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Peter  Gingold:

„Eine Schande – ...... “


Unter der Überschrift „Eine Schande – Deserteure in der Regel keine Widerstandskämpfer“ gab der CSU-Bundestagsabgeordnete  Norbert  Geis Anfang März des Jahres anläßlich der ersten Lesung zur pauschalen Aufhebung der Urteile gegen Deserteure im Zweiten Weltkrieg eine Erklärung ab.

In ihr heißt es, die Wehrmachtsausstellung würde den  Deutschen  klarmachen,  alle  Soldaten  der Wehrmacht  seien  Mitglieder  einer  Verbrecherbande und pauschal als Mörder zu verurteilen - „also seien die Deserteure die eigentlichen Helden“. Mit Ausnahme der in den letzten Kriegstagen desertierten jungen Soldaten hätten, so Geis, die Deserteure dagegen in der Regel „auch nach heutigen Maßstäben aus verwerflichen Gründen gehandelt“.

So etwas ist immer wieder in den neonazistischen Publikationen zu lesen. Mit solchen Argumenten demonstriert  die  NPD  regelmäßig  gegen  die Wehrmachtsausstellung.  In  dieser  Übereinstimmung verunglimpft ein Bundestagsabgeordneter diese Ausstellung, sie würde alle Soldaten pauschal als Mörder verurteilen. Nein, das tut diese Ausstellung nicht! Sie dokumentiert lediglich den Vernichtungskrieg,  den  die  Wehrmacht  gegen Osten führte. Die wesentliche Aussage der Exposition lautet: Jeder Soldat, auch wenn er überzeugt ist, „anständig“ gekämpft zu haben und an keinem Verbrechen  beteiligt  gewesen  zu  sein,  müsse heute wissen, dass er für einen verbrecherischen Krieg missbraucht worden ist.

Die  Leichen  produzierenden  Todesfabriken,  in Sobibor,  Maidanek  oder  Auschwitz  vor  allem, standen in den von der Wehrmacht eroberten Gebieten; und sie konnten nur solange funktionieren, solange die Front hielt. Sogar der ehemalige Arbeitsminister der CDU, Norbert Blüm, wagte daran zu erinnern, dass die Wehrmacht an der Ostfront den Massenmord in den Vernichtungslagern gedeckt hat. Damals gab es in Blüms eigenen  Reihen  große  Erregung;  von  ihm  war verlangt worden, seine Aussage mit dem Ausdruck des Bedauerns zurückzunehmen.

Als  ich  in  diesem  Krieg  zu  jenen  Deutschen gehörte, die an der Seite der Résistance kämpften, in der Zeit, als zusammen mit sechs Millionen der jüdischen Bevölkerung aus ganz Europa auch fast meine ganze Verwandtschaft in Vernichtungslager getrieben und ausgerottet wurde, könnte ich jeden deutschen Soldaten segnen, der die Truppe verließ, der desertierte, der nicht weiter mitmachen wollte, der dazu beitrug, dass dieser verbrecherische Krieg ein schnelleres Ende findet. Gehörte ich doch zu denen, die damals mit Flugblättern, mit Streuzetteln oder Zeitungen dazu aufriefen,  mit  Hitler  und  seinem  Krieg  Schluss  zu machen, zu desertieren, zu uns zu kommen, sich der Résistance anzuschließen. Sich dazu zu entschließen, egal, aus welchen Gründen auch immer, das war Widerstand! Widerstand, den Norbert  Geis  nicht  wahrhaben  will.  Es  erforderte wahrlich mehr Mut, als in Kadavergehorsam den Befehlen der verbrecherischen Kriegsführung zu folgen.  Hunderte  haben  wir  auf  diese  Weise überzeugt  und  gewonnen,  doch  es  waren  zu wenige. Was wäre alles gerettet worden, hätte es Massendesertionen gegeben!

Für den Bundestagsabgeordneten Norbert Geis ist es eine Schande, Desertion als Widerstand zu würdigen.  Unlängst  gab  es  eine  Fernsehdokumentation über die Schlacht um Stalingrad. Als Zeitzeuge wurde dafür auch unser Kamerad Gerhard Dengler interviewt. Er schilderte, wie er entgegen dem Durchhaltebefehl des Führers seine ihm anvertrauten Soldaten vor dem unweigerlichen  Verrecken  durch  Erfrieren  und  Hunger rettete, indem er sie über die russischen Linien führte. Da brachte es ein anderer Zeitzeuge tatsächlich noch fertig zu behaupten, dass Dengler dadurch eine Lücke in der Front geschaffen und damit Verrat begangen habe. Welch eine Schande, noch nach einem halben Jahrhundert den sinnlosen und schrecklichen Tod von Hunderttausenden Deutschen zu rechtfertigen und jene als Landesverräter zu bezichtigen, die sich dem verweigerten.

Norbert Geis ist nicht irgendwer – er ist Rechtsexperte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Er sollte wissen, dass es allein im letzten Kriegsjahr über 30000 Urteile wegen „Wehrkraftzersetzung“ bzw. versuchter Desertion gab. Die meisten waren Todesurteile und wurden vollstreckt. Dies heute zu rechtfertigen und Desertion nicht als Widerstand zu würdigen – das ist die eigentliche Schande.