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Herbert Hakenbeck

Sie nannten ihn Comandante

In Italien ist der Wehrmachtsdeserteur Rudolf Jacobs unvergessen

Nach einem Dichterwort gibt es Menschen, von denen man sagen kann, dass sie lebendiger als viele Lebende sind. Jedenfalls bleibt das Andenken an sie ewig und unvergänglich. Das trifft besonders für einen ehemaligen deutschen Widerstandskämpfer zu, der in Italien hoch geehrt wird. Es handelt sich um den einzigen Offizier der deutschen Kriegmarine, der an der damaligen italienischen Front an der Seite der Partisanen mutig gegen die Faschisten und die Okkupanten kämpfte. Kapitänleutnant Rudolf Jacobs war im Herbst 1943 beim Ingenieurkorps der Kriegsmarine in Italien im Einsatz und dort für den Aus- und Neubau der Festungsanlagen und Geschützstellungen in einer Bucht verantwortlich. 1914 geboren, wuchs er in einer gutbürgerlichen Familie in der Hansestadt Bremen auf. Vater Jacobs, ein Architekt, ließ sich von liberalen Ansichten leiten und wollte mit den Nazis nichts zu tun haben Er überredete seinen Jungen, nach dem Abitur zur See zu fahren. Was der auch einige Jahre bei der Handelsmarine tat, um "weit weg vom Schuss" zu sein. Später sah er sich sogar am Ziel eines langgehegten Wunsches: Er konnte das Technikum im Bremen besuchen, wechselte danach zu den Technischen Hochschulen Hannover und Braunschweig und konnte trotz der Einberufung zur Wehrmacht Mitte der 30er Jahre zeitweise wegen des Studiums vom Dienst zurückgestellt werden. Nun, als Soldat in Italien, war er bei den Einheimischen beliebt, was wohl auch damit zu tun hatte, dass er ihre Sprache beherrschte. Ganz abgesehen von seinen überzeugenden Reden, mit denen er seine antifaschistische Haltung offenbarte, erwies er sich als ein verantwortungsbewusster und hilfreicher Mensch. So verhinderte er den Abtransport wertvoller Möbel in eine für ihn beschlagnahmte Villa, damit der rechtmäßige Besitzer sie zurückbekam. An der ligurischen Küste wurden im Spätsommer 1944 seitens des Oberkommandos der Wehrmacht die Truppen verstärkt. Man befürchtete im Raum La Spezia - Genua eine Landung der Alliierten. Die Verlegung seines Truppenteils nach Genua nutzte Jacobs gemeinsam mit seinem Adjutanten zur Flucht. Von einem Versteck aus nahm er Kontakt zu Partisanen auf. Man traf sich oberhalb von Sarzana. Beide wurden nach einer längeren Probezeit in die Reihen der Brigade ,,Ugo Muccini" aufgenommen. Jacobs betätigte sich in jenen Wochen als Zeichner von Karten der Festungen und Artilleriestellungen. In einem deutschen Dokument vom Dezember 1944 hieß es - auf einer bloßen Annahme beruhend -, dass Jacobs von den Widerstandskämpfern gefangengenommen worden sei. In einem Bericht über die Brigade "Muccini", von einem Vertrauensmann der Engländer verfasst, war indes von ausländischen Mitkämpfern in der Brigade die Rede, unter denen sich auch ein deutscher Kapitänleutnant befindet. Nach seinen Motiven gefragt, gab er an, "Deserteur bei den Partisanen zu sein". Anfang Oktober 1944 nahm Jacobs auch an bewaffneten Kämpfen gegen deutsche und italienische Truppen teil. Die Gefechte entbrannten nach einem feindlichen Überraschungsangriff in den Bergen von Sarzana. Für die Bedeutung dieser Aktion spricht, dass diese Gefechtshandlungen in einem Bericht des italienischen Verteidigungsministerium erwähnt und als Grund für die spätere Verleihung der Silbernen Tapferkeitsmedaille an Rudolf Jacobs bewertet worden waren. Bei einem anderen Einsatz geleitete er mit seinem Adjutanten und weiteren Kämpfern eine Gruppe russischer Kriegsgefangener über den Fluss Magra zu den Partisanen. Das Ehrenmal für Rudolf Jakobs in Sarzana in der Nähe von La Spezia am Golf von Genua Eine weitere Aktion richtete sich gegen eine Garnison der deutschen Truppen. Sie fand am 3. November 1944 