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Gottfried Hamacher :

Stets dem Humanismus verpflichtet

Zum Tode unseres Kameraden Bernt von Kügelgen

 

Am 30. Januar 2002 ist unser Kamerad Bernt von Kügelgen verstorben. Als er 1914 in St. Petersburg geboren wurde, waren die Zeiten unruhig. Als Sohn des Herausgebers der deutschsprachigen „St. Petersburger Zeitung“ standen sein Geburtsland Russland und Deutschland, das Herkunftsland seiner Familie, gegeneinander im Krieg. Die Verhältnisse für seine Eltern und auch für ihn waren dadurch nicht sehr hoffnungsvoll vorgezeichnet. Die Oktoberrevolution in Russland 1917, von vielen vorausgeahnt bzw. gefürchtet, machte auch seinen Eltern einen Strich durch die bisherige Lebensplanung. Sie verließen Russland und emigrierten nach Berlin.

Familiäre Verbindungen mit Gutsbesitzerkreisen in Hinterpommern, vorwiegend baltischer Herkunft, führen den jungen Bernt zunächst auf die stockkonservative Baltenschule im Ostseebad Misdroy (poln. Medzyzdroje), wo er auch das Abiturmacht. Eine kurzzeitige Tätigkeit in der Werbeabteilung des Scherl-Verlages in Berlin wird durch den Eintritt als Offiziersanwärter in die Reichswehr/Wehrmacht unterbrochen. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges nimmt er als Leutnant an den Feldzügen gegen Polen und Frankreich sowie schließlich am Überfall auf die Sowjetunion teil. 1942 verwundet in Kriegsgefangenschaft geraten, vollziehen sich bei ihm gedankliche Veränderungen, die zu neuen Erkenntnissen über den Charakter des Krieges führen.

Angeregt durch lange und tiefgründige Gespräche mit sowjetischen Offizieren an der Front, begegnet er im Kriegsgefangenenlager auch antifaschistisch denkenden deutschen Offizieren. In einem komplizierten Prozeß des Umdenkens und Anderswerdens findet er zu ihnen. Gelöst von den Halbheiten und Unentschiedenheiten seines bisherigen Lebens, wird er zum Mitbegründer des Nationalkomitees „Freies Deutschland“. Als Frontbevollmächtigter an der Ukrainischen Front hilft er mit, das Bündnis der Hitlergegner zu stärken. Über die Schützengräben hinweg ruft er seinen noch für Hitler kämpfenden Landsleuten zu: „Macht Schluss mit Hitler und seinem Krieg, bevor er auf deutschem Boden mit all seinen Schrecken für unser Volk beendet werden muss.“

Aus dieser Zeit verbindet Bernt von Kügelgen die Freundschaft mit vielen Offizieren und Soldaten der Sowjetarmee, unter ihnen besonders mit dem jetzt 94jährigen Oberst a. D. Nikolai Bernikow, der zu Bernts Ableben an dessen Witwe schrieb: „Wir sind gemeinsam einen langen Weg gegangen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Die Zusammenarbeit mit dem Nationalkomitee ,Freies Deutschland’, unsere angestrengte Arbeit an der Front für die schnelle Beendigung des Krieges, die unermüdliche Aufgabe beim Aufbau eines neuen Deutschland – das alles treibt mich zu sagen, dass Bernt von Kügelgen in meinem Herzen weiterleben wird.“

Als Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, der „Neuen Berliner Illustrierten“ und der kulturpolitischen Wochenzeitung „Sonntag“ ist Bernt von Kügelgen stets für die Erhaltung der Werte eingetreten, für die er schon in der Bewegung „Freies Deutschland“ gekämpft hat: für Völkerfreundschaft und Frieden, gegen Faschismus und Antisemitismus. Was er auch tat, er fühlte sich immer den Traditionen des Antifaschismus und dem Humanismus verpflichtet. Nach der Wende gehörte er zu den Initiatoren der Arbeitsgruppe „Deutsche in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung Freies Deutschland“, die sich im Mai 1992 mit der in der BRD bestehenden „Interessengemeinschaft ehemaliger Widerstandskämpfer in den vom Faschismus okkupierten Ländern“ zum DRAFD e. V. als gesamtdeutscher Verband vereinigte. Gedankliche Anstöße zu dieser Gründung sind bereits in dem von Bernt und seiner Ehefrau Else von Kügelgen vor Jahrzehnten herausgegebenen Buch „Die Front war überall“ über den länderübergreifenden Kampf des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ zu finden.

Rückblickend auf sein Leben sei noch ein Satz von Bernt von Kügelgen angeführt: „Zwar hat die politische Praxis der Nachkriegsjahrzehnte manche Blütenträume nur in Ansätzen verwirklichen können oder scheitern lassen, hat auch manche bittere Enttäuschung gebracht.  Doch meinen Entschluß habe ich nie bereut.“