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Antifaschistisches Exilzentrum Mexiko

Deutsche Intellektuelle und die »Bewegung Freies Deutschland«

Teil 2

Die »Liga Pro-Cultura Alemana« (LPCA) war die erste große politische Vereinigung deutscher Emigranten. 1937 auf Initiative Ernst Tollers (Foto unten) gegründet, der zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution in Mexiko-Stadt aufgetreten war, arbeitete diese durchaus verdienstvoll, zumal ihr der bedeutende marxistische Wissenschaftler Alfons Goldschmidt 1939 beitrat und deren Renommee erhöhte. Es war keine von der Volksfrontstrategie bestimmte Organisation, galt aber, auch mexikanischen Regierungsbehörden, als Ort einer offiziösen Anti-Nazi-Propaganda und war zunächst das wichtigste Sammelbecken der eintreffenden Exilierten. Eine vielfältige Öffentlichkeitsarbeit konnte aber mit Beginn des Krieges nicht fortgesetzt werden, zumal Goldschmidt verstorben war.

Infolge des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes hatten sich in der LPCA starke antikommunistische Tendenzen entwickelt, die nicht nur durch die Mitgliedschaft des Exkommunisten Gustav Regler bedingt waren. Zudem hatte sich der LPCA-Funktionär Heinrich Gutmann explizit gegen die Bildung und Tätigkeit der zunächst »gedeckt« auftretenden KPD-Gruppe gewandt, auch begünstigt durch eine Erklärung der kommunistischen Fraktion in der Liga, die sich gegen die Westmächte - der damaligen(kontraproduktiven) Linie der Komintern und KPD folgend – richtete (1940). Unterzeichner der Erklärung waren deren Sprecher Bodo Uhse und Ludwig Renn. Der Konstituierung der BFD im Januar 1942 ging ein mehrmonatiger politischer und geistiger Klärungsprozess voraus. Dieser war umso notwendiger, da sich durch den faschistischen Überfall auf die UdSSR die weltpolitische Situation völlig verändert und deshalb strategisch-taktische Konsequenzen zur Folge hatte.

Klärung der Ziele

Die wesentlichen Fragestellungen, die eine Antwort auf Basis der aktuellen Parteibeschlüsse, der veränderten welthistorischen Situation, der Exilbedingungen und der Regierungspolitik Mexikos erforderlich machten, waren:
Welchen Charakter und welche Hauptziele muss die Bewegung haben? Welche potenziellen Bündnispartner sind vorhanden und müssen gewonnen werden? Wie ist das Verhältnis zu deutschjüdischen Exilanten (in der Mehrzahl politisch indifferent)zu entwickeln? Welche Positionen sind zu den Hauptmächten der Antihitlerkoalition zu entwickeln? Welche konkreten Formen und Methoden sind zur Umsetzung der programmatischen Grundsätze anzuwenden? Was kommt nach Hitler? Der unmittelbare Prozess der Formierung der Bewegung Freies Deutschland ging zeitlich mit der Herausgabe der Zeitschrift »Freies Deutschland« und der Gründung des »Heinrich-Heine-Klubs »konform. Im Oktober 1941 trafen ca.900 meist deutschsprachige und spanische Emigranten in Mexiko ein, u.a. Alexaner Abusch, Walter Janka, Günther Ruschin, Steffi Spira, Georg Stibi, Leo und Rudolf Zuckermann. Schon im Dezember wurde auf Plakaten in Mexiko-Stadt die Gründung einer Bewegung »Freies Deutschland« angekündigt. Die zentrale Losung hieß: »Gegen Hitler – an der Seite der Demokratien! « Ein unterzeichnendes Vorbereitungskomitee wurde genannt: Ludwig Renn (Vorsitzender), Waldemar Altner, Paul Elle und Luise Heuser. Renn wurde mit Bedacht vorgeschlagen, künftiger Präsident der BFD zu sein. Auf dem gesamten amerikanischen Kontinent war er eine bekannte und geachtete Persönlichkeit. Der letzte Stabschef der 35. Division der spanischen Volksarmee musste das Land im Februar 1939 verlassen. In St. Cyprien (Frankreich) interniert, kam er mit Hilfe von Luis Aragon frei und gelangte dann, nach Aussprache mit FranzDahlem, dem Leiter der Auslandsabteilung der KPD in Paris, über Großbritannien nach New York. Erika Mann hatte Visa und Geldmittel für ihn und Uhse besorgt. Zunächst hatte die KPD-Führung beabsichtigt, in den USA ein neues kommunistisches Exilzentrum aufzubauen. Das erwies sich als unmöglich. So blieb nur der Weg nach Mexiko.

