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Jonny Granzow: Castres 2001 - Ein Geheimgefängnis der Vichy-Regierung der Vergessenheit entrissen

 Vorgeschichte: Ende Oktober 1943 erhielt der Schlosser Gustav Granzow aus Berlin-Reinickendorf im Strafgefängnis Plötzensee den persönlichen Nachlass seines Sohnes Kurt ausgehändigt, der am 10. September dort hingerichtet worden war. Zwei Zettel befanden sich darin, bedeckt mit Ortsnamen und Daten. Auf dem einen ließ sich der Kampfweg von Kurt Granzow in den Inter­na­tionalen Brigaden in Spanien nachvollziehen; auf dem anderen waren die Haftorte nebst Zeiträumen vermerkt, in denen er nach dem Grenzübertritt nach Frankreich 1939 bis zu seiner Überführung nach Deutschland im Jahre 1943 eingesperrt war. Diese beiden Zettel befinden sich immer noch in meinem Besitz. Und sein letzter, zweimonatige Haftort in Südfrankreich vor der Auslieferung an die Gestapo hieß Castres.

Als ich im Jahre 1998 die Orte in Frankreich aufsuchte, in denen mein Onkel Kurt Granzow interniert gewesen war, kam ich auch nach Castres - doch niemand von den zunächst getroffenen Einwohnern wusste etwas von einem Gefängnis in dieser Stadt.

Tatsächlich gab es auch keins mehr, und erst Recherchen über die Polizei führten zu einem umgebauten Gebäude in der Altstadt, in dem sich das städtische Jugendzentrum befindet.

Ein Gang an die Hinterfront des Gebäudes erwies: Es handelte sich um das frühere Gefängnis - dessen Fassade mit den schmalen Zellenfenstern und den vergipsten Löchern, in denen früher die Gitter steckten, war hier erhalten geblieben.

Gefängnis in Castres? Unbekannt

Im Innern aber kannte keiner von den Jugendlichen die Gefängnisvergangenheit des Gebäudes und wusste ebenso wenig, dass die Vichy-Regierung hier von 1941 bis 1943 ein Geheimgefängnis unterhielt. Und schon gar nichts wussten sie von der spektakulären, eigentlich unmöglichen Flucht von 36 Inter­bri­ga­disten und anderen Antifaschisten aus diesem Gefängnis im September 1943, als es in Castres nicht nur die französischen Kollabora­tionsbe­hör­den, sondern auch - seit November 1943 - die deutsche Besatzungsmacht gab.

Im Jahre 1999 schlugen meine Versuche - erst über die ANACR, dann über die Stadtverwaltung - fehl, Nachforschungen in Frankreich in Gang zu bringen mit dem Ziel, eine Gedenktafel an dem Gebäude anzubringen.

Die Nachforschung beginnt

So setzte ich meine eigenen Nachforschungen fort und stützte mich zunächst auf die Flucht- und Kampfberichte von Heinz Priess und anderen im Buch "Résistance" und auf Sibylle Hintzes Buch "Antifaschisten im Camp le Vernet". Besonders hilfreich war dann der Zugang zu den Archiven der SED in Berlin-Lichterfelde (SAPMO), die Nut­zung des Nachlasses von Rudolf Leonhard bei der Akademie der Künste - Leonhard war ei­ner der geflohenen In­ter­nierten - sowie weitere deutschsprachige Veröffentlichungen wie "Partner im ‚Narrenparadies‘" von Wolfgang Kießling.

Alle Akten vernichtet?

In Frankreich konnte ich keine Primärquellen finden - alles, erklärte man mir, sei offensichtlich vernichtet worden. Es gelang mir aber, in Castres und Umgebung Zeitzeugen, Fluchthelfer, Familienangehörige verstorbener Fluchthelfer zu finden und mit deren Hilfe mündliche und schriftliche Zeitzeugenberichte zu bekommen. So konnte ich auch erstmals mit einem früheren französischen Häftling, Gérard Brault - einem gaullis­ti­schen Offizier, der Funker von Jean Moulin gewesen war - in Verbindung kommen, während ich zuvor nur Berichte von Interbrigadisten verschiedener Länder zur Verfügung gehabt hatte.

Erst nach der Übergabe erster Forschungsergebnisse an das Jugendzentrum und an die Stadtverwaltung im Mai 2000 fand ich französische Partner, insbesondere in Bruno Houles, dem Leiter des Jugendzentrums, und über ihn in Alain Boscus, dem Direktor des Nationalen Zentrums und Museums Jean Jaurès in Castres, die ihrerseits die Unterstützung der Stadtverwaltung erhielten.

