Home Navigationspfeil Navigationspfeil DrafdInfo200105_Gottfried Hama

Aus den Lüften auf den Boden der Realität geholt

Gottfried Hamacher

Nach meiner einjährigen fliegerischen Ausbildung wurde ich Anfang Februar 1941 als Unteroffizier und Bordfunker zum Sturzkampf-Geschwader 77 nach Wertheim am Main versetzt. Mein erster Fronteinsatz erfolgte im Mai 1941 in Griechenland auf der Insel Kreta. Im Anschluss daran erhielten wir einen zehntägigen Heimaturlaub. Am 12. Juni 1941 wieder bei der Staffel wurden wir nach Biala Podlaska, einer polnischen Stadt unweit der Grenze zur Sowjetunion, verlegt.

Schon während des Urlaubs hatte es in der Heimat Gerüchte gegeben, in denen von einem bevorstehenden Durchmarsch der Wehrmacht durch Russland nach dem Nahen Osten die Rede war. In Biala Podlaska konnten wir uns davon überzeugen, dass es Gründe für eine Truppenverlegung gab. Die Stadt und die umliegenden Wälder waren voll von Truppen aller Waffengattungen.

In meinem letzten Brief nach Hause, der von meinen Eltern sorgsam aufbewahrt wurde, schrieb ich dazu folgenden Satz, der die bei uns herrschende Ungewissheit über das Bevorstehende zum Ausdruck bringt: "Keiner von uns weiß, wo es hingeht. Uns wurde nur gesagt, dass die Verlegung in einigen Stunden schon, aber auch in einigen Wochen erst erfolgen kann."

Dass es zu einem Krieg mit Russland kommen könnte, ging über unser damaliges Vorstellungsvermögen hinaus. Schließlich bestand ein Nichtangriffsvertrag mit Russland, und wir sahen täglich, dass russische Güterzüge mit Rohstoffen, Öl und Lebensmitteln die Grenze passierten.

21. Juni 1941, mit einmal waren alle Gerüchte der letzten Tage und Wochen verstummt. Das, was wir nie auszusprechen gewagt hätten, wurde Wahrheit. Es geht gegen Russland. Am Nachmittag wurde uns der Befehl Hitlers verlesen. Darin hieß es, dass das bolschewistische Russland im Begriff stehe, das Reich zu überfallen und die Wehrmacht dem zuvorkommen müsse. Danach erhielten wir eine Stunde Unterricht über russische Flugzeugtypen. Ein Oberleutnant vom Bodenpersonal versuchte, uns über das "jüdisch-bolschewistische Regime" in Russland aufzuklären, dessen Beseitigung zur Rettung der abendländischen Kultur notwendig sei.

Am 22. Juni 1941 um 3 Uhr 33 erfolgte unser erster Angriff auf die Sowjetunion. Unser Ziel die Festung Brest. In Intervallen von 3 Stunden folgten weitere Angriffe bis zum späten Nachmittag. Keinerlei Abwehr, weder durch Flak noch durch Flugzeuge. Am zweiten Kriegstag, dem 23. Juni, wurde dieser Einsatz für meinen Flugzeugführer Rudi, für mich und für unsere JU 87 abrupt be-endet. Beim Start am Nachmittag erhob sich unsere Maschine als letzte in der Kette kurz vor der Platzumrandung auf 50 m Höhe und sackte dann ab. Der Motor erhielt keinen Kraftstoff mehr und schwieg. Wir landeten auf freiem Feld, wobei die linke Tragfläche den Boden schleifte und abbrach. Eine gefährliche Situation, denn gleich schlugen Flammen aus dem Benzintank unter der Tragfläche. Es gelang uns im letzten Augenblick unter Einsatz aller Kräfte aus der etwas verklemmten Maschine zu entkommen, bevor die 500 kg-Bombe explodierte. Das Schicksal hatte es noch einmal gut mit uns gemeint.

Für uns gab es keine Ersatzmaschine. Wir wurden zum Bodenpersonal versetzt. In einem LW-Bus reihten wir uns in die nach Osten ziehende Heeresschlange eines Panzerkorps ein und erlebten so einen "Blitzkrieg" auf der Erde. Nichts deutete darauf hin, dass auf russischer Seite Vorbereitungen für einen Krieg getroffen waren bzw. ein sowjetischer Überfall auf Deutschland gedroht hätte. Dafür aber sahen wir in jeder Ortschaft, die wir durchfuhren, reihenweise erschossene Zivilisten in den Straßengräben liegen. Frauen und Männer verschiedenen Alters und niedergebrannte Häuser. Auf dem Wege nach Minsk, der Hauptstadt Belorusslands, machten wir auf halbem Wege in Sluzk vor einer Schule eine Verpflegungspause. Im Klassenraum lagen deutschsprachige Bücher: Goethe, Schiller, Lessing, Heine. In meinem Kopf ging alles durcheinander.

