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Ehrung für Antifaschistin Dora Schaul

Gedenktafel am Dammweg 73 in Berlin-Treptow erinnert an hochgeachtete Résistancekämpferin

 

Mehr als drei Jahre nach der Ehrung für Dora Schaul im südfranzösischen Brens zog Berlin, die Heimatstadt der deutschen Antifaschistin, halbwegs nach. Seit dem 8. August 2009 erinnert am Dammweg 73 im Stadtteil Treptow, ihrem letzten Wohnsitz, eine Gedenktafel an Leben und Verdienste der 1913 in einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Berlin Geborenen. Die Ehrung erfolgte anläßlich des zehnten Todestages dieser bemerkenswerten und couragierten Frau. Ausgangspunkt war eine Initiative von – wie es in der Einladung hieß – bürgerschaftlich engagierten Personen, die von der SPD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Treptow-Köpenick aufgegriffen und von der Linksfraktion wie von vielen anderen Gruppen und Organisationen unterstützt worden war. Dazu zählten nicht zuletzt der Treptower Bund der Antifaschisten, das Bürgerkomitee Plänterwald; der Fachbereich Heimatmuseum im Bezirksamt sowie die Vereine »ViVer – Vision und Verantwortung« und WIR TREPTOWER, um nur einige zu nennen.

Im Beisein von vielleicht hundert Teilnehmern, darunter Bezirksbürgermeisterin Gabriele Schöttler (SPD) und der SPDKandidat für die Bundestagswahl Kajo Wasserhövel sowie der VVN-BdA-Landesvorsitzende Hans Coppi, Familienangehörige, Weggefährten und Freunde, gab Siegfried Stock als Vorsteher der Bezirksverordnetenversammlung noch einmal einen Überblick über die Vorgeschichte der doch für heutige Zeiten eher ungewöhnlichen Initiative. Oliver Igel (SPD) und Hans Erxleben (Die Linke) begründeten das jeweilige Engagement ihrer Parteien bzw. Fraktionen für Dora Schaul.

Anschließend resümierte Magister Sterenn Le Berre noch einmal den Lebensweg der deutschen Kommunistin und Widerstandskämpferin. Die 26-jährige Deutschlehrerin war extra aus Paris nach Berlin gekommen, um hier ihre Forschungsergebnisse in Sachen Dora Schaul vorzustellen. Sie hatte sich damit auch schon um die im März 2006 erfolgte Ehrung in Südfrankreich verdient gemacht. Seinerzeit war in der Gemeinde Brens, einem Ortsteil der Kleinstadt Gaillac im Departement Tarn, rund 50 Kilometer nordöstlich von Toulouse, eine Straße nach der deutschen Antifaschistin benannt worden (siehe auch DRAFD-Information von Juni 2006). Die Route Dora Schaul – eine bis dahin namenlose Regionalstraße – führt vorbei an einem der Internierungslager, in die Frankreich nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf Polen »unerwünschte Ausländer« deportieren ließ. Dazu zählte auch die 1933 aus Deutschland emigrierte Dora, die in Frankreich Anschluß an die KPD gefunden hatte und nun gleich Tausenden anderen Gesinnungsgenossen und Kampfgefährten hinter Stacheldraht tatenlos zusehen mußte, wie die faschistische Wehrmacht in Frankreich einmarschierte. Doch »tatenlos« war ihre Sache nicht. Wie zuvor schon im überfüllten Frauenlager von Rieucros, aus dem sie gemeinsam mit weit über 300 Frauen im Februar 1942 nach Brens verlegt wurde, half sie auch hier mit, den Zusammenhalt ihrer Leidensgefährtinnen aus vielen Ländern Europas zu organisieren und die menschliche Würde zu bewahren.

Wenige Wochen vor einer zwischen dem französischen Kollaborationsregime und den Besatzern ausgehandelten Deportation nach Deutschland konnte Dora im Juli 1942 aus Brens fliehen und in Lyon untertauchen. Dort fand sie Anschluß an ihre Genossen, die ihrerseits Kontakt zur Résistance hatten. Mit falschen Papieren auf den Namen Renée Gilbert und später Renée Fabre ausgestattet, fand sie nach dem Einmarsch der Wehrmacht in den bis dahin nicht okkupierten Süden Frankreichs im November 1942 Arbeit in deutschen Dienststellen. Hier konnte sie für den Widerstand bedeutsame Informationen abschöpfen. So auch aus den Gestapozentrale in Lyon, die damals von dem berüchtigten SS-Hauptsturmführer Klaus Barbie geleitet worden war. Der konnte Jahrzehnte danach auch dank ihrer Zeugenaussagen verurteilt werden. Später war sie für CALPO, das im Herbst 1943 gegründete Komitee Freies Deutschland für den Westen, in verschienenen Funktionen im Einsatz.

1946 nach Deutschland zurückgekehrt, heiratete sie den früheren Rechtsanwalt Hans Schaul, antifaschistischer Widerstandskämpfer wie sie selbst, arbeitete einige Jahre im Parteiapparat der SED und danach als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Marxismus- Leninismus. Dabei blieb sie stets besonders eng dem Kampf deutscher Antifaschisten in der Résistance verbunden und pflegte die Kontakte zu den französischen Kampfgefährten wie zu den Überlebenden von Rieucros bzw. Brens - zuletzt auch im Auftrag von DRAFD, in deren Vorstand bzw. Beirat sie wiederholt gewählt worden war.Die »grande dame de la Résistance allemande«, wie sie vielfach achtungsvoll genannt wurde, ist, wie der 8. August 2009 bezeugte, unvergessen.

Peter Rau