statt. Es sollte Rudolf Jacobs letzter Lebenstag werden. Das Überfallkommando bestand aus fünf Italienern, drei Russen und den beiden Deutschen. Jede Einzelheit war bis ins letzte Detail akribisch festgelegt worden. Zur Zeit des Abendessens - wenn die Faschisten im Speisesaal der Kaserne versammelt sind - sollten die zehn Partisanen, in deutsche Uniformen gekleidet, sich auf dem großen Platz von Sarzana mit einem deutschen Schlager auf den Lippen einfinden. Jacobs hatte zunächst vor, die Wache am Eingang der Kaserne zuerst auf Deutsch und dann auf Italienisch nach dem Befehlshaber zu fragen. Das war ein Major, der wegen seiner Brutalität mehr als berüchtigt war. Jacobs wollte sich seiner annehmen, während sein Adjutant und ein anderer Kamerad die Wache überwältigen sollten. Die anderen Mitkämpfer hatten den Befehl, den Saal zu stürmen und die Gegner zu vernichten. Während der erste Teil der Planung minutiös verlief, stand an jenem Abend statt des berüchtigten Majors ein junger Offizier an der Wache. Unerschrocken gab Jacobs den ersten Schuss ab. Dann kam es zu einer Verzögerung, die Maschinenpistole hatte offenbar eine Ladehemmung. Von der Wache wurde das Feuer erwidert, und "Commandante Rodolfo", wie er respektvoll genannt wurde, brach, tödlich getroffen, zusammen. Sein Adjutant wurde verwundet. Nur sträubend ließ er sich von seinem "Kaleu" trennen, als sie ihn unter heftigem Geschosshagel in Sicherheit bringen mussten. Unter den Faschisten gab es mehrere Tote und Verletzte. Rache an der Zivilbevölkerung nahmen sie nicht. Die Bewohner - sie hatten schon seit längerem einen Angriff der Partisanen erwartet - brachten Jacobs Leichnam ins Krankenhaus, wo in Gegenwart eines Justizbeamten der Totenschein ausgestellt wurde. Sie wussten nicht einmal, dass der Tote ein Deutscher war. Schon wenig später erhielt eine Abteilung der Brigade Jacobs Namen. Sein Adjutant, der trotz mehrerer Schusswunden nicht ernsthaft verletzt war, gehörte Anfang November zu denen, die - während einer sogenannten Durchkämmungsaktion im Gebiet der Brigade - über die Gotische Linie flohen und in einem alliierten Gefangenenlager landete. Seine letzte Ruhestätte fand Rudolf Jacobs mit seinen gefallenen Kameraden bei einem Ehrenmal in Sarzana. Eine Gedenkplatte aus Marmor erinnert an diesen außergewöhnlichen Menschen. Partisanen, die Jacobs kannten und meist selbst Kommunisten waren, sagten über ihren deutschen Kampfgefährten, dass er kein Kommunist gewesen sei, sondern "nur" ein Idealist, der gesagt habe: "Es ist nicht leicht, ein richtiger Kommunist zu sein. Dazu gehört ein sehr großes Herz." - So sprach man, mit Bewunderung und Verehrung, von einem "aufrichtigen, ehrlichen und guten Menschen mit tiefen Gefühlen." Jacobs Familie erfuhr erst zwölf Jahre nach dem Krieg von dem Tod ihres Angehörigen. Absender der Nachricht war der langjährige Bürgermeister von Sarzana Paolino Ranieri. Er war es auch, der sich um das Auffinden der Familie bemüht und sich besonders um italienische Ehrungen für den deutschen antifaschistischen Widerstandskämpfer verdient gemacht hat, wozu auch Jacobs Ehrenbürgerschaft von Sarzana zählt. Noch Jahrzehnte nach Kriegsende galt Rudolf Jacobs in Deutschland als vermisst. Erst Anfang 1990 wurde in Bremen-Vegesack eine Ausstellung über ihn eröffnet. All die Jahre zuvor fürchteten seine Angehörigen, in Verruf zu geraten, mieden Kontakte mit ehemaligen Kämpfern und wandten sich gegen jedwede Veröffentlichung. Doch Leben und Kampf dieses Mannes gehören zweifellos in die Annalen des deutschen antifaschistischen Widerstandskampfes.

Danksagung

DRAFD dankt Frau Birgit Schicchi-Tilsa (Italien) für ihre vielen Hinweise zur Person des deutschen Widerstandskämpfers Rudolf Jacobs, niedergelegt in einem Essay anlässlich der Ausstellung über diesen deutschen Patrioten in Bremen.