Vierhundert Kilometer waren wir in den letzten Tagen nach Osten gefahren und keine Kampfhandlungen von russischer Seite. Wir erhielten dann den Befehl, mit der Eisenbahn zu einer anderen Gruppe unseres Geschwaders an die rumänische Front zu fahren. Nach einer achttägigen Bahnfahrt kamen wir an unserem Bestimmungsort Jasi an. Die Front hatte sich hier seit dem 22. Juni nicht wesentlich verändert, aber ganz ruhig war es hier nicht. Die rumänischen Truppen waren nach dem Überfall wieder über den Grenzfluss Prut zurückgeschlagen worden. Auf dem Liegeplatz trafen wir mit Kameraden zusammen, die wir von Kreta her kannten. Wir erfuhren, dass in den letzten Tagen bereits zwei Maschinen durch russische Flak abgeschossen wurden und damit vier Kameraden als vermisst galten.

Am 9. Juli 1941 startete unser erster Flug in der neuen Staffel. Der Auftrag lautete: Zerstörung der Dnjestr-Brücke bei Tiraspol. Sie wurde in den Vortagen schon mehrmals von der Staffel angegriffen, aber nie getroffen, auch dieses Mal nicht. Schon beim Anflug umsäumten uns Dutzende Detonationswölkchen, immer in unserer Flughöhe bleibend. Beim Abendgespräch sagten uns die Kameraden: Das wäre hier immer so.

Am 10. Juli 1941 beim Start mit Anflug auf die Schicksalsbrücke in Tiraspol erwischte es uns böse. Die russische Flak spielte mit uns Roulette. Wen würde es diesmal treffen? Natürlich unsere Maschine, die Letzte beim Sturzflug. Ein Treffer in die Tragfläche, ein anderer in den Motor. Uns blieb nur noch der Fallschirm. Wir landeten in einem Weizenfeld, wollten uns bis zum Dunkelwerden darin verstecken, um dann zu fliehen versuchen. Unser Absprung war jedoch nicht unbemerkt geblieben. Wir hörten Rufe und sahen eine etwa zwanzig Personen starke Grup-pe von Frauen, älteren Männern und einige halbwüchsige Jugendliche, die auf unser Versteck zukamen. Ein Soldat mit einem Gewehr kam hinzu und rief der Menge etwas zu, die sofort stehenblieb. Dann gab er zwei Schüsse über unsere Köpfe ab. Für uns nur zwei Möglichkeiten, uns abknallen zu lassen oder gefangen zu geben. Wir hoben die Hände, traten aus unserem Versteck heraus. Der Soldat nahm uns Koppel und Pistolentasche ab und hieß uns hinzusetzen. Dann geschah Unerwartetes. Der Soldat sagte etwas zu der Menge, eine junge Frau trat vor und fragte auf Deutsch, ob wir vielleicht essen oder trinken möchten. Wir sagten, dass wir Durst hätten. Sie übersetzte es, worauf ein Junge übers Feld lief und mit einem Krug Milch zurückkam.

 

Ein Bauernwagen brachte uns in den nahegelegenen Ort, wo wir dem Dorfältesten übergeben wurden. Kurz darauf hielt draußen ein LKW, ein Offizier nahm uns in Empfang und nun, so glaubten wir, käme das Ende. Wir fuhren nach Tiraspol über die Dnjestrbrücke. Just in diesem Augenblick gab es Fliegeralarm. Es war unsere Staffel. Ein höllischer Lärm, die Sturzkampfbomber-Sirenen gemischt mit den Flakschüssen. Die Bomben fielen wieder alle ins Wasser. (Aus 400 m Höhe sieht eine Brücke wie ein Strich aus und ist mit dem Auge nur schwer zu treffen.) Wir wurden auf eine Militärwache gebracht. Der diensthabende Offizier hätte ein Deutscher sein können, so gut beherrschte er unsere Sprache. Er registrierte uns an Hand unserer Identitätskarte, die wir für solche Fälle in der Brusttasche trugen. Dann kam die Gretchenfrage: "Warum überfallen Sie unser Land, das Land des Sozialismus?" Da wir darauf keine Antwort geben konnten, unterließ er weitere Fragen. Er war uns gegenüber höflich. Wir verbrachten die erste Nacht in der Wache, in der auch sowjetische Soldaten schliefen. Am anderen Morgen wurden wir wieder von dem Offizier abgeholt und in eine Flakstellung am Rande der Stadt gefahren. An den 7,5 cm Geschützen standen junge Frauen in Uniformen. Der Offizier zeigte auf sie und sagte: "Das sind unsere sowjetischen Frauen, die Sie vom Himmel heruntergeholt haben, damit Sie auf unser Land keine Bomben mehr werfen."

