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Antifaschistisches Exilzentrum Mexiko

Deutsche Intellektuelle und
die »Bewegung Freies Deutschland«

Teil 1

Begünstigt durch die Innen- und Außenpolitik des Gastlandes entwickelte sich, vorrangig initiiert durch kommunistische Schriftsteller, Journalisten und Funktionäre, in Mexiko das bedeutendste antifaschistische Exilzentrum der westlichen Hemisphäre. Im Ringen um die Schaffung einer einheitlichen antifaschistischen Front in ganz Lateinamerika gewannen Emigranten eigenständig wichtige Erfahrungen und Erkenntnisse für ein Deutschland nach Hitler. Diese Tatsache ist umso erstaunlicher, da bestenfalls 3.000 deutschsprachige Emigranten in Mexiko lebten, davon etwa 60 Kommunisten.

Titelblatt der Zeitschrift »Freies Deutschland
«, die 1941 erstmals erschien



Bruno Frei war der erste Chefredakteur der
Zeitschrift »Freies Deutschland«

Das »Freies Deutschland«

Im November 1941 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift »Freies Deutschland«. Mit dem Namen knüpfte das Monatsblatt an die Volksfrontdiskussion im Pariser Exil an, wo die Mitteilungen der »Deutschen Freiheitsbibliothek« den Namen »Das Freie Deutschland« getragen hatten. Chefredakteur war zunächst Bruno Frei, dann Alexander Abusch. Jede Ausgabe umfasste 32 bis 36 Seiten. Paul Merker schätze die Leserschaft auf 20.000 in Mexiko, Südamerika, den USA und auch auf anderen Kontinenten. Das »Freie Deutschland« wurde zu einer der bedeutendsten Exilzeitschriften und half entscheidend bei der Entwicklung der gleichnamigen Bewegung. Die Autoren des Blattes waren prominente Schriftsteller, Journalisten und Politiker wie Paul Merker, Ludwig Renn, Alexander Abusch, Egon Erwin Kisch, Anna Seghers, Heinrich und Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Ernst Bloch, Kantorowicz, Erich Weinert, Theodor Plievier, Albert Norden, Oscar Maria Graf, Jürgen Kuczynski, Vicente Lombardo Toledano, Pablo Neruda u. v. a.. Glänzend redigiert, erschien das FD regelmäßig bis 1946, dann, nach dem Sieg über Hitlerdeutschland, unter dem Namen »Neues Deutschland«. Bald erfuhr die publizistische Arbeit der »Bewegung Freies Deutschland« (BFD) eine Ausweitung durch die Herausgabe periodisch erscheinender Informationsblätter in deutscher und spanischer Sprache. Die »Alemania Libre« (Chefredakteur: Bruno Frei) erschien 1941, zwei Jahre später die »Demokratische Post« (Chefredakteur: Rudolf Feistmann).

Diese Zeitungen dienten vor allem dazu, alle Emigranten und Auslandsdeutschen in Mexiko und Südamerika zu erreichen. Zwar von Kommunisten gegründet, waren alle genannten Blätter aber keine kommunistischen Organe. Angesprochen wurden, jenseits der konfessionellen und politischen Bindung, alle Menschen guten Willens.

Der »Heinrich-Heine-Klub«

Das kulturelle Exilforum mit gezielter bündnispolitischer Orientierung stellte der »Heinrich-Heine-Klub« dar, der sich insbesondere dem bürgerlich-humanistischen Erbe, der aktuellen antifaschistischen Literatur und dem Kulturgut Mexikos verpflichtet fühlte. 1941 gegründet, sollte er eine Brücke besonders zur bürgerlich-jüdischen und internationalen Emigration herstellen.

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Bodo Uhse und Anna Seghers – sie leitete
den Heinrich-Heine-Klub in Mexiko.

 


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Herausgegeben vom Exilverlag »EL Libro
Libre« wurden unter anderem Kischs Anna
Seghers »Das siebte Kreuz«, 1942
Das Programm war außerordentlich vielfältig. Gedenkveranstaltungen, Buchlesungen, Diskussionsrunden, Vorträge zur mexikanischen Kultur, Filmabende, sogar Theateraufführungen wechselten einander ab. Einige Hauptakteure waren Anna Seghers, Präsidentin, Bodo Uhse, Egon Erwin Kisch, Theo Balck, Lenka Reinerova, Ernst Römer und das Schauspielerehepaar Steffi Spira und Günther Ruschin. Am 1. Februar 1946 gab der »Heinrich-Heine-Klub« seine Abschiedsvorstellung.

