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Das Vermächtnis des US-Offiziers Gould

Angehörige der Bewegung »Freies Deutschland« als Kundschafter des US-Geheimdienstes OSS im Einsatz: Ein unbekanntes Kapitel aus der Geschichte des antifaschistischen Widerstandes

Wenn von der Bewegung »Freies Deutschland« die Rede ist, verweisen Historiker der BRD wie Traditionspfleger der Bundeswehr meist und insbesondere mit Blick auf das 1943 in der Sowjetunion gegründete Nationalkomitee geringschätzig darauf, dass deren Tätigkeit gar kein richtiger, aktiver Widerstand gewesen sei. Nicht selten wird noch heute, bezogen auf in Kriegsgefangenschaft geratene Wehrmachtsangehörige, von »Verrat hinter Stacheldraht « bzw.»Propaganda im Dienste des Gegners« geklagt und kommunistische Indoktrination als Wesensmerkmal unterstellt. Ausgeblendet werden dabei geflissentlich all jene Formen, Facetten und Frontabschnitte dieses Kampfes, die nicht ins gewünschte Geschichtsbild passen. Von einem solchen Frontabschnitt soll hier die Rede sein.

Schauplatz des Geschehens war - zunächst - Großbritannien, genauer gesagt: London. In der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges, im Spätsommer 1944, wurde, je mehr sich die US-amerikanischen und britischen Truppen nach ihrer Landung in der Normandie den Westgrenzen des deutschen Reiches näherten, in den Stäben der westalliierten Streitkräfte der Einsatz von Agenten hinter der deutschen Front akut. Man wusste viel zuwenig über Truppenbewegungen und -standorte, über kriegswichtige Produktionsstätten und vorhandene Reserven, über die Stimmung in der Bevölkerung und mögliche Widerstandsgruppen ... Der Auftrag, solche Agenten zu finden, erging an den1942 geschaffenen US-Nachrichtendienst Office of Strategic Services (OSS), aus dem 1947 die CIA hervorging. In der Folge entwickelte sich die OSS-Außenstelle in der Londoner Grosvenor Street 72 im Stadtteil Mayfair zum Dreh- und Angelpunkt der mit dem Supreme Headquarters of the Allied Expeditionary Forces (SHAEF) abgestimmten Pläne für das Einschleusen von Agenten. Diese sollten unter deutschen Emigranten angeworben werden. Mit der Suche geeigneter Kandidaten wurde eine weitere Abteilung des Nachrichtendienstes beauftragt - die sogenannte Labor Division. Deren Leiter, der aus Chicago stammende Rechtsanwalt Arthur Goldberg, hatte OSS-Chef William Donovan davon überzeugen können, dass potentielle Kandidaten für solche »Himmelfahrtskommados « am ehesten unter den entschiedensten Nazigegnern zu finden sein dürften: in der »Freien Deutschen Bewegung in Großbritannien«, die am 25. September 1943 gegründet worden war. Dennoch gestaltete sich die erste Kontaktaufnahme einigermaßen kurios. Der damit beauftragte OSS-Mann war Leutnant Joseph Gould, ein Journalist, der 1938 zum Vorsitzenden der Gewerkschaft der Filmjournalisten gewählt worden war und sich 1942 zur US-Army gemeldet hatte. 1944 war der 29-jährige dem Londoner OSS-Büro zugeteilt worden. eine Suche nach den »Freien Deutschen« führte ihn in einen Buchladen in der New Bond Street, dessen Besitzer ihn an einen seiner Stammkunden verwies: einen Wirtschaftswissenschaftler, dessen Vater Rene Kuczynski,  ein international renommierter Professor, Präsident der Bewegung war. Sein Sohn Jürgen brachte ihn mit einem gewissen Karl Kastro zusammen, der Gould bei der Suche nach geeigneten Agenten unterstützen würde. So geschah es auch. Was der US-Leutnant damals nicht wissen konnte: Die von »Kastro« alias Erich Henschke vorgelegte Kandidatenliste war zuvor mit der Moskauer GRU-Zentrale, dem militärischen Nachrichtendienst der sowjetischen Streitkräfte, abgestimmt worden. Das geschah über die seinerzeit in England wirkende sowjetische Kundschafterin Ruth Werner, die Schwester von Jürgen Kuczynski, der mit Billigung der KPD-Leitung in Großbritannien im Range eines Oberstleutnants in Diensten der US-Army stand, und zwar im »Strategic Bombing Survey«.