Programm des BFD verkündet

Am 30. Januar 1942 trat die BFD auf dem Antifaschischen Kongress der Anti- Nazi-Organisation »Accion Democratica International« (ADI) unmittelbar in die Öffentlichkeit. Anwesend waren 178 Delegierte von 78 antifaschistischen Gruppierungen. Ludwig Renn verkündete ihnen ein Acht-Punkte-Programm der »Freien Deutschen«:

1. Gegen Hitler - für ein »freies demokratisches Deutschland«.

2. Sammlung und Einigung aller Freien Deutschen und ihrer Organisationen ohne Unterschied der Rasse, Religion und Partei.

3. Verteidigung der Demokratie des Gastlandes (das schloss u.a. die Erklärung ein, deutsche »Freiheitsbrigaden« zur militärischen Verteidigung Mexikos aufzustellen, denn zu diesem Zeitpunkt war ein japanischer Angriff auf Mexiko durchaus real- P.F.).

4. Für den Sieg der alliierten Staaten »über Hitler und seine Achsenpartner«; Unterstützung der USA, UdSSR, Großbritanniens, Chinas und der anderen Staaten des Vertrages von Washington vom 1. Januar 1942 (Grundvertrag der Anthitlerkoalition)

5. Unterstützung des Widerstandskampfes in Deutschland; »Einigung des deutschen Volkes zum Sturz des Hitlerregimes «.

6. Für das nationale Selbstbestimmungsrecht aller Völker; Unterstützung des »Befreiungskampfes der von Hitler unterdrückten Völker«; Zusammenarbeit mit den »demokratischen Organisationen « aller Nationen.

7. Vernichtung der 5. Kolonne und Brechung des Einflusses der NSDAP-Auslandsorganisation.

8. Verteidigung und Förderung der »freiheitlichen Kultur«; Anprangerung der faschistischen Verbrechen »am deutschen Volk und allen Völkern der Erde«.

Damit trat »Alemania libre« auf den Plan, neben analogen Bewegungen der Franzosen, Italiener, Spanier, Belgier, Holländer, Tschechen, Polen und Ungarn. Ludwig Renn stellte besonders heraus, dass der Rahmen der Bewegung nur dort eine Grenze findet, wo der Nazismus und seine Helfer beginnen. Eindeutig wurde von ihm betont, dass die Anhänger der BFD »Gleiche unter Gleichen« sind, also keine Partei oder Organisation eine Führungsrolle beanspruchen soll und darf. Das Programm widerspiegelte neue Herangehensweisen. Besonders wurde das deutlich in der Unterscheidung von faschistischen und bürgerlich-parlamentarischen Staaten und in der Zielstellung, die Bewegung über Mexiko hinaus auszudehnen und als internationales Zentrum zu entwickeln. Die mexikanische Öffentlichkeit und die auf dem amerikanischen Kontinent lebenden exilierten Schriftsteller und Wissenschaftler begrüßten die ersten Schritte der BFD wärmstens, so Bertolt Brecht, Albert Bassermann, Lion Feuchtwanger, Bruno Frank, Ferdinand Bruckner, Albert Einstein, Heinrich Mann und der »Doyen des antifaschistischen Exils, Thomas Mann. Letzterer schrieb: (Foto unten) »Ich brauche kaum zu sagen, dass ich dieses Programm Punkt für Punkt mit vollster Zustimmung und Genugtuung gelesen habe. Ähnlich zustimmend äußerten sich Pablo Neruda, Vicente Toledano und der Außenminister Mexikos Ezequiel Paddilla u.v.a.

Einige der politischen Initiativen und Aktivitäten der BFD, die die Inhalte und Methoden der politischen Arbeit exemplarisch dokumentieren, waren:

• Anlässlich der Kriegserklärung Mexikos an die faschistischen Achsenstaaten sprach am 24. Mai 1942 Ludwig Renn vor 100.000 Teilnehmern in Mexiko- Stadt. Er versicherte, dass die BFD eine Verbündete Mexikos sei. Die Rede wurde in der Presse in vollem Wortlaut abgedruckt, vom staatlichen Rundfunk übertragen und Renns Biographie vorangestellt.

