Home Navigationspfeil Navigationspfeil Das Jahr 1943

1943 – Wendejahr des Zweiten Weltkrieges

Vormarsch der deutschen Wehrmacht wurde in der Sowjetunion gestoppt

Nicht zuletzt aus aktueller Sicht dürfte es gerade für unseren Verband wie für alle Zeitzeugen des antifaschistischen Kampfes in den Jahren des zweiten Weltkrieges, die es noch gibt, mehr als berechtigt sein, selbst  ungrade Jahrestage zu nutzen, um daran zu erinnern, wie  in schweren Jahren das Ringen um die Rettung, ja den Erhalt der so furchtbar bedrohten menschlichen Zivilisation zum Erfolg führte.

1943 kommt eine besondere Bedeutung zu. Es ist für immer als das Jahr der großen Wende im Verlauf des zweiten Weltkriegs eingegangen. Vor 65 Jahren waren die Welteroberungspläne der Machthaber des „Dritten Reichs" unwiderruflich gescheitert. Die offensive Ausdehnung der Aggression bis an die Ufer der Wolga schlug in den anhaltenden Rückzug jener um, die den barbarischen Vernichtungskrieg entfesselt hatten. Die Schlacht von Stalingrad mit der Einkesselung der 6. deutschen Armee und dem folgenden Vormarsch der Roten Armee zum Don und im Nordkaukasus manifestierte diese Wende zum Sieg der Antihitlerkoalition und zur Befreiung der europäischen Völker von der faschistischen Gewaltherrschaft. Wenige Monate später, im Juli 1943 machte die Zerschmetterung der deutschen Heeresgruppe Mitte im Kursker Bogen und die sich anschließende sowjetische Großoffensive das Ende des von den faschistischen Welteroberern entfesselten Vernichtungskrieges unausweichlich.

Diese epochale Wende erfolgte zu einer Zeit, als die Sowjetunion zumindest in der militärischen Abwehr des Aggressors noch auf sich allein gestellt war. Die Alliierten hatten ihr Versprechen, eine zweite Front durch eine Landung auf dem europäischen Kontinent zu eröffnen, nicht eingehalten. Sie zögerten auch nach Stalingrad noch 18 Monate, selbst nach Kursk  ein weiteres ganzes Jahr, wenn man von der Landung mit relativ geringen Kräften in Süditalien 1943 absieht. Erst als die Rote Armee unter hohen Opfern fast bis an die Grenze des Deutschen Reichs vorgestoßen war, sahen sich jene, die den schlimmsten Vernichtungskrieg der Geschichte entfesselt hatten, in eine zangenartige Umklammerung  versetzt.

Das ist seit 65 Jahren unumstritten. Selbst die Autoren von in manchen Medien immer wieder  propagierten „Enthüllungen" der angeblich wahren  Geschichte des zweiten Weltkrieges, die aber auf ihre Umdeutung angelegt sind, können es meist  nicht wagen, die  Stalingrader Schlacht als den militärischen  Wendepunkt zu leugnen. Sie war ja auch die Voraussetzung für den Sieg der Antihitlerkoalition, ihre weitere Konsolidierung, darunter die nach der Konferenz von Teheran einsetzende stärkere Koordinierung ihres militärischen und politischen Zusammenwirkens und die Vorbereitung auf die Nachkriegszeit. Nicht minder wichtig erwies sich eine weitere Bedeutung. Sie verlieh den  Freiheitskämpfern in vielen Ländern wie auch anderen, die zu Opfern der  Aggressionspolitik und der faschistischen Besatzung geworden waren, neue Hoffnungen. In Frankreich wie in Jugoslawien, in Polen wie in Griechenland und in anderen Ländern, nicht zuletzt in den noch okkupierten Gebieten der Sowjetunion nahmen  mannigfaltige Formen des Widerstandskampfes, darunter des bewaffneten, die Partisanenbewegung eingeschlossen, einen neuen Aufschwung. Die nationale Befreiungsbewegung in ihren unterschiedlichen Formen wurde zum beachtlichen Bestandteil der Antihitlerkoalition der Staaten und Völker, drückte auch ihren Stempel dann zumindest auf die ersten Nachkriegsjahre aus. Sie darf in ihrer nachhaltigen Wirkung auch auf die vielfach so anderen Probleme unserer Zeit nicht unterbelichtet werden.