{oss_Joseph Gould_1944.jpg,,2}So lernte Gould an einem Oktoberabend des Jahres 1944 in einer Londoner Kneipe »seine« künftigen Agenten kennen: den Dreher Paul Lindner, den Drucker Toni Ruh und den Metallarbeiter Adolf Buchholz aus Berlin, den Bergarbeiter Kurt Gruber aus dem Ruhrgebiet, den Leipziger Werner Fischer, ein gelernter Prothesenbauer, sowie die Bauarbeiter Walter Strüwe aus Frankfurt am Main und Emil Kornhäuser, ein gebürtiger Bayer. Alle sieben hatten bereits Erfahrungen in der illegalen Widerstandsarbeit in Hitlerdeutschland und unfreiwillige Bekanntschaft mit der Gestapo gemacht; alle waren über die Emigration in der Tschechoslowakei nach England gekommen und dort Teil der Bewegung Freies Deutschland geworden. Buchholz und Fischer waren mit 30 bzw. 31 Jahren die Jüngsten, Kornhäuser und Strüwe mit jeweils 40 Jahren die Ältesten der Gruppe.

Bereits im November begann im Trainingslager des OSS in Ruislip bei London ihre Einsatzvorbereitung, die ebenfalls von Gould geleitet wurde. Die Fallschirmsprungausbildung absolvierten sie auf dem Flugplatz Ringway. Auf dem Lehrplan standen gleichermaßen Nahkampf wie Schießen und Topografie oder das Büffeln ihrer persönlichen Legenden, unter denen sie in Deutschland agieren sollten. Mit besonderem Stolz machten ihre Lehrer sie mit einer neu entwickelten Technik zur Nachrichtenübermittlung vertraut: einem batteriebetriebenen Sende- und Empfangsgerät, das fast schon an die heute üblichen Handys erinnerte. Es war ungefähr 15 Zentimeter groß, wog etwa drei Pfund und war mit einer ausklappbaren Antenne versehen. Über UKW-Frequenzen konnten damit Nachrichten vom Boden aus über Sprechfunk an Flugzeugbesatzungen weitergegeben werden, die nicht von deutschen Kurzwellensendern abgehört werden konnten. Außerdem lernten sie, verschlüsselte Nachrichten zu dechiffrieren, die der britische Rundfunksender BBC speziell für ihre Missionen ausstrahlte.