An den Klub angeschlossen war der am 9. Mai 1942, dem Jahrestag der Bücherverbrennung, gegründete Verlag »El Libro Libre« (ELL). In den vier Jahren seines Bestehens entwickelte er sich zum größten Exilverlag während des ‰

Fortsetzung von Seite 4 Krieges.Unter Leitung Walter Jankas publizierte der Verlag 20 Titel in deutscher (Gesamtauflage 36.000 Exemplare) und sechs in spanischer Sprache (Gesamtauflage 18.000 Exemplare). Unterstützt von exponierten Schriftstellern wie Anna Seghers, Egon Erwin Kisch, André Simone, Paul Mayer, Leo Katz, Bodo Uhse und Ludwig Renn leistete ELL Bedeutendes und Bleibendes. Herausgegeben wurden z. B.: »Unholdes Frankreich« (Feuchtwanger), »Das siebte Kreuz« (Seghers), »Goethe« (Toledano), »Adel im Untergang« (Renn), »Irrweg einer Nation« (Abusch), »Entdeckungen in Mexiko« (Kisch) und »Stalingrad« (Plievier). Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Bewegung Freies Deutschland in Mexiko immerhin etwa eineinhalb Jahre vor dem Nationalkomitee Freies Deutschland in Moskau gegründet wurde, während die Komitees »Freies Deutschland«, z. B. in der Schweiz, in England und Frankreich, nach der Gründung der Bewegung in Moskau entstanden. Freilich heißt das nicht, der Entwicklung in Moskau eine sekundäre Rolle zu zuerkennen. Es impliziert zumindest aber die Frage, welche Gründe dazu führten.

Tatsache ist, dass die Forschung zum mexikanischen Exil in der DDR erst Mitte der 70er-Jahre begann. Auch im nicht veröffentlichten Band 2.2 der »Geschichte der SED« wird ihm nur ein geringer, fast marginaler und stark verallgemeinerter Umfang zugebilligt. Zunächst gilt es zu berücksichtigen, dass es starke, kriegsbedingte Beeinträchtigungen des Kontaktes zwischen der KPD-Führung in Moskau und Mexiko gab. Aber immerhin befand sich mit Paul Merker eines der vier Politbüromitglieder, die nicht inhaftiert waren (1939 gewählt), in Mexiko. Bis Mitte 1943 konnten nur sporadisch Dokumente der Moskauer Gruppe (telegraphisch) im Lande ankommen. Die Postverbindung, zudem sabotiert durch US-Behörden, funktionierte nur mit großen Unterbrechungen. Auch bei besseren technischen Voraussetzungen wäre eine ununterbrochene Anleitung durch die »Moskauer Führung« kaum möglich gewesen, denn die Exilbedingungen in Mexiko waren von dort nicht konkret einzuschätzen. Das NKFD organisierte seine Tätigkeit in enger Kooperation mit der Sowjetregierung. Demgemäß war eine autonome Exilpolitik der KPD in der UdSSR außerhalb der sowjetischen Deutschlandpolitik weder gegeben noch sinnvoll. Deren Möglichkeiten, auf die innerdeutsche Entwicklung zumindest potenziell einzuwirken, waren im Gegensatz zu denen der Mexiko-Gruppe jedoch größer. Andererseits war ein ausreichendes antifaschistisches Potenzial unter den Kriegsgefangenen in der UdSSR vor 1943 kaum gegeben, um eine Organisation in Gestalt des NKFD zu gründen. Die Moskauer Parteiführung verfügte außerdem über weit aktuellere Kenntnisse, z. B. über die Kriegsereignisse.

Kontakte zu jüdischen Exilanten

Aber es gab Felder der exilpolitischen Betätigung, die dieser nur mit Einschränkungen erreichbar waren: die nichtkommunistische politische und literarische Emigration. Sie befand sich fast ohne Ausnahme auf dem amerikanischen Kontinent, besonders den USA. Erinnert sei hier an »New Weimar« in Kalifornien (Pacific Palisades), repräsentiert durch Thomas Mann. Das gleiche traf für das jüdische Exil zu. Die Wiederaufnahme der vor 1939 gescheiterten bündnispolitischen Initiativen zur Einigung der deutschen antifaschistischen Emigration war aber notwendig und musste nun verstärkt jüdischen Flüchtlingen und Auslandsdeutschen gelten.