Nach 65 Jahren sollte das auch für den deutschen antifaschistischen Widerstand uneingeschränkt gelten. Dies, obwohl sein Beitrag an der Rettung der menschlichen Zivilisation vor der ihr drohenden Katastrophe, nicht überbewertet werden darf. Bis zuletzt erreichte er nicht annährend die Bedeutung und schon gar nicht den Umfang einer nationalen Volksbewegung wie in anderen europäischen Ländern, selbst die faschistischen Satteliten oder Verbündeten des Deutschen Reichs eingeschlossen. Leider müssen wir konstatieren, dass auch heute in Deutschland die Haltung zu den unterschiedlichen Formen und Aktionen  des antifaschistischen Widerstands oder zumindest einer Anti- Hitler- Haltung sich so deutlich von der in fast allen anderen Ländern unterscheidet. Einseitige Ausgrenzung und  Unter- oder zugleich auch Überbewertung dominieren die  Bewahrung einer nachwirkenden Traditionspflege.

Die erforderliche zunehmende Einbindung des deutschen Widerstandes in den europäischen bzw. sogar globalen antifaschistischen Freiheitskampf der Völker und Staaten der Anti- Hitler- Koalition erreichte nach der Wende von Stalingrad eine neue Stufe. Waren es bis dahin eher vereinzelte deutsche Antifaschisten, die sich auf freiwilliger Grundlage in die Streitkräfte der Sowjetunion und Großbritanniens wie in Partisaneneinheiten verschiedener Länder einreihten, so wuchs ihre Zahl 1943 beträchtlich an. Deutsche Emigranten in vielen Ländern gewannen jetzt ebenfalls mehr Hoffnungen für eine Bezwingung der faschistischen Aggressoren und damit für eine Rückkehr in ein befreites Deutschland. Auch sie suchten und fanden neue Möglichkeiten, die Widerstandsbewegung in den besetzten Ländern zu unterstützen oder auf andere Weise die Anstrengungen der Anti- Hitler- Koalition zu fördern, lagen doch diese auch im Interesse einer nationalen Widergeburt eines wirklich freien und friedliebenden Deutschland.

Nicht zuletzt wirkte sich die vor 65 Jahren eingetretene Wende im Verlauf des zweiten Weltkrieges  auf Anfänge eines Umdenkens bei Angehörigen der deutschen Wehrmacht aus. Es kann leider auch nicht überbewertet werden, hatte es damals wie auch später nur einen geringen Einfluss auf den Kriegsverlauf selbst. Trotzdem darf es nicht vergessen werden. So waren die Entstehung des Nationalkomitees „Freies Deutschland" im Sommer 1943 und sein späteres Wirken, darunter unmittelbar in der politischen Aufklärungstätigkeit an der Front, nicht zuletzt Folgeerscheinungen von einem nach Stalingrad einsetzenden Umdenkungsprozess. Das trifft auch auf die ersten Ansätze zur Herausbildung jener Verschwörung in den Reihen der Wehrmacht zu, die dann zu dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 führte. Mehr und mehr wuchs die Erkenntnis, dass eine militärische Niederlage und mit ihr  ein totaler Zusammenbruch des „Dritten Reichs" bevorstanden. Bei nicht wenigen verband sie sich mit dem wachsenden Schuldgefühl, Werkzeug der barbarischen Kriegesführung, dieses schlimmsten Verbrechen in der  deutschen Geschichte gewesen zu sein.

Bei aller Unterschiedlichkeit der Vorstellungen über die Zukunft Deutschlands gab es grundsätzlich eine verbindende Gemeinsamkeit: so oder so galt es, den Freiheitskampf der Anti- Hitler- Koalition zu unterstützen, auch um den Weg dazu zu bahnen, dass ein künftiges Deutschland als zuverlässiger Friedensstaat Aufnahme in die internationale Gemeinschaft findet.  Daran zu erinnern ist  heute genau so aktuell wie der 1945 bei der Befreiung von Buchenwald so eindringlich formulierte Schwur „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!"

Stefan Doernberg