Den wohl schwierigsten Teil der Ausbildung absolvierten die angehenden Agenten allerdings Anfang des neuen Jahres in Gefangenenlagern für Wehrmachtsangehörige vor den Toren Londons. Hier sollten sie sich, getarnt als Kriegsgefangene, mit den Gegebenheiten in der Heimat, die sie alle ja schon vor Jahren verlassen mussten, sowie mit der Gefühls- und Gedankenwelt von Hitlersoldaten vertraut machen.
Als die Einsatztermine näherrückten, wurden die sieben von der OSS Schools and Training Division noch einmal intensiven Befragungen, sogenannten Coverquizzes unterworfen, um zu überprüfen, den Ausschlag. Der pragmatische OSS-Chef wird in diesem Zusammenhang mit den Worten zitiert, »er würde auch Stalin auf seine Lohnliste setzen, wenn es helfen würde, Hitler zu bezwingen«. Am 1. März erhielt Joseph Gould endlich den Befehl, die erste der fünf nach Deutschland geplanten Missionen unverzüglich zu starten.
Diese Mission unter dem Decknamen »Hammer« führte Paul Lindner und Toni Ruh am weitesten in Hitlers verbliebenes Restreich hinein – bis nach Berlin. Am 2. März brachte Gould beide zum Flugplatz Watton; eine Douglas A-26 setzte sie einige Stunden später über einem Feld rund 30 Kilometer außerhalb der Reichshauptstadt ab. Unterkunft fanden sie zunächst bei Lindners Eltern. Noch im März konnten sie Informationen über Truppenbewegungen, die Lage von Munitionsfabriken und Kraftwerken sowie Vorschläge für weitere strategische Angriffspunkte übermitteln. Außerdem gelang es ihnen, Kontakt zu Berliner Widerstandsgruppen herzustellen, deren Informationen ebenfalls ihren Weg zum OSS fanden. Ende April, als die Rote Armee bereits in Berlin kämpfte, halfen Ruh und Lindner noch, die von deutschen Soldaten geplante Sprengung einer Brücke über den Teltow-Kanal zu verhindern. Wenig später gaben sie sich gegenüber einem sowjetischen Offizier als amerikanische Soldaten zu erkennen, wurden jedoch im Chaos der letzten Kriegstage kurzerhand eingesperrt, später wiederholt verhört und erst im Juni bei Leipzig den US-Truppen übergeben. Einen Monat nach Paul Lindner und Toni Ruh begann »Mallet«, die zweite OSS-Mission, ebenfalls mit dem Operationsziel Berlin: Adolf Buchholz, von seinen Freunden schon im Kommunistischen Jugenverband »Appel« genannt – er gehörte später sowohl 1938 in Prag als auch 1939 in London zu den Gründern der Freien Deutschen Jugend, deren Vorsitzender er bis 1942 war – landete am 10. April jedoch nicht wie geplant am Wannsee, sondern wegen ungünstiger Wetterbedingungen bei Gransee im Norden der Hauptstadt. Da er sich zu Fuß zu seiner Schwester nach Berlin-Spandau durchschlagen mußte, vergrub er zunächst seine Funkausrüstung. Er konnte sie zwar in den nächsten Tagen bergen und auch wie geplant Verbindung zu anderen Nazigegnern aufnehmen; das zunehmende Kampfgeschehen verhinderte jedoch sowohl Funkkontakte als auch die Suche nach einer Produktionsstätte der sogenannten Vergeltungswaffen, die in Kremmen vermutet worden war. Über die BBC kam schließlich die kodierte Weisung, Verbindung zu einem Offizier der Sowjetarmee aufzunehmen. Die gefälschten Papiere, die Buchholz als Gestapomann Max Buchner auswiesen, wurden ihm jedoch zum Verhängnis: Erst im November 1945 konnte Joseph Gould, inzwischen im Büro der Militärverwaltung für Deutschland eingesetzt, seinen Agenten »Dolf« wieder in Empfang nehmen.

Wesentlich erolgreicher gestaltete sich »Pickaxe« - die Mission von Walter Strüwe und Emil Kornhäuser, die am 4. April bei Landshut in der Nähe von München abgesetzt wurden. Bis zum 1. Mai konnten sie neunmal auf Sendung gehen und wichtige militärische Informationen über Verkehrsknotenpunkte, Kommunikationszentren und Truppenbewegungen im süddeutschen Raum übermitteln, so über einen stark frequentierten Eisenbahnknotenpunkt, der daraufhin von der 8. US-Luftwaffendivision zerstört werden konnte. Nicht weniger wichtig waren ihre Erkenntnisse über die sogenannte Alpenfestung; das Pickaxe-Team fand keine Anhaltspunkte dafür, dass es in den bayrischen Alpen noch ernst zu nehmenden deutschen Widerstand geben könnte. Nach dem Kriegsende vom OSS zur Berichterstattung nach Paris gebracht, kehrten Strüwe und Kornhäuser bereits im Juli nach London zurück.

