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Werner Goldstein: Drei Berliner sprangen über Berlin ab

 Der amerikanische Geheimdienst OSS - Office of Strategic Service - hatte sich lange sehr schwer getan mit seinem Ent­schluss, sich deutscher antifaschistischer Emigranten kommunistischer Überzeugung hinter den Linien der Nazi-Armeen im Westen zu bedienen. Doch schließlich rang man sich bei dem Stab im vornehmen Lon­doner Mayfair nahe der USA-Botschaft dazu durch, denn die Rote Armee stand bereits bei Weichsel und Oder in Richtung Berlin, und die "zweite Front", erst spät im Juni 1944 in der Normandie verlustreich gestartet, war mit den Rückschlägen beim niederländischen Arnheim und in den Ardennen in eine Sackgasse geraten.

So wurde Joseph Gould, ein Leutnant beim OSS in London, der in Friedenszeiten Gewerkschafter und Filmautor war, beauftragt, in der Freien Deutschen Bewegung in Großbritannien, die vom britischen Geheimdienst MI 5 beschattet wurde, sieben "geeignete" Agenten zu finden, die in drei Schlüsselpunkten in Nazideutschland - Berlin, Ruhr und Bayerische Alpen - abspringen sollten, um über Funkgeräte Truppenbewegungen, Eisenbahnknotenpunkte, Rüstungsbetriebe und nicht zuletzt die politische Stimmung der Bevölkerung im Bombenhagel auszukundschaften.

Rekrutierung und Ausbildung

"Gould's Studenten", schreibt 1979 Joseph E. Persico in seinem Buch über die Geheimdienstmissionen der OSS in Hitlerdeutschland während des 2. Weltkrieges (Piercing the Reich), "waren ein Vergnügen für die Instrukteure - ernsthaft, tüchtig arbeitend, stets bereit mit originellen Ideen".

In der Tat, jeder der dann ausgewählten sieben 31-40jährigen hatte einen Arbeiterberuf erlernt, antifaschistische politische Erfahrungen illegaler Parteiarbeit und Gefängnis bei den Nazis und verstand, mit Menschen "zu arbeiten".

Nach acht Wochen Agententraining und vier Tagen Fall­schirmübung waren die Sieben einsatzbereit, aufgeteilt als Einzel- oder Doppeleinheiten, bestens ausgestattet mit echter deutscher Bekleidung, guten Ausweisen und einem Funkgerät nebst Codenamen, last not least, eine Zyanid-Kapsel.

Absprung über Berlin

Drei der Sieben sprangen als Berliner über oder eher nahe der Reichshauptstadt ab.

Genannt sei als erster der Jüngste unter ihnen, der damals 31jährige Adolf "Appel" Buchholz, Codenamen der Aktion "Mallet" (Holzhammer).

Der gelernte Former aus den Spandauer Deutschen Industriewerken hatte eine die Amerikaner stark beeindruckende Biographie: Jungkommunist, KPD-Genosse, Gewerkschafter, Illegaler im 3. Reich und dafür von den Nazis mit 21/2 Jahren Zuchthaus Luckau bestraft, schließlich im Prager und Londoner Exil als Gründer der antifaschistischen Freien Deutschen Jugend bekannt (Eine Biographie, die nach 1945 in der DDR ergänzt wurde: leitend bei der Entwicklung des Hüttenwesens, besonders beim Eisenhüttenkombinat Ost und in der Maxhütte Unterwellenborn).

"Mallet" kam zu spät

Adolf Buchholz sprang planmäßig allein ab, getarnt als Gestapo-Beamter, landete im Bombenhagel nördlich von Berlin in Gransee, marschierte zu Fuß - Bahnen fuhren nicht - etwa 70 Kilometer zu seiner Schwester nach Spandau, nachdem er sein Kundschaftergerät bei der Absprungstelle sicher vergraben hatte.

Doch "Mallet" kam unter den unerwartet schwie­rig örtlichen Verhältnissen nicht mehr zum Zug, obwohl er in Spandau wichtige In­-for­mationen ausmachte. Die zweite Aprilhälfte erwies sich für seinen Einsatz als zu spät. Sowjettruppen schlossen den Ring um Hitlers Berlin, eine Funkverbindung konnte nicht mehr zustande kommen.

"Appel" stellte sich auftragsgemäß BBC-Signal einem sowjetischen Offizier als "OSS-Kundschafter".

Erfolg für "Hammer"

Glücklicher operierten die beiden anderen, früher gestarteten: Paul Lindner und Tony Ruh, Codenamen "Hammer". Sie landeten westlich von Berlin, erreichten das Haus von Lindners Vater, von wo aus sie schon nach 12 Tagen den vereinbarten Funkkontakt mit "Moskito"-Jagdbombern aufnahmen und mehrmals wichtige Beobachtungen übermittelten, nicht zuletzt andere Berliner gewannen, die Stadt, im besonderen eine Brücke, vor Zerstörung durch die Wehrmacht zu schützen.

Von den Sieben aus der Freien Deutschen Bewegung in Großbritannien kehrten zwei, Werner Fischer, Codenamen "Kreissäge", bei Leipzig abgesprungen, und Kurt Gruber, Codenamen "Chisel" (Meißel), Absprungziel Ruhrgebiet, nicht zurück.

Über sie alle urteilte ein hoher OSS-Offizier laut J. E. Persico:

"Diese Leute haben unseren Organisationen einen extrem wertvollen Dienst während der Periode der Feindseligkeiten geleistet ..."

In der DDR durfte ihr heroisch zu nennender Anti-Hitler-Einsatz leider nicht öffentlich gemacht werden.