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GERHARD LEO:

„Commandant Erneste“ in Villeurbanne unvergessen

Ein deutscher Spanienkämpfer in der Résistance: Ernst Buschmann

Heute noch ist Commandant Erneste, wie Ernst Buschmann (1914-1996) in der französischen Résistance genannt wurde, den ehemaligen Widerstandskämpfern aus der Gegend von Lyon ein Begriff. Sie sprechen mit Hochachtung von dem einstigen Kommandeur des Edgar-André-Bataillons im Spanienkrieg, der als Militärberater des legendären Partisanenbataillons Carmagnole-Liberté, einer der erfolgreichsten Einheiten von Ausländern in der französischen Résistance-Armee, im August 1944 maßgeblichen Anteil an der Befreiung von Villeurbanne, Vaulx-en-Velin und anderen Industriestädten im Departement Rhône hatte.

Ende der sechziger Jahre nahm ich als Delegierter des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR an einem Kongress des Nationalen Verbandes ehemaliger Résistancekämpfer (ANACR) in Toulouse teil. Als Vertreter der antifaschistischen Widerstandskämpfer aus der BRD war Ernst Buschmann gekommen, stürmisch begrüßt von den Abgesandten aus Villeurbanne.
Einer von ihnen sagte in seiner Rede, dass es auch den Ratschlägen von „Commandant Erneste“ zu verdanken sei, dass das Bataillon Carmagnole-Liberté im August 1944 so viele Ortschaften bei relativ so wenig eigenen Verlusten befreien konnte.
Aufgrund seiner Verdienste bei diesen Befreiungskämpfen wurde Ernst Buschmann 1984 von der Stadt Villeurbanne zum Ehrenbürger ernannt.

Auf dem Kongress in Toulouse hatte ich Ernst zum ersten Mal nach nahezu 25 Jahren wiedergesehen.
In derselben Stadt, während der Illegalität, gehörte er im November 1943 zu den Verantwortlichen der Widerstandsorganisation TA (Deutsche Arbeit), die im Rahmen der Résistance mit der Aufklärungsarbeit für Wehrmachtsangehörige beauftragt worden war. Ich selber war, soeben in die Résistance eingetreten, mit falschen französischen Papieren als Dolmetscher in die Transportkommandantur der Wehrmacht in Toulouse eingeschleust worden. Ernst erklärte mir während eines Spaziergangs durch die Stadt, vom Place du Capitole bis zum Bahnhof Matabiau, worauf ich bei meiner Arbeit besonders achten müsste, um die Résistance über das Transportwesen der Wehrmacht informieren und um die Stimmung unter den deutschen Soldaten richtig erkennen zu können. Ich merkte gleich, dass ich es mit einem politisch und militärisch sehr erfahrenen Kampfgefährten zu tun hatte, von dem ich als „Neuling“ viel lernen konnte.

Wenige Wochen zuvor, Ende September 1943, hatte Ernst Buschmann zu den 36 politischen Häftlingen im Sondergefängnis von Castres (Tarn) gehört, die mit einem kühnen Handstreich die Wachen überwältigt und ihre kollektive Flucht geschafft hatten. Dieser Ausbruch aus dem besonders gesicherten Kerker, in dem Häftlinge aus mehreren Ländern zur Auslieferung an Hitlerdeutschland festgehalten wurden, war im Londoner Rundfunk als bedeutende Aktion der Résistance hervorgehoben worden. Fast alle 36 Befreiten hatten sich sofort dem Widerstand zur Verfügung gestellt.

Ernst Buschmann konnte 1943 bereits auf ein bewegtes politisches Leben zurückblicken. 1914 als vierter Sohn in einer Solinger Arbeiterfamilie geboren, trat er 1929, noch während seiner Lehre als Betriebselektriker, dem Kommunistischen Jugendverband bei. Nach dem Verbot der KPD und ihres Jugendverbandes gehörte er der Bezirksleitung des KJV Niederrhein an.
Im Februar 1935 konnte er sich der drohenden Verhaftung durch Flucht nach Holland entziehen. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Sowjetunion meldete er sich als Freiwilliger zu den Internationalen Brigaden der republikanischen Armee in Spanien. Dort traf er im Februar 1937 ein und wurde nach einer militärischen Ausbildung zunächst Zugführer in der Maschinengewehrkompanie des Hans-Beimler-Bataillons der XI. Internationalen Brigade.
Im März 1938 ist er dann zum Kommandeur des Bataillons „Edgar André“ ernannt worden. Als einer der letzten überschritt der junge Major dann nach Francos Sieg die Grenze nach Frankreich.

Dort gleich Tausenden anderen Spanienkämpfern unter menschenunwürdigen Bedingungen interniert, sollte er von der Vichy-Regierung an die Nazis ausgeliefert werden. Doch deren Rechnungen gingen, wie eben geschildert, nicht auf ...


Nach dem Sieg über den Faschismus und seiner Rückkehr nach Deutschland war Ernst Buschmann zunächst als persönlicher Referent des sozialdemokratischen Oberbürgermeisters von Koblenz tätig, wurde dann in den Landtag von Rheinland-Pfalz gewählt, wo er den Vorsitz der KPD-Fraktion übernahm. Nach dem Verbot seiner Partei 1956 wirkte er u. a. in Hamburg, in Hessen und in Nordrhein-Westfalen und gehörte 1968 zu den Gründungsmitgliedern der DKP.

Außer durch die Ehrenbürgerschaft in Villeurbanne ist sein Andenken auch in Kuba gewürdigt worden: Eines der Solidaritätsobjekte der DKP auf der Karibikinsel, das Rehabilitationszentrum in Matanzas, erhielt infolge seines Engagements den Namen „Comandante Ernesto“. Während er in der Bundesrepublik bis zum Ende seiner Kräfte in Schulen, an Universitäten und in Gewerkschaftsorganisationen ein hochgeschätzter Gesprächspartner über den antifaschistischen Widerstand war, blieb er dagegen bei den offiziellen Stellen verfemt. So kämpfte er bis in die höchsten Instanzen hinein vergeblich um die ihm gesetzlich zustehende Wiedergutmachung; 1974 war sein entsprechender Antrag endgültig abgelehnt worden.