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Zum 60. Jahrestag der Gründung des Nationalkomitees »Freies Deutschland«

Kurz vor Schluß in St. Germain/Im CALPO-Auftrag im Frühjahr 1945 in einem Ausbildungscamp der US-Army: Kurt Hälker

Im Herbst 1944 – ein gutes Vierteljahr nach der anglo-amerikanischen Landungsoperation in der Normandie waren die deutschen Okkupationstruppen in Frankreich weitgehend zerschlagen und ihre Reste auf das Vorfeld des Westwalls zurückgeworfen – nahmen im US-Oberkommando bzw. im amerikanischen Nachrichtendienst Überlegungen zum Einsatz von Fallschirmagenten im Rücken der Wehrmacht erste Gestalt an. Dazu suchten US-Offiziere im befreiten Paris auch den Kontakt zum Komitee Freies Deutschland für den Westen (KFDW). Es ging – so Harald Hauser, Generalsekretär des KFDW – um die Möglichkeit, »deutsche Freiwillige aus der Résistance hinter den deutschen Linien abspringen zu lassen«, um den Widerstand in Hitlerdeutschland selbst zu beschleunigen. Als Muster schwebten den Verantwortlichen des Comité »Allemagne Libre« pour l’Ouest (CALPO) vergleichbare Einsätze an der deutsch-sowjetischen Front vor, von denen wir inzwischen Kenntnis erhalten hatten: von Angehörigen des Nationalkomitees Freies Deutschland in der Sowjetunion, die hinter den deutschen Frontlinien bzw. über Deutschland selbst abgesprungen sind, um antifaschistischen Widerstand zu organisieren.

Zu den daraufhin angesprochenen und schließlich ausgewählten 35 deutschen Kämpfern gehörte als einer der jüngsten auch Kurt Hälker, Der damals 22jährige war 1941/42 als Wehrmachtssoldat, genauer gesagt als Marinefernschreiber zum Nachrichtendienst der Kriegsmarine nach Paris kommandiert worden. Als Zeuge des alltäglichen Besatzerterrors ging er allerdings im Verlaufe eines Jahres mehr und mehr auf Distanz zum Naziregime, bemühte sich um Kontakte zu deutschen Antifaschisten und fand über diese auch Anschluß an die französische Résistance. Zunächst noch in einer antifaschistischen Gruppe in der Wehrmacht aktiv, desertierte er im August 1944, um aktiv am Aufstand zur Befreiung von Paris teilzunehmen. Einen Monat später gehörte er zu den ersten Frontdelegierten des KFDW in den französischen Streitkräften, die über die Frontlinien hinweg per Lautsprecher oder Flugblatt deutsche Soldaten aufforderten, mit dem Krieg Schluß zu machen.

Ein paar Monate später wurde ihm dann der oben erwähnte Einsatz in der US-Army vorgeschlagen. »Mein Ja dazu kam nicht spontan, sondern erst nach reiflicher Überlegung. Es ging ja schließlich um nichts anderes als ein bei der vorgeschlagenen Aktion sozusagen um ein ‚Himmelfahrtskommando‘, und das noch so kurz vor Kriegsende.« Im März 1945 war es für ihn soweit; er verließ die französische Hauptstadt und siedelte in ein Camp der US-Army in St. Germain-en-Laye bei Paris über, um die Ausbildung für den geplanten Einsatz zu absolvieren. Diese Ausbildung erfolgte unter der Regie von Spezialisten des 1942 geschaffenen Geheimdienstes »Office of Strategic Studies« (OSS), aus dem 1947 die CIA hervorgehen sollte.

»Den Kern unserer Gruppe bildeten in der Mehrzahl Männer, zumeist Kommunisten, die ihre militärischen und politischen Erfahrungen im Kampf um die Verteidigung der spanischen Republik gegen die Franco-Putschisten, die deutschen und italienischen Interventen sowie später im französischen Maquis gegen die deutschen Okkupanten gewonnen hatten. Vervollständigt wurde die Gruppe durch seit Jahren im französischen Exil lebende deutsche Emigranten und einige ehemalige Wehrmachtsangehörige, die vornehmlich in südlichen Teilen Frankreichs desertiert waren und sich in die Résistance eingereiht hatten. Sie alle stellten sich freiwillig und überzeugt diesem Vorhaben, ungeachtet des nicht geringen Risikos für ihr Leben und ihre Gesundheit, zur Verfügung.«

