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Erinnerung an einen "German Miner"

Nur 32-jährig kam Kurt Gruber bei einem Fallschirmeinsatz ums Leben

Im Jahr 2006 bekam ich plötzlich einen Anruf von dem New Yorker Rechtsanwalt Jonathan Gould, der mich fragte, ob ich Kurt Gruber aus meiner Emigration in Glasgow gekannt habe. Ja, ich kannte Kurt Gruber als deutschen Antifaschisten, der seine Pflicht zur Niederschlagung des Nazi-Regimes darin sah, seinen Beruf als Bergarbeiter unter den sehr schlechten Bedingungen in den schottischen Kohlengruben auszuüben. Dies hieß in Stollen mit ca. 120 cm durchschnittlicher Höhe im Wasser liegend Kohle zu hauen. Gleichzeitig war Kurt aktiv im Schottischen Bergarbeiterverband und überzeugte seine Kollegen von der Notwendigkeit höchster Leistungen, um so viel wie möglich Kohle für die britische Industrie zu gewinnen.. Zu diesem Zweck schrieb er für seinen Verband z.Bsp. die Broschüre „ 1 am a German Miner" (Ich bin ein deutscher Bergarbeiter). Hierin erläuterte er seinen Kampf als junger Ruhrkumpel gegen den aufkommenden Faschismus und den politischen Hintergrund der Nazi-Diktatur. Sein einziger Bruder Karl war bereits 1931 an seiner statt von den Nazis erschossen worden und es wird gesagt, daß fast die gesamte Bevölkerung seiner Heimatstadt Ahlen in Westfalen hinter seinem Sarg marschierte.
Nach der Machtübernahme durch die Nazis mußte Kurt in die Illegalität. Wegen großer Gefährdung schickte man Kurt 1935 in die Prager Emigration. Von dort ging Kurt mehr als zehnmal als Kurier nach Berlin. Nach der Okkupation der Tschechoslowakei gelang ihm die Flucht nach Großbritannien, wo ich ihn dann 1942 in Glasgow kennen lernte. In der Gruppe der FDJ in Großbritannien sprach er darüber, wie ein neues demokratisches Deutschland aussehen müßte und wir Mitglieder nach Deutschland zurückkehren sollten, um mitzuhelfen, die Nazi-Ideologie zu überwinden.
Übrigens, der kürzlich im hohen Alter verstorbene ehemalige Spanienkämpfer Kurt Goldstein erzählt in seiner Biographie, daß es Kurt Gruber war - den er seinen besten Freund nennt - der ihn mit in die Kohlengrube nahm und ihm die schwere Arbeit des Bergmanns zeigte. Dies rettete ihm dann in Auschwitz das Leben, denn als die SS dort Bergarbeiter suchte, meldete er sich und konnte so überleben. Zuletzt war Kurt Goldstein bis zu seinem Tode Ehrenpräsident des Internationalen Auschwitz Komitees.
Nun zurück zu 2006., Warum rief mich Jonathan Gould aus New York an? Sein in den 90er Jahre verstorbener Vater war 1944 in London als Offizier des US-Militärgeheimdienstes OSS betraut worden, erfahrene deutsche Antifaschisten ausfindig zu machen, die bereit waren, in ihnen `bekannten Orten in Nazideutschland mit dem Fallschirm abzuspringen und US-Streitkräften sie interessierende Informationen zu übermitteln. Es konnten neun Personen auf diese Weise rekrutiert werden. Kurt Gruber, der im Sommer 1944 die schottische Frau Jessie Campbell heiratete, war einer von ihnen. Bei seinem Einsatz am 14. März zerschellte der modernste US-Jagdbomber, der nur ein- bis zweihundert Meter über dem Erdboden flog, an einem Hügel an der deutschbelgischen Grenze. Er war den ganzen Flug auf dem Bauch liegend im Bombenschacht untergebracht. Vor dem Absprung in seiner Heimat, dem Ruhrgebiet, sollte er durch den Piloten mit einem Klopfzeichen verständigt werden. So verstarb der 32 Jahre alte Kurt, nur wenige Monate nach seiner Hochzeit.
Er ist auf einem Soldatenfriedhof der US-Armee in Belgien als Deutscher Zivilist beigesetzt. Kurz nach Kriegsende wurde das OSS aufgelöst und von der CIA übernommen. Diese informierte seine Frau nur von seinem Tod, ohne nähere Umstände. Sie erhielt eine einmalige Entschädigung von $ 3000.-. Die näheren Umstände seines Todes wurden erst jetzt nach ersten Freigaben aus den Geheimarchiven bekannt. Jonathan Gould versuchte nun das Vermächtnis seines Vaters zu erfüllen und die Mitglieder der Gruppe, die später in der DDR lebten und denen eine Anerkennung durch die CIA versagt wurde, späte Genugtuung zu gewähren und posthum durch die US-Regierung zu erwirken. Dies gelang in einigen Fällen, so im Falle von Anton Ruh, dem ehemaligen Botschafter der DDR in Rumänien.
Erst jetzt, vor einigen Wochen wurde durch neue Aktenfreigaben bekannt, daß die Frau von Kurt Gruber posthum die ihm verliehene Medaille „Silver Star" überreicht bekam.
Da sie Kommunistin war, wurde sie von Mitarbeitern der CIA von zu Hause in London abgeholt, ihr wurden die Augen verbunden und so in eine Büro gebracht, wo ihr die Augenbinde abgenommen wurde, Dort erfolgte die Übergabe der Medaille und sie wurde dann mit verbundenen Augen wieder nach Hause gebracht.
Ich fühle mich verpflichtet, meine Kenntnisse hier zu veröffentlichen, um einmal mehr zu dokumentieren, wie deutsche Antifaschisten im Kampf gegen die Hitlerdiktatur ihre Bündnispflicht bis zum bitteren Tode erfüllten.

Kurt Gutmann

Das Grab des deutschen Bermanns Kurt Gruber (bei Flickr)

The OSS and the London 'Free Germans' / Der CIA zu den 'Free Germans' - auch zu Kurt Gruber