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Zwischen NKWD und RSHA

Nachrichtendienste und Widerstand im Zweiten Weltkrieg

 Zwischen dem 15. und 17. November 2001 fand in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand eine gemeinsame Arbeitstagung der Forschungsstelle Wider­standsgeschichte und des Dokumenta­tions­archivs des Österreichischen Widerstandes mit finanzieller Unterstützung der Volkswagen-Stiftung statt.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beschäftigten sich aus vielen unterschiedlichen Perspektiven mit den vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen dem deutschen Widerstand und Nachrichtendiensten. Peter Steinbach machte in seinem Einführungsreferat darauf aufmerksam, dass die Wider­standsgruppen in Deutschland spätestens seit 1935 wussten, dass ein Sturz des nationalsozialistischen Regimes nur mit Hilfe von außen möglich sei. Der Widerstand habe daher stets "Anlehnungsmächte" gebraucht, mit deren Hilfe ein politischer Umsturz in Deutschland durchgeführt werden sollte. Zu­dem sei der Widerstand im Innern Deutschlands bereits seit 1933 auf die Hilfe der in die Emigration getriebenen Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer angewiesen gewesen, die aus oftmals materiell schwierigsten Situationen heraus den Wi­-derstand in Deutschlands durch unterschiedlichste Formen der Hilfe unterstützten. Widerstand in Deutschland sei nicht ohne den Kampf gegen den Nationalsozialismus aus der Emigration heraus denkbar gewesen.

Der zweite Abschnitt der Tagung widmete sich den Aktivitäten der deutschen Nachrichtendienste gegen Widerstandskämpfer, die mit ausländischen Nachrichtendiensten zusammengearbeitet hatten. Ein besonderer Höhepunkt des Tages war anschließend daran der Abendvortrag von Kurt Hälker, der über seine Fallschirmspringerausbildung in St. Germain 1944/45 berichtete und auch die daran anschließenden nachrichtendienstlichen Rekrutierungsversuche thematisierte. Als Zeitzeuge war er ebenso wie Hermann-Ernst Schauer ein von den anwesenden WissenschaftlerInnen vielfach befragter Gesprächspartner.

Der dritte Teil der Tagung fragte nach den Aktivitäten der sowjetischen Nachrichtendienste während des Zweiten Weltkrieges. Immer wieder wurde deutlich, welch katastrophale handwerkliche Fehler den sowjetischen Nachrichtendiensten bei der Ausbildung und vor allem beim Einsatz von Widerstandskämpfern und Widerstandskämpferinnen hinter den feindlichen Linien unterliefen. "Schlecht ausgebildete und hochmotivierte Amateure mussten Aufgaben übernehmen, für die professionelle Nachrichtendienstmitarbeiter eine jahrelange Aus­bildung erhalten würden" - so das Fazit von Johannes Tuchel. In diesem Abschnitt wurde auch deutlich, dass die Interessen der sowjetischen Geheimdienste und der von ihnen eingesetzten Widerstandskämpfer nicht übereinstimmten. Die Nachrichtendienste wollten operative Agenten, die Widerstandskämpfer den Widerstand in Deutschland unterstützen.

Hans Coppi analysierte im vierten Teil der Tagung die Funkspiele, zu denen gefangene Fallschirmagenten von der Gestapo gezwungen wurden. Auch hier wurde die unprofessionelle Arbeit des sowjetischen Nachrichtendienstes vielfach kritisiert: "Die sowjetischen Dienste haben bis heute ihren Teil der Verantwortung für den leichtfertigen Einsatz von mutigen Männern und Frauen des deutschen Widerstands noch nicht akzeptiert." Johannes Tuchel befasste sich mit der Konstruktion des Mythos von der Roten Kapelle durch das Ministerium für Staatssicherheit in den sechziger Jahren. Am Beispiel von Albert Hößler zeigte er die vielfältige Instrumentalisierung und Verfälschung der Geschichte dieser Widerstandsgruppe.

Im Rahmen der Darstellung der Aktivitäten westlicher Geheimdienste wurde nicht nur die Zusammenarbeit zwischen sowjetischen und westalliierten Nachrichtendiensten deutlich, sondern immer wieder auch das Spannungsverhältnis zwischen geheimdienstlichen Interessen und der Motivation der ein­gesetzten Fallschirmspringer. Die Ab­schlussdiskussion der Tagung zeigte unter der Moderation von Wolfgang Neugebauer vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes schließlich, dass die Erforschung dieses widersprüchlichen und facettenreichen Teils der Geschichte des Kampfes gegen die nationalsozialistische Diktatur noch längst nicht beendet ist. Ein Tagungsband, der die hier vorgetragenen Beiträge versammelt, soll bereits Ende 2002 erscheinen.

(Der Beitrag wurde uns von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zur Verfügung gestellt)