Ergebnisreiche Zusammenarbeit

So kam es im März 2001 zu einem hervorragenden Ergebnis der Zusammenarbeit mit den französischen Partnern:

- Eine von mir verfasste illustrierte Broschüre ("dossier socio-pédagogique") wurde in Castres künstlerisch gestaltet und in einer Auflage von 1000 Stück für Besucher des Jugend- und des Jean-Jaurès-Zentrums herausgebracht. Dies geschah im Zusammenhang mit einer Ver­anstaltungswoche zum Thema "Gefängnisse";

- eine Ausstellung aus diesem Anlass wiede­rum wurde von jungen französischen Künstlern mit einem Programm aus vertonten französischen Gedichten von Rudolf Leonhard eröffnet - symbolträchtig in dem neu gestalteten Veranstaltungssaal im ehemaligen Gefängnis, in dem auch Leonhard interniert gewesen war. Die französischen Partner hatten mich ausdrücklich um die Übermittlung geeigneter Gedichte gebeten;

- ich hielt einen Vortrag im Jean-Jaurès-Zentrum zu dem gesamten Forschungskomplex und seine Problematik;

- parallel zur Veranstaltungswoche hatte ich Gelegenheit, auf Wunsch von Lehrern meh­rerer Oberschulen vor fünf verschiedenen Klassen über Deutsche in der französischen Résistance zu sprechen - einschließlich der aus Castres Geflohenen, die sich dem Widerstand anschlossen.

Sinn von Forschung

Was macht nun den Wert dieser Forschung um das Gefängnis und die Flucht aus - über die Bewahrung der Erinnerung an die mutigen antifaschistischen Kämpfer hinaus?

Vom äußeren Verlauf her ist es für mich eine absolut abenteuerliche, spannende Geschichte, die sich besonders für die Vermittlung an junge Menschen eignet.

Vom politischen Inhalt her ist es die wohl ein­malige Konstellation: Interbrigadisten aus acht Nationen, von der Vichy-Regierung eingesperrt und zur Auslieferung an die Nazis vorgesehen, fliehen, um sich als ausländische Antifaschisten dem französischen bzw. später dem Widerstand des eigenen Landes anzuschließen; sie bahnen dabei den Weg in die Freiheit für die zweite Gruppe von Gefangenen in Castres - gaullistischen Offizieren und alliierten Kundschafterinnen und Kundschaftern, aber auch, nach neuesten Hinweisen, französischen Internierten, wahrscheinlich Kommunisten, die aus dem Lager Gaillac nach Castres strafverlegt waren.

Neue Spuren...

Von den 36 Geflohenen sind erst 18 identifiziert, und selbst von diesen ist nicht in allen Fällen das weitere Schicksal geklärt. Weitere Forschung tut not. Bemühungen um Unterstützung aus interessierten französischen Kreisen sind im Gange. Und dank Partnern in Frankreich, die ich während meiner dortigen Nachforschungen kennen lernte, habe ich erstmals Kenntnis von einer Fundstelle französischer Akten zu Castres und hoffe, bald Zugang zu ihr zu erhalten.

...und Rudolf Leonhards Gedichte

Es sei noch erwähnt: Ein Nebenergebnis der Forschungen war das Wiederauffinden des Manuskripts einer bisher unveröffentlichten Sammlung französischer Gedichte von Rudolf Leonhard aus der Widerstandszeit, einschließlich seiner "Ballade du colonel Fabien". Ich konnte die Gedichte auf eigene Kosten auf eine Diskette übertragen lassen und sie dem französischen Museum des Nationalen Widerstandes in Champigny bei Paris übermitteln, damit sie in naher Zukunft der Öffentlichkeit übers Internet zugänglich gemacht werden können.

Nachbemerkung: "Baracke 21, Le Vernet" - so musste der im Geheimgefängnis in Castres einsitzende Rudolf Leonhard seinen Aufenthaltsort fälschlich in Briefen an seine Frau angeben. "Baracke 21, Gaillac" lautete - so der Hinweis eines Zuhörers beim Vortrag in Castres - der anzugebende fälschliche Absendeort für die aus Gaillac nach Castres Überführten. Nun soll "Baracke 21" der Ehrenname sein, den Bruno Houles, Direktor des Jugendzentrums in Castres, dem im März 2001 eingeweihten neuen Veranstaltungssaal im früheren Ge­fäng­nisgebäude geben will und der vielfältigen kulturellen Veranstaltungen, nicht zuletzt auch multikulturellen Aktivitäten, dienen soll.