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Gerhard Leo - Kleiner Mann mit großer Geschichte

In meiner Erinnerung bleibt er der kleine Mann mit der großen Geschichte, es bleibt sein sanftes Lächeln, seine Freundlichkeit, seine Ruhe, seine Bescheidenheit.

Es mag 1958 gewesen sein, als er in die französische Redaktion unseres Auslandsrundfunks kam – ich durfte die von ihm in Französisch verfassten „Pages de l‹histoire«, die Geschichtssendungen über Nazivorzeit und Hitlerherrschaft, mit ihm zusammen aufnehmen. Später saß er oft in unserer wöchentlichen französischen Diskussionsrunde, zu der auch Dora Schaul, Kurt Goldstein, Harald Hauser, Henryk Keisch und andere Kameraden gehörten. Es ging jeweils um aktuelle Politik, der Blickwinkel war stets antifaschistisch.

Damals kannte ich weder seine Geschichte noch die der anderen Teilnehmer – das Buch „Résistance« erschien erst später und gab auch mir Aufklärung: 1923 in Berlin geboren, 1933 Flucht nach Frankreich mit den Eltern. Im Zweiten Weltkrieg, blutjung, im Widerstand. Er wird verhaftet. es droht ihm der Tod, aber die Résistance rettet ihn, und in ihren Reihen kämpft er bis zur Befreiung Frankreichs. „Le rescapé«, der Davongekommene, so nannten ihn seine Kameraden. In seinem Freundeskreis kennt man sein persönliches Fazit: Dem Tode entronnen, sei sein weiteres Leben wie ein Nachschlag gewesen. Ein Nachschlag, in dem er sich und seinen Mitkämpfern immer treu blieb – ob als Journalist, Publizist oder Buchautor, nicht zuletzt und bis zuletzt als unermüdlicher öffentlicher Zeitzeuge, vor allem vor der jungen Generation, in Deutschland wie in Frankreich.

Und fremdes Leid blieb ihm nie fremd. So deckte er 1947 als junger Journalist auf, dass im „IG Farben«-Betrieb in Leverkusen nicht nur Erwachsene, sondern auch polnische und russische Kinder Zwangsarbeit leisten mussten – so manches Kind überlebte es nicht, ein kleiner Kinderfriedhof auf dem allgemeinen Friedhof der Stadt zeugte davon. In hohem Alter war er jahrelang aktiv in der Initiative gegen Abschiebehaft in Berlin – ihm, der selbst Flüchtling gewesen war, konnte das schwere Los der abgelehnten und eingesperrten Asylbewerber nicht gleichgültig sein.

Zum 60. Jahrestag der Zerstörung des französischen Dorfes Oradour-sur-Glane am 10.Juni 1944 legte er den deutschen Lesern die Übersetzung eines erschütternden französischen Dokuments vor: „Das Tagebuch der Denise Bardet«. Sie war Lehrerin in Oradour, liebte die deutsche Kultur und wurde, wie ihre Schüler, von Deutschen umgebracht.

Wir haben einen konsequenten Antifaschisten und zuverlässigen Kameraden verloren.

Gedenken wir seiner in Demut und Dankbarkeit.

Jonny Granzow