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Für Freiheit, für Frankreich und Deutschland

Zum Gedenken an Carlo und Eugen Schönhaar

»Für Freiheit, für Frankreich und Deutschland!" Diese Worte erklagen aus dem Munde des jungen deutschen Studenten Carlo Schönhaar, Angehöriger der Bataillone der Jugend, am 16. April 1942 inmitten von acht deutschen Offizieren, die das »Gericht« bildeten, um 27 Freischärler der main-d'œuvre immigrée (MOI) im Pariser Haus der Chemie zu verurteilen. Sie wurden als Aufruf an zwei Völker zum gemeinsamen Kampf gegen den Nazismus verstanden.

Albert Ouzoulias (Colonel André), als Mitglied des Nationalen Militärkomitees der Francs-tireurs et partisans (FTP) und Buchautor über den französischen Widerstand populär, erinnert in einem seiner Bücher unter anderem über heldenhafte Streiter der Résistance an den mutigen Kampf von Carlo Schönhaar, aus dem das nachstehende Porträt leicht gekürzt und redigiert von mir entnommen ist.

Carlo Schönhaar wurde am 20. Dezember 1924 in Hedelfingen in Württemberg geboren. Sein Vater war Deutscher, seine Mutter, unsere Genossin Odette Pisler, ist Französin.

Carlos Vater, Eugen Schönhaar, hatte an den revolutionären Kämpfen in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg teilgenommen. Schon während des Ersten Weltkrieges beteiligte er sich am antimilitaristischen Kampf des von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg geführten Spartakusbundes, aus dem später die Kommunistische Partei Deutschlands hervorging. Als er gegen Ende des Ersten Weltkrieges mit siebzehn Jahren einberufen wurde, setze er diesen Kampf fort. 1919 trat er in die KPD ein. Seit Dezember 1920 gehörte der führende Jugendfunktionär Württembergs der Zentrale des KJVD an.

1932 gab ihm die KPD den Auftrag, Vorbereitungen für die Herausgabe der Zeitungen und Flugblätter unter illegalen Bedingungen für ganz Deutschland zu treffen. Im November 1933 fiel er der Gestapo in die Hände. Unter der Folter nannte er nicht einen seiner Mitarbeiter. Die Nazis ermordeten ihn und seine Kampfgefährten John Schehr, Rudolf Schwarz, und Erich Steinfurth am 1. Februar 1934. Eugen Schönhaar war 36 Jahre alt.

Sein Sohn Carlo war noch nicht neun Jahre alt als Hitler zur Macht gelangte. Alle Gespräche, die er zu Hause hörte, ließen ihn reifer werden. Als die Gestapo die erste Haussuchung vornahm kam er aus der Schule und sah fremde Gesichter hinter der Mutter, die ihm öffnete. Er verstand sofort, was ihr Auftrag bedeutet: »Carlo, ich habe das Mehl vergessen, hol' mir schnell etwas.« Im Eiltempo saust er die Treppe hinunter, um die Genossen zu warnen. Die Gestapo konnte lange auf ihn warten.

Sein Großvater mütterlicherseits brach­te ihn in die französische Schweiz; dort wurde er versorgt. Einige Monate später kam seine Mutter zu ihm. Dort erfuhr er von dessen Ermordung.

Carlo und seine Mutter gingen nach Frankreich. Sie schlugen sich mit unentwirrbaren Formalitäten herum. Odette erhielt ihre französische Staatsangehörigkeit zurück, aber Carlo blieb Deutscher, weil er in Deutschland geboren wurde. Endlose Vorstellungen sind nötig, um Carlo in die Schule, dann aufs Gymnasium schicken zu können. Endlich ins Rollin-Gymnasium aufgenommen, war er in der Tertia, als die Deutschen in Paris einmarschierten. Er beteiligte sich an der Studentendemonstration auf dem Camps-Élysées am 11. November 1940. Im Rollin-Gymnasium hat er Flugblätter der kommunistischen Studenten und Gymnasiasten verteilt: Er wurde denunziert. Ein deutscher Offizier holte ihn ins Gebäude des Innenministeriums; dort wurde er vernommen, dann freigelassen. Aber er wurde vom Gymnasium vertrieben und zugleich wurde ihm der Besuch aller der Universitäten von Paris unterstellten Schulen verboten.