• Die Forderung an alle Deutschen in Mexiko und ganz Lateinamerika, die UdSSR zu unterstützen, da sie die Hauptlast des Krieges zu tragen habe;

• Eine Veranstaltung zu Ehren des 25. Jahrestages der Oktoberrevolution im Zeichen des Kampfes um Stalingrad und der Forderung nach Eröffnung der 2. Front durch die westlichen Verbündeten.

• Auf einer Kundgebung in Mexiko- Stadt am 9. November 1942 sprachen Paul Merker und Ludwig Renn über die Notwendigkeit einer »demokratischen Volksrevolution« gegen den Faschismus in Deutschland.

• Kurt Rosenfeld, Präsident der »German American Emergency Conference« in den USA, demonstrierte in einer Rede am 17. August 1942 die Verbundenheit mit der BFD in Mexiko.

• Im Juli 1942 spricht Ludwig Renn im »Radio Nacional« Mexikos gegen den Vansittarismus (Kollektivschuldthese, nach Lord Vanssitart, einem britischem Politiker, leugnete die reale Existenz des antifaschistischen deutschen Widerstandes), der verbreitete: »Hitler ist Deutschland!«, Gegenlosung Renns: Die BFD sei ein integrierter Bestandteil des antifaschistischen Widerstandes.

• Im Oktober 1942 fand eine »Antiterrorkonferenz « in Mexiko-Stadt unter Schirmherrschaft der mexikanischen Regierung statt. Uhse und Merker verlasen den BFD-Appell »Die Verantwortung der Deutschen und die Nazigreuel in der Sowjetunion«.

• Im Januar 1943 widmete sich eine KPD-Funktionärskonferenz dem Thema: »Weitere Arbeit der BFD unter dem Aspekt der Bündnispolitik gegenüber den Auslandsdeutschen und jüdischen Exilanten sowie zur Zurückdrängung der faschistischen Ideologie«.

• Anlässlich des 10. Jahrestages der Errichtung der faschistischen Diktatur sprachen Renn und Toledano am 28. Januar 1943 zu den aktuellen Aufgaben des Kampfes gegen den Faschismus. Unter den 5.000 Teilnehmern im größten Saal von Mexiko-Stadt befanden sich Minister, Offiziere, Regierungsvertreter, Arbeiter, Bauern und Angehörige der Intelligenz; die Reden übertrug der Rundfunk