Tragisch endeten dagegen die beiden anderen Missionen »Chisel« und »Buzzsaw«: Die Maschine, die Kurt Gruber am 19. März ins Ruhrgebiet bringen sollte, kam nie an ihrem Bestimmungsort an; das Flugzeug stürzte auf dem Weg nach Deutschland aus ungeklärter Ursache ab, alle Insassen kamen ums Leben.
Letztlich ungeklärt ist auch das Schicksal von Werner Fischer, der Gould zufolge am 7. April im Raum Leipzig abgesetzt werden sollte, jedoch nach dem Absprung keinen einzigen Funkkontakt herstellte. Jahrzehnte später begab sich Hans Jacobus auf Spurensuche nach dem Verbleib seines Jugendfreundes aus der Emigration; die Recherchen des vor wenigen Jahren verstorbenen DDR-Publizisten erbrachten für ihn die Gewissheit, dass Fischers Landung von Rotarmisten beobachtet worden war. Diese nahmen den Fallschirmspringer fest. Sein in London gefälschter Gestapo-Ausweis wurde ihm dabei zum Verhängnis: Fischer wurde erschossen – wohl auch deshalb, weil die sowjetische Einheit – so soll es in russischen Archiven dokumentiert sein – wenige Tage zuvor selbst von vermeintlichen Antifaschisten in einen tödlichen Hinterhalt gelockt worden war.
Hier ist jedoch noch Forschungsbedarf anzumelden, denn die von Gould hinterlassenen Angaben decken sich zeitlich bzw. räumlich nicht mit Jacobus Recherchen: Erst Mitte April forcierten die sowjetischen Truppen Oder und Neiße, am 25. trafen ihre Spitzen bei Torgau an der Elbe auf Einheiten der US-Army, die ihrerseit bereits am 19. Leipzig eingenommen hatten ...

Joseph Gould wurde nach dem Krieg zum Captain des OSS befördert und mit dem »Bronze Star«, einer hohen militärische Ehrung der US-Army, ausgezeichnet. 1946 in Ehren aus dem Armeedienst entlassen, kehrte er nach New York zurück und nahm seine Arbeit als Filmpublizist und Werbefachmann wieder auf. Von 1983 bis 1991 war er PR-Chef des Center for Defense Information in Washington. Doch bis zu seinem Tod am 11. Juli 1993 hat ihn das Schicksal der ihm für wenige Monate anvertrauten deutschen Antifaschisten nicht losgelassen. Er korrespondierte gelegentlich mit Jürgen Kuczynski, besuchte ihn auch nach 1989 in Berlin; er schrieb seine Geschichte und die seiner Schützlinge auf (An OSS Officer's Own WW II Story: Of His Seven German Agents and Their Five Labor Desk Missions into Warring Germany).

Und mehr noch: Gould rang in all den Jahren darum, den Einsatz »seiner Freien Deutschen« ebenfalls mit militärischen Auszeichnungen der USA zu würdigen. Bereits im Januar 1946 bestätigte das Pentagon eine Empfehlung der OSS-Vertretung in Deutschland, Kurt Gruber postum die Medal of Freedom zu verleihen; erst im Jahr 2000 freigegebene Akten enthalten eine Empfehlung des OSS, den beiden Hammer-Agenten das Distiguished Service Cross« und den beiden »Pickaxe«-Männern den Bronze bzw. Silver Star zu verleihen.

Doch die Männer, die den Krieg überlebt hatten, haben die ihnen zugedachten Auszeichnungen nie erhalten. So heißt es jedenfalls in einem Manuskript aus dem Jahr 2002, geschrieben von dem New Yorker Rechtsanwalt Jonathan S. Gould, dem Sohn des OSS-Offiziers, bei dem das Vermächtnis
des Vaters offensichtlich in guten Händen ist: Er wandte sich in dieser Angelegenheit an Hillary Clinton, die Frau des 42. Präsidenten der USA, die den Bundesstaat New York im US-Senat vertritt. Doch nach einer anfänglichen Zusage hat die Senatorin nicht wieder von sich hören lassen ...

Peter Rau

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Drei der sieben von Joseph Gould ausgewählten »Freien Deutschen« (von links): Toni Ruh (1912-1964), Paul Lindner (1911-1969) und Werner Fischer (1924-1945). Ruh und Lindner gehörten wie Adolf Buchholz (1913-1978) in der DDR zu den Aktivisten der ersten Stunde; Walter Strüwe übersiedelte in den 50er Jahren in die DDR; Emil Kornhäuser wirkte bis zu seinem Tod 1971 in der BRD als KPD- und DKP-Funktionär