Die wichtigsten Zentren des kommunistischen Exils im Westen waren die Londoner Gruppe unter der Leitung des ZK-Mitgliedes Wilhelm Koenen und in Mexiko die um Paul Merker, an seiner Seite der ehemalige Münzenberg-Mitstreiter Otto Katz und frühere Mitarbeiter des Auslandssekretariats des ZK in Paris. Die konkrete geographische Situation der kommunistischen Exilzentren hatte also Konsequenzen für die Wirkungsmöglichkeiten in bestimmten sozialen bzw. politischen Exilgruppierungen. Galt es z. B. in der UdSSR, Menschen unterschiedlicher sozialer und politischer Herkunft für den gemeinsamen Kampf zum Sturz des Naziregimes und die Beendigung des Krieges zu gewinnen, konnten sie diese fast nur unter kriegsgefangenen deutschen Soldaten und Offizieren finden. Nichtkommunistische Exilanten außerhalb der Gruppe ehemaliger Wehrmachtsangehöriger gab es im Lande faktisch nicht. In der unterschiedlichen Situation der KPD-Organisationen in Moskau und Mexiko war demnach eine exilpolitische Arbeitsteilung strukturell angelegt, unabhängig davon, welche Verbindungen möglich waren. Divergierende Politikansätze bzw. Entwicklungen konnten deshalb nicht ausbleiben, deuten jedoch nicht unbedingt auf ein Konfliktpotenzial hin. Sicher ist, dass mit der Gründung des NKFD in der UdSSR­ die Frage der Repräsentation in der späteren sowjetischen Besatzungszone entschieden war.

Die Bewegung »Freies Deutschland« begrüßte die Gründung des NKFD, ohne jedoch ein Bekenntnis zu dessen potenzieller Führungsrolle offiziell abzugeben, was später in der DDR zwar kolportiert, inzwischen aber als widerlegt gilt. Welche Unterschiede es im tak­tischen Herangehen gab, sollen einige Beispiele belegen: Die Verwendung der Farben Schwarz-Weiß-Rot wäre in Mexiko, bei starker Präsenz antipreußischer Haltungen, unmöglich gewesen. Misstrauisch betrachteten die dortigen Exilan­ten deshalb die Tätigkeit des »Bun­des deutscher Offiziere«, die Kontakte zu Offizieren und Generälen der Wehrmacht sowie die Ereignisse des 20. Juli 1944. In Mexiko wiederum gab es eine Reihe von Anti-Nazi-Organisationen, auch die der jüdischen Exilanten und Auslandsdeutschen, die sich offen gegen­ die Volksfront-Politik richteten. Die notwendige politische Auseinandersetzung der hier lebenden Kommunisten mit diesen schloss zugleich ein, alle bündnispolitischen Möglichkeiten auszuloten und neue Wege zu suchen. Im Unterschied‰ Fortsetzung von Seite 5 zu Mexiko konnten die Repressionen gegen die fast ausschließlich kommunistischen Emi­granten in der UdSSR nicht ohne Auswirkungen auf deren Lebenssituation und die dortige exilpolitische Tätigkeit bleiben.

Trauma Überfall auf die UdSSR

Auf beide Exilzentren traf allerdings gleichermaßen zu, dass der genannte Vertrag zwischen Deutschland und der UdSSR eine tiefe Krise des Antifaschismus auslöste, die erst nach dem 22. Juni 1941 schrittweise überwunden werden konnte. Letztlich ging es um die Findung der Identität unter völlig veränderter weltpolitischer Situation: dem Überfall auf die UdSSR und der beginnenden Formierung der Antihitlerkoalition unter den Rahmenbedingungen des Exils in den jeweiligen Gastländern. 1938/39 hatten sich durch die sich beständig ausweitende faschistische Okkupationspolitik die Existenzbedingungen des Exils beträchtlich verschlechtert und zu einer unmittelbaren Bedrohungssituation geführt. Unter den gegebenen Voraussetzungen der weiterhin restriktiven bzw. selektiven Asylpolitik der meisten Staaten und der Internierungen im okkupierten Frankreich wurde der Blick immer mehr auf Mittel- und Südamerika gerichtet, besonders auf Mexiko. Die Mehrzahl der kommunistischen Exilanten fanden in den Jahren 1940 bis 1942 dort Zuflucht, vor allem Schriftsteller und Publizisten von Rang und zahlreiche Funktionäre der KPD.