Das Domizil des Ausbildungskommandos befand sich in einer stattlichen Villa inmitten eines prächtigen Parks, in dem rings um die Villa Zelte aufgeschlagen waren – für die nächsten Wochen das Zuhause der angehenden Fallschirmspringer. Hälker teilte sein Zelt mit den beiden Spanienkämpfern Martin Kalb und Paul Hartmann, die nach dem Rückzug der Internationalen Brigaden über die Pyrenäen und der folgenden Internierung in Südfrankreich als Maquisarden in den Bergen der Cevennen ihren antifaschistischen Kampf fortgesetzt hatten.

Nach Unterbringung und Einkleidung mit amerikanischer Armeeuniform sowie ersten Gesprächen mit einem der für die Kontrolle verantwortlichen Offiziere des OSS inklusive einer »Namensgebung«, in der aus dem Résistance-Kämpfer Robert Vidal alias Kurt Hälker der Soldat Hugo Erb in Diensten der US-Army wurde, zeichnete sich jedoch bald ab, dass die politische Komponente des Einsatzes, nämlich in Deutschland Widerstand zu organisieren, bereits nicht mehr aktuell war. Vielmehr ging es den US-Verantwortlichen um nachrichtendienstliche Informationen, auch um Sabotageaktionen.

Dementsprechend war das auf mehrere Sieben-Tage-Wochen angelegte Ausbildungsprogramm für die von den Amerikanern geplante Operation »Cross« bzw. »Ironcross« gestaltet: Zunächst stand die sichere Handhabung von Pistolen verschiedenen Kalibers im Vordergrund; »was uns früher nur aus Krimis und Westernfilmen bekannt war – aus der Hüfte zu schießen – wurde bestimmendes Gebot.« Auch Maschinenpistole, Armeegewehr, automatisches Schnellfeuergewehr standen im Plan, selbst Übungen am »Ofenrohr«, einer Panzerabwehrwaffe, wurden nicht ausgelassen. Ebensowenig Übungen zur Zerstörung von Einrichtungen der militärischen Infrastruktur mittels des bis dahin weitgehend unbekannten Plastiksprengstoffs, dessen wirkungsvolle Anwendung an einer stillgelegten Eisenbahnstrecke oder im Krieg zerstörten Fabrikgebäuden geprobt wurde. Und hinzu kam natürlich die Sprungausbildung, der natürlich ebenfalls allergrößte Aufmerksamkeit galt.

Im Gegensatz zu den OSS-Beauftragten, mit denen er es bisher zu tun hatte, schildert Hälker den Kommandeur der Gruppe, Captain Aaron Bank, der sich in St. Germain als Captain Baum vorgestellt hatte, als äußerst begabten und ehrgeizigen Militär, der mit Leib und Seele bei der Sache war und von keinem mehr forderte, als er selbst vorexerzierte. »Er war hart sich selbst gegenüber und gerecht gegenüber anderen. Ein sympathischer Mensch, zu dem man Vertrauen haben konnte und den man uneingeschränkt als Ausbilder und Kommandeur akzeptierte. Ihm zur Seite standen drei Sergeanten, gut ausgebildet in diesem Metier, fließend deutsch sprechend und uns ebenso sympathisch wie der Kommandeur. Es waren offensichtlich jüdische Emigranten, die in den dreißiger Jahren mit ihren Familien aus Deutschland oder Österreich in die USA geflohen waren.«