Dann wieder rauf auf den LKW. Vor einem dichten Wald hielten wir. Man hieß uns aussteigen, führte uns zu einer Schneise. In einem Abstand von etwa zehn Metern sollten wir einzeln vorwärts gehen und nicht zurückblicken. Nach einer Weile warf ich, der ich in der Mitte ging, doch einen Blick zurück und sah den Offizier mit vorgestreckter Pistole hinter uns. Er schrie sofort: "Sie sollen nach vorne sehen." Nun war ich davon überzeugt, dass wir aus diesem Wald nicht lebend herauskommen würden. Am Ende der Schneise war eine Lichtung, von der wir nach rechts abbogen und plötzlich vor einer russischen Feldküche standen. Man forderte uns auf, an einem Graben nieder zu sitzen. Jeder von uns erhielt ein russisches Kochgeschirr voll Kohlsuppe mit viel Fleisch und einen Kanten Schwarzbrot. Es war unser erstes Essen seit der Gefangennahme. Wir schöpften wieder Hoffnung. Warum sollte man uns zu essen geben, um uns danach zu erschießen. An eine Henkersmahlzeit glaubten wir nicht. Das passte nicht zu unserem jetzigen Bild von den Russen.

Vier Wochen waren wir in einem Güterzug un-terwegs bis zum ersten Lager. Die Fahrt war in-sofern bemerkenswert, dass der Zug oft hielt und umgeleitet wurde. Wenn wir hielten, öffneten die Posten die Waggontüren, damit wir frische Luft tanken konnten. Draußen standen dann immer Eisenbahner und andere Arbeiter sowie Frauen und Männer, die uns mit Fragen bestürmten. Warum habt ihr uns überfallen, zerstört unsere Wohnstätten, tötet unsere Menschen. Wo sind die deutschen Kommunisten? Wo ist Ernst Thälmann? Fragen über Fragen, auf die diese Menschen eine Antwort von denen haben wollten, die bei ihnen eingefallen waren. Wir konnten sie ihnen nicht geben. Seltsamerweise war bei ihnen kein Hass uns gegenüber zu verspüren. Sie be-schenkten uns sogar mit Tabak (Machorka), Keksen, Bonbons und einigen Rubel.

Im Rückblick würde ich meinen, dass es bei mir in erster Linie gefühlsmäßige Momente waren, die den ersten Anstoß zum Nachdenken über den wahren Charakter des Krieges gegen die Sowjetunion lieferten. Das, was ich in den ersten Wochen und Monaten meiner Kriegsgefangenschaft sah und erlebte, hinterließ in mir Eindrücke, die so gar nicht zu einem Feindbild passen wollten, das uns die Goebbels-Propaganda über den russischen "Untermenschen" vermittelt hatte.

Niemals werde ich die sowjetische Ärztin im Lager Jelabuga an der Kama vergessen, die mich im Oktober 1941 wegen schwerer infektiöser Hautausschläge an beiden Beinen behandelte, eine Bluttransfusion vornahm, was wesentlich zum Heilungsprozess beitrug. Man bedenke, mir, einem kriegsgefangenen Soldaten der feindlichen faschistischen Armee, wurde eine Blutkonserve zur Verfügung gestellt, die in dieser Zeit mehr als kostbar war. Im Winter 1942 erkrankte ich im Lager bei Gorki an einer komplizierten Lungenentzündung. Ich dachte nicht, dass ich noch einmal auf die Beine kommen würde. Wieder war es eine sowjetische Ärztin, die mir Mut zusprach. Sie gab mir nicht nur Medizin, sondern brachte von zu Hause Honig und mal ein Ei mit, damit ich wieder genesen konnte. Sicherlich hatte sie das auch nicht im Überfluss. Viele von uns hatten ihr Leben solchen Ärzten zu verdanken. Das bleibt wohl unvergesslich.

Im Glauben, für Deutschland, für das Vaterland zu kämpfen, war ich wie viele Millionen anderer junger Deutscher in diesen Krieg gezogen. Nicht ahnend, dass die Feinde des deutschen Volkes im eigenen Lande sich befanden. Das zu erkennen, erwies sich als ein langer und schwieriger Prozess, in dem ich die Schranken der eigenen Vergangenheit zu überwinden hatte. So vergingen wichtige Monate, in denen ich mich mit meiner neuen Umwelt und den auf mich zukommenden Problemen geistig auseinandersetzen musste. Geholfen haben mir dabei in Hitlerdeutschland verfolgte deutsche Kommunisten und Antifaschisten sowie sowjetische Offiziere, die in den Kriegsgefangenenlagern als Politinstrukteure tätig waren. Im Frühjahr 1943 wurde ich gefragt, ob ich an einem Lehrgang der Antifaschule teilnehmen möchte. Ich sagte zu und besuchte den ersten Lehrgang an der zentralen Antifaschule in Taliza. Während dieser Zeit wurde am 12. und 13. Juli 1943 das Nationalkomitee "Freies Deutschland" gegründet, an dessen Vorbereitung ich in einer Arbeitsgruppe teilnahm. Im November 1943 wurde ich in Moskau von Erich Weinert als Armeebeauftragter an die Belorussische Front delegiert, wo ich in der 65. Armee meine Arbeit aufnahm. Mit dieser Armee legte ich als Beauftragter des NKFD den Kampfweg vom Dnepr über die Befreiung Belorusslands und Polens bis an die Oder zurück..