Was tun? Er ist erst 16-jährig und alle Schulen waren ihm verschlossen, sogar die berufsbildenden. Der Direktor des Instituts für Optik am Boulevard Pasteur, ein mutiger Mann, nahm ihn in seiner Anstalt auf. Seine Mutter war besorgt. Wird ihm dieser Beruf gefallen? Er stellt sich sehr rasch darauf ein. Er beantragte sogar zusätzliche Stunden in der Werkstatt, um den Beruf schneller zu erlernen. Seine Mutter versteht das nicht. Wozu? Er könnte weiterstudieren, Ingenieur für Optik werden. Nein. Er will möglichst schnell arbeiten gehen. In Wirklichkeit steht Carlo zu diesem Zeitpunkt schon in der Résistance.

Seine Mutter weiß es nicht, ahnt es aber wegen verschiedener Anzeichen. Sie hat nie mit ihm darüber gesprochen, ihn nie befragt. Konnte sie dem Sohn verbieten, dem Beispiel des Vaters zu folgen? Sie beschränkte sich darauf, Vorsicht anzuraten.

Carlo und seine Mutter wohnten in der Rue Etienne-Marey 6 im XX. Bezirks. Der Hausmeister, Herr Leblois, hatte während des Zusammenbruchs Handgranaten, Sprengstoff und Waffen geborgen. Die Waffen wurden eingefettet, in Leinewand gewickelt und mit den Handgranaten und dem Sprengstoff in den Keller geschafft. Er wurde das Depot der Gruppe Carlo Schönaar. Im Nachbarhaus wohnte die junge Stenotypistin Hélène Vivet. Sie war neunzehn Jahre alt und gut bekannt mit Carlo und Jean Debrais, einem anderen Jungen von dem »Bataillon der Jugend«, der den Verhaftungen von 1941-1942 entging und bis Ende 1943 weiterkämpfte. Er wurde im Dezember 1943 bei einer Razzia erschossen.Eines Tages am 8. März 1942 kam Carlo nicht nach Hause. Seine Mutter ging zur Arbeit, wurde bei der Rückkehr in ihre Wohnung ebenfalls von französischer Polizei verhaftet und zur Polizeipräfektur gebracht. Sie erkundigte sich nach ihrem Sohn. »Es ist schrecklich, Madame« sagte ihr ein Polizist, er wurde mit einer Bombe gefasst ...«

»Wo ist er?«

»In den Händen der Deutschen!«

Und der Leidensweg begann. Einige Tage später wurde die Mutter im Gestapogebäude mit ihrem Sohn konfrontiert. Sein Gesicht war von den Schlägen entstellt. Als er sie sah, stöhnt er auf: »Was, haben sie dich auch verhaftet? Sie belog ihn: »Nein bleib ruhig, ich bin frei.« Mehrere SS-Leute führten ihn ab. Mutter und Sohn sahen sich nicht mehr wieder. Der Offizier, der die Mutter vernahm, sagte zum Schluss: »Man bekommt nichts heraus, so einen Kopf hat er!« Er schlägt mit der Faust auf den Tisch. »Ich dachte, wenn er seine Mutter sieht ...

Odette Pisler wurde in der Santé in Einzelhaft festgehalten. Als sie später in eine andere Zelle verlegt wurde und nicht mehr in Einzelhaft war, erfuhr sie, dass Carlo auch in der Santé ist.

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Ernst Melies (rechts) und Stefan Doernberg (mitte) gedenken als Abgeordnete der DRAFD der über 6.800 von deutschen Okkupationstruppen erschossenen Kämpfer der Résistance darunter auch Carlo Schönhaar

Sie wurde drei Wochen danach nach Deutschland deportiert, zunächst ins Gefängnis, dann ins Lager Ravensbrück. Dort erfuhr sie, dass Carlo vor ein deutsches Kriegsgericht gestellt, zum Tode verurteilt und am 17. April 1942 im Alter von siebzehneinhalb Jahren auf dem Mont-Valérien erschossen wurde.

Kurt Hälker/Albert Ouzoulias

 

Fotos: Gedenkstätte Dt. Widerstand und privat