Am 8. und 9. Mai 1943 tagte der Erste Landeskongress der BFD in Mexiko-Stadt. Der Kongress diente vo allem dazu, den exilpolitischen Repräsentationsanspruch, der mit der BFD und dem »Lateinamerikanischen Komitee der Freien Deutschen«(LAK) vor der alliierten Öffentlichkeit objektiv erhoben wurde, zu dokumentieren und dazu die fast eineinhalbjährige Arbeit zu resümieren. Die »Bewegung Freies Deutschland« vereinigte Mitte 1944 ca. 400 Mitglieder, dazu die gleiche Anzahl von »Freunden »(Status für Mexikaner) und erreichte, im Zusammenwirken mit der Zeitschrift »Freies Deutschland«, dem »Heinrich- Heine-Klub« und dem angeschlossenen Verlag »El Libro Libre« eine große Breitenwirkung in Mexiko sowie ganz Lateinamerika. Der Hauptgrund dafür war, dass sie sich bis zum Ende ihrer Tätigkeit 1946 von der objektiven Interessenkongruenz des deutschen Volkes, der von Hitlerdeutschland okkupierten und unterdrückten Völker, aller kämpfenden alliierten Mächte und letztlich von Menschheitsinteressen leiten ließ. Dieser Strategie folgte auch das Anfang 1943 gegründete LAK (Sekretär: Paul Merker, Ehrenpräsident: Heinrich Mann). Durch die Identifikation mit den Zielen der Alliierten, auch nach den Konferenzen von Casablanca, Teheran, Jalta und später Potsdam, ergab sich auch die Übereinstimmung mit der Politik des Gastlandes. Die Beschlüsse der künftigen Siegermächte stets zu verteidigen, galt als Axiom. Diese Auffassung teilten die anderen Exilorganisationen durchaus nicht (z.B. die Besatzungs- und Teilungspläne, Abtretung der Ostgebiete). Das führte zu Kontroversen und zugleich Auseinandersetzungen, besonders mit den Gegenpositionen der rechtssozialdemokratischen Stampfer- Gruppe (USA) und der Organisation »Das andere Deutschland« (Buenos Aires), geleitet von Hans Siemsen. Der dabei von Führungsmitgliedern der BFD zuweilen erhobene Vorwurf des Nationalismus und der verkappten Nazi-Gesinnung übertrieb aber die Polemik. Die mit dem Kriegsende wachsende Orientierung auf die sowjetische Deutschlandpolitik machte die Angelegenheit sehr kompliziert, besonders für die Durchsetzung einer erfolgreichen Bündnispolitik mit Nichtkommunisten. Kontakte zu jüdischen Exilanten Dabei gab es dennoch Teilerfolge, die sich u.a. in wachsenden Kontakten zur deutsch-jüdischen Exilgruppe zeigten (vermittelt besonders durch den »Heinrich- Heine-Klub« zur Vereinigung »Menorah «). Einen schweren Stand hatten die Beziehungen der BFD zu bürgerlichkonservativen Gruppen, die oft vansittaristischen Parolen folgten. Merker konterte mit der Betonung der Mitschuld großer Teile des deutschen Volkes an den faschistischen Verbrechen, auch gerichtet an einige Vertreter der BFD selbst, besonders Georg Stibi, der noch im September 1942 eine antifaschistische Mehrheit in Deutschland festzustellen glaubte und auch das Problem der Verantwortung der Deutschen ignorierte. Freilich hofften die meisten Exilanten, von Moskau bis nach Los Angeles und Mexiko, dass die Deutschen imstande sein werden das Regime des Verbrechens aus eigener Kraft zu stürzen – erst dann würde es seiner humanen Pflicht gerecht. Dieses Junktim von Aufstand und Entledigung der Mitverantwortung setzte die BFD unter Zugzwang, um die Hypothek auf das größere Selbstbestimmungsrecht der Deutschen vor den Alliierten noch einzulösen. Bald erwies sich das als illusionär. Deshalb wurde im »Freien Deutschland« jede noch so geringe Widerstandshandlung, die sich in Nazideutschland regte, überhöht dargestellt. Größe und Tragik Paul Merkers Im engen Zusammenhang mit der Entwicklung einer tragfähigen Bündnispolitik standen die Schlussfolgerungen aus dem Völkermord an den Juden Europas. Von den 72 Texten, die Paul Merker (Foto oben) als Leiter der KPD-Gruppe im „Freien Deutschland« veröffentlichte, befassten sich fünf mit der Frage »Juden in Deutschland«. Es ist in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass von etwa 500.000 Deutschen, die nach 1933 Hitlerdeutschland verließen, ca.90 Prozent jüdischer Herkunft waren. Nur die wenigsten von ihnen waren bereit, nach dem absehbaren Sieg der Alliierten in das Land ihrer Geburt zurückzukehren. Ausgehend von der marxistischen Charakteristik des Antisemitismus und angesichts der systematischen Vernichtung von Millionen Juden ging Merker über dessen sozialökonomische Begründung hinaus und fixierte konkrete Vorstellungen über den künftigen Umgang mit den jüdischen Opfern des Faschismus. Kein anderer Exilpolitiker hat sich dazu so explizit geäußert wie Paul Merker. Ihm genügte es nicht, den Antisemitismus zu verurteilen. Wesentlich waren für ihn folgende Grundsätze: 1. Die Notwendigkeit der Gründung eines jüdischen Nationalstaates. 