In der letzten Aprildekade sollte es dann soweit sein. Kurt Hälker: »Ein Vorkommando, dem unsere Kameraden Max Brings und Ernst Buschmann angehörten, wurde nach Dijon, von wo aus der Einsatz gestartet werden sollte, entsandt. Die Gruppe selbst blieb in St. Germain auf Abruf in Bereitschaft. Unser Auftrag wurde ganz vage etwa so beschrieben: 24. April Start in Dijon, Absprung in dem geografischen Dreieck Innsbruck – Rosenheim – Wörgl, Aufklärung und Angriff auf einen Stab der höchsten Kategorie, Störung eines beabsichtigten Ausbaus einer ‚Alpenfestung‘ der Faschisten. Notwendige Einzelheiten sollten unmittelbar vor bzw. während des Einsatzes bekanntgegeben und entsprechende Befehle erteilt werden. ... Die Tage angespannten Wartens flossen dahin, ohne dass sich merklich Neues tat. Es sickerten nichtoffizielle Informationen durch, wonach zum vorgesehenen Zeitpunkt Startmöglichkeiten in Dijon witterungsbedingt nicht gegeben wären. Weitere Nachrichten blieben aus, bis schließlich Ende April/Anfang Mai klar war, dass der Einsatz nicht mehr wie geplant erfolgen würde. Die US-Streitkräfte hatten, wie verlautete, unser vorgesehenes Operationsgebiet bereits erreicht.«

Doch damit waren die Männer von CALPO noch längst nicht aus den Diensten der US-Streitkräfte bzw. ihres Geheimdienstes entlassen. Auch ihre Hoffnungen, nach der bedingungslosen Kapitulation Hitlerdeutschlands rasch in die Heimat zurückkehren und am Aufbau eines neuen, friedlichen und demokratischen Deutschlands teilnehmen zu können, erfüllten sich zunächst keineswegs. Ihre Ausbildung wurde, wenn auch mit einem etwas anderen Profil, fortgesetzt. Anstelle der »Spielchen« mit Plastiksprengstoff und der Sprungausbildung mußten sie nun in St. Germain das Aufdecken und Eliminieren von Geheimtreffs oder das Auflösen nicht genehmigter Versammlungen trainieren.

»Auf unsere Bitten, diesen Wandel zu erklären, gab es nur lapidare bzw. ausweichende Antworten, wonach unter den neuen Bedingungen der Besetzung Deutschlands sich jetzt auch neue Aufgaben für uns ergeben würden. Man müsse auch zum Beispiel die Ankündigung zur Bildung von ›Werwolfgruppen‹ ebenso ernst nehmen wie mögliche antidemokratische An- und Versammlungen. Diese und eventuelle Entwicklungen, die dem demokratischen Erneuerungsprozess zuwiderliefen, müssten unter Kontrolle bleiben und bekämpft werden. Hellhöriger wurden wir allerdings dann, als zufällig ein zu attackierendes Ziel als ›kommunistische Zusammenrottung‹ bezeichnet wurde. Immer dringender forderten wir daraufhin die Offenlegung des Konzepts künftiger Einsätze.«
Das geschah dann auch, allerdings anders als von den deutschen Antifaschisten erwartet – unter ziemlich konspirativen Umständen mit jedem einzelnen an einem geheimen Ort in Paris. Dabei verlangten die OSS-Vertreter, in die Dienste der US-amerikanischen Besatzungsmacht zu treten, um deren Besatzungskonzept bedingungslos durchzusetzen. Nach der Rückkehr von diesem Gespräch, über dessen Verlauf auch gegenüber den Kameraden strengstes Stillschweigen gewahrt werden sollte, stand für Hälker nur eines fest: »Dieses Verhör war für mich der letzte Anstoß, nunmehr entschieden alles zu tun, auf schnellstem Wege legal das Camp zu verlassen.«

Seinem Entlassungsgesuch – begründet mit der angeschlagenen Gesundheit – wurde mit Wirkung vom 2. Juni 1945 stattgegeben. Ende Juli kehrte Kurt Hälker nach Deutschland zurück; auf Umwegen traf er schließlich Mitte Oktober in seiner Heimatstadt Duisburg ein, wo er sich umgehend in der antifaschistischen Jugendarbeit engagierte. Daß er hier bald darauf erneut mit seiner Ausbildung in St. Germain konfrontiert wurde – mit einem umfangreichen Dossier über seine Teilnahme am französischen Widerstand wie über seine Zeit als »Hugo Erb« in den Diensten der US-Army warb der Geheimdienst der britischen Streitkräfte wiederholt, wenn auch erfolglos, um seine Mitarbeit – wäre allerdings schon wieder eine Geschichte für sich.

(Nach einem Vortrag, den Kurt Hälker im November 2001 im Rahmen einer wissenschaftlichen Konferenz zum Thema in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zu Berlin gehalten hat)

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