Die Kommunisten verfügten über langjährige Erfahrungen in der politischen Arbeit, viele waren nach 1933 inhaftiert worden und emigrierten meist zunächst nach Frankreich. Ludwig Renn und Walter Janka hatten als Offiziere in den Internationalen Brigaden gewirkt. Als deutsche, österreichische, jugoslawische oder tschechoslowakische Staatsbürger waren sie allesamt deutschsprachig. Von Paris 1933 bis 1939, Moskau und Los Angeles abgesehen, fand sich nirgendwo eine derart hohe Konzentration politisch-literarischer Emigrationseliten, vornehmlich der KPD zugehörig oder ihr nahestehend, auf engem Raum zusammen wie in Mexiko-Stadt. Asyl in Mexiko erhielten aber auch Exkommunisten wie Gustav Regler, Anarchosozialisten wie Augustin Suchy und Linkssozialisten wie der SAP-Sekretär Max Diamant. Auch Leo Trotzki hatte nach seiner Ausweisung in Mexiko Zuflucht gefunden, was keineswegs ohne Belang war. Zudem lebten hier Emigranten, die unter starkem Einfluss der Auslandsorganisation der NSDAP standen, die bis zum Kriegseintritt Mexikos ihre Aktivitäten entfalten konnten. Ein Teil der Exilanten war schon in den frühen 30er-Jahren hier angekommen, z. B. der Marxist Alfons Goldschmidt und der Rätekommunist Otto Rühle.

Identifikation mit Politik Mexikos

Vorrangig muss in Betracht gezogen werden, dass Mexiko ein Land war, das sich in den Folgeentwicklungen der demokratischen Revolution von 1911 bis 1917 befand. Deren Traditionen und Ideen dominierten das öffentliche Leben. Die intellektuelle Elite stand dem Selbstverständnis nach politisch links. Von Anfang an hatte das Land - das einzige neben der UdSSR - die Republik Spanien unterstützt. Schon 1939 hatte die Regierung das Angebot gemacht, den spanischen Republikanern, eingeschlossen die Interbrigadisten, Asyl zu gewähren. Unter dem Präsidenten Lazaro Cardenas (1936 bis 1940) wurde eine weitreichende Landreform zugunsten der Bauern eingeleitet. Ausländisches Kapital in wichtigen Bereichen wurde nationalisiert.

Die KP Mexikos unterstützte den insgesamt demokratischen und zugleich antifaschistischen Kurs der Regierungspartei. Mit dem Vorsitzenden des Gewerkschaftsbundes CTM, Vicente Toledano, der im Lande hohes Ansehen genoss, fanden die kommunistischen Exilanten einen Fürsprecher von Rang. Unter dem Präsidenten Manuel Camacho (1940-1946) trat das Land 1942 an der Seite der Antihitlerkoalition in den Krieg ein . Ein Abkommen mit den Vichy-Behörden sicherte, dass die in Südfrankreich internierten spanischen Republikaner, eingeschlossen die Angehörigen der Internationalen Brigaden, Frankreich verlassen und in Mexiko einreisen konnten.

Es ist insbesondere das Verdienst des in Marseille tätigen mexikanischen Generalkonsuls Gilberto Bosques, dass Tausende Antifaschisten gerettet wurden. Bosques hatte die Visaerteilung, oft unter Umgehung der Vertragsbestimmungen, auf alle politisch gefährdeten Exilanten, auch die deutschsprachigen Kommunisten, ausgedehnt. Dennoch war der Weg nach Mexiko oft abenteuerlich, schwierig und zudem gefährlich. Außerdem mussten die Schiffspassagen bezahlt, Transitvisa besorgt, materielle Hilfe für Illegale und Internierte geleistet, Pässe gefälscht sowie Fluchtwege organisiert werden. Hier traten mehrere US-amerikanische Hilfskomitees auf den Plan, u. a. das »Barsky-Komitee«, das »Emergency Rescue Commitee« (Leitung: Varian Fry) und das »Unitarian Service Commitee« (Leitung: Noel Field). Von antifaschistisch-humanitären Motiven geleitet, retteten sie Hunderten von Exilanten das Leben. Hilfreich waren dabei ihre Kontakte zur innerfranzösischen und gaullistischen Résistance.

Varian Frey leitete das Hilfskomitee »Emergency
Rescue«, das neben anderen ähnlichen
Einrichtungen den politisch Verfolgten
bei ihrer Flucht ins Ausland half.

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Von entscheidender Bedeutung für die Entfaltung der politisch-kulturellen Tätigkeit des kommunistischen Exils war seine weitgehende Identifikation mit dem innen- und außenpolitischen Kurs der Regierung. In keinem anderen Land des Kontinents war das der Fall. Die Exilanten erhielten eine Arbeitserlaubnis, durften den Wohnsitz frei wählen und ungehindert politisch tätig sein.

Die Ausschöpfung der Möglichkeiten der antifaschistischen bürgerlich-parlamentarischen Demokratie in Mexiko setzte neue, schöpferische Potenzen der hier lebenden kommunistischen Emigranten frei, auch ohne das von bürgerlichen Ideologen strapazierte »Diktat von Moskau«.

Peter Fisch

 

Den 2. Teil des Beitrages lesen Sie in der nächsten Ausgabe der DRAFD-Information.