Nachrede. "Wir fragen Herrn Stadtrat Normauke, ob er die Lieferungen an die Stadt nicht durch Fürsprache seines Schwagers erhalten hat, der seinerseits dem Oberbürgermeister ..."


 

 

Anna Seghers mit Ludwig Renn Präsident der Bewegung "Freies Deutschland" in Mexiko und Latainamerika

Das freut die einfachen Leute; es zeigt ihnen, daß sich die Partei ihren Interessen annimmt, es befriedigt ihre tiefsten Instinkte - denn der Kleinbürger hat drei echte Leidenschaften: Bier, Klatsch und Antisemitismus. Das wird ihm hier alles reichlich geboten: Bier in den Versammlungen, Klatsch in den Blättern und Radau-Antisemitismus in den großmäuligen Parolen der Partei. Was ist nun an diesem Getriebe revolutionär?

Junge Leute, die tagaus, tagein im Büro sitzen; Studenten, die mit ihren paar Groschen kaum das Brotstudium bezahlen können, von echtem Studium ist schon lange nicht mehr die Rede; Arbeitslose, denen jede Abwechslung recht ist ... aus solchen Menschen setzen sich die "Sturm-Abteilungen" zusammen, die vor Gericht nicht einmal soviel Mut haben, auch nur den Namen aufrechtzuerhalten. "Wir SA-Leute sind Sportabteilungen ... was dachten Sie?" ...

Die Nazis terrorisieren viele kleine und manche Mittelstädte, und zwar tun sie das mit der Miene von Leuten, die ungeheuer viel riskieren; sie machen immer ein Gesicht, als seien sie und ihre Umzüge wer weiß wie illegal. Sie sind aber durchaus legal, geduldet, offiziös. Und hier beginnt die Schuld der Republik: eine Blutschuld.

Polizei und Richter dulden diese Burschen, und sie dulden sie in der durchaus richtigen Anschauung: "Mitunter ist es ja etwas reichlich, was hier getrieben wird. Keinen Totschlag! Nicht immer gleich schießen ... Aber, trotz allem: Diese da sind Blut von unserm Blut, sie sind nicht gegen, sondern für die Autorität - sie sind, im allertiefsten Grunde, für uns, und sie sind nur deshalb nicht ganz und gar für uns, weil wir ihnen nicht stramm genug sind und zu sehr republikanisch. Wir möchten ja auch gerne ... aber wir dürfen nicht ... Diese lächerlichen republikanischen Minister ... die Geheimräte da oben am grünen Tisch ... wir möchten ja ganz gerne. Und tun unser Möglichstes. Zurücktreten! Nicht stehenbleiben! Na ja ... aber es sind unsre, unsre, unsre Leute." Es sind ihre Leute.

Es sind so sehr ihre Leute, daß die verschiedenartige Behandlung, die Kommunisten und Nationalsozialisten durch Polizei und Rechtsprechung erfahren, geradezu grotesk ist ...

Stände heute ein Erzberger oder ein Maximilian Horden auf und sprächen sie in den Mittelstädten der Provinz und nun gar in Sachsen und Bayern: sie würden abermals niedergeschlagen werden. Vielleicht machte die Ortspolizei schwache Versuche, sie zu schützen; vor den Richtern kämen die Mörder mit einer vergnügten Verhandlung davon. Kein Wunder. Man höre sich die Vorlesungen der Universitäten an, man sehe die dort von den Behörden geduldeten Umtriebe, und man wird sich nicht wundern, daß eine so vorgebildete Richterschaft die Verbrechen der Nationalsozialisten im Herzen und im Grunde bejaht.