2. Wiedergutmachung der den jüdischen Bürgern zugefügten wirtschaftlichen Schadens. Auf Kosten des deutschen Staates kann jeder von ihnen nach Deutschland zurückkehren oder sich in einem beliebigen Land niederlassen. 3. Vereinbarkeit der Zugehörigkeit zu einer nationalen jüdischen Organisation mit einer Mitgliedschaft in der BFD. 4. Die Anerkennung der nationalen Zugehörigkeit der Juden schließt deren Anerkennung als ethnische Gruppe ein. Daraus resultierte u.a. die Zusammenarbeit mit nichtkommunistischen Juden im Rahmen der Gruppe »Menorah« und »Bene Berith«. Außerdem waren mehr als die Hälfte der Kommunisten in Mexiko selbst Juden. Angemerkt sei hier, dass zur gleichen Zeit die sowjetische Führung keine Einwände hatte, dass Juden ihres Landes Kontakte zu zionistischen Organisationen in anderen Ländern hatten. 1947/48 begrüßte die UdSSR die Gründung des Staates Israel – wie auch die SED-Führung. Neue Politikansätze formulierte Merker auch im Zusammenhang mit der Exildiskussion um Deutschlands Schuld, Verantwortung und Zukunft. Das war geradezu ein Leitthema der gesamten Exilpublizistik besonders der letzten Kriegsjahre. Hitzige Debatte Koenen/Merker In der Vielfalt der Meinungen und Thesen gewann der Disput zwischen den Kommunisten Paul Merker und Wilhelm Koenen 1944/45 besondere Bedeutung. Koenen, Leiter der KPD-Gruppe in London, hatte die Diskussion eröffnet. In der »Freien Tribüne« war wiederholt die Mitschuld der Deutschen an den faschistischen Verbrechen hervorgehoben worden. Zugleich aber habe die deutsche Arbeiterklasse versagt und Verrat geübt, so Koenen. Deshalb hätte es keinen relevanten Widerstand gegen das Regime gegeben. Aus diesem Grund sei es legitim, den Deutschen das Recht auf einen selbstgelenkten Wiederaufbau zu verweigern. Eine notwendige Erziehungsarbeit sei Sache der Siegermächte, wobei den deutschen Antifaschisten nur die Rolle von »Administratoren« zugedacht war. Merkers Antworten, im »Freien Deutschland« 1944/45 abgedruckt, gehörten zum Differenziertesten, was im Exil zum Thema geschrieben wurde. Selbst Heinrich Mann, der später äußerte, er würde Merker »gern als Reichskanzler »im neuen Deutschland sehen, war von dessen Stil und Sachlichkeit beeindruckt. Der Leiter der KP-Gruppe in Mexiko leugnete das Geschehene nicht, aber er formulierte Voraussetzungen für einen ehrlichen Neubeginn nach dem Kriege. Er schrie nicht »Verrat« oder »unschuldig«, sondern forderte das Nachdenken über die eigenen Fehler, auch seitens der Emigranten, die vor 1933 gemacht wurden. Die in Teheran und Jalta beschlossenen Gebietsabtrennungen stellte er nie in Frage, wusste aber auch, dass ein Neuaufbau aus eigener Kraft erfolgen muss. Jeder verordneten Lösung würde ein neues Fiasko folgen, so Merker. »Sie würde nicht zur Schaffung einer neuen Demokratie in Deutschland führen, sondern (nur) den Untertanengeist verewigen »Eine systemverändernde Umwälzung als eigene Leistung, das war Merkers wichtigste Forderung an das deutsche Volk und die deutsche Arbeiterklasse. Es gab dabei auch falsche Prognosen, insbesondere die Hoffnung auf einen dauernden Zusammenhalt der Alliierten nach dem gemeinsamen Sieg 1945. Im Zeichen des Kalten Krieges wurden die Entwürfe des mexikanischen Exils im Westen Deutschlands nicht umgesetzt. Hier wurden alle Schuld und Verantwortungsfragen – geprägt vom Antikommunismus – unter den Tisch gekehrt. Exilanten und Widerstandskämpfer galten lange Zeit als Vaterlandsverräter, zum Teil auch heute noch. Auch in der sowjetisch besetzten Zone bzw. in der DDR wurden die neuen Politikentwürfe angesichts der Omnipotenz der sowjetischen Besatzungsmacht, die ihrerseits Initiativen förderte, aber auch dirigistisch dort eingriff, wo es nicht notwendig war, und der Dominanz der Moskauer Exilgruppe bestenfalls eingeschränkt berücksichtigt. Merker war zwar (in Abwesenheit) wieder in die Parteiführung gewählt worden, aber wenige Jahre später, im Komplex mit der Field-Affäre, erfolgte 1950 sein Parteiausschluss und die Entbindung von allen Funktionen. Ende 1952 verhaftet, wurde er im März 1955 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Zentrum des Geheimprozesses stand der Vorwurf der »imperialistischen Agententätigkeit« und des Zionismus. Hintergrund waren seine Äußerungen zum Verhältnis von Deutschen und Juden im »Freien Deutschland«, besonders zur Frage der Entschädigung. In der Folge des XX. Parteitages der KPdSU wurde er aus der Haft entlassen. 1969 verstarb Paul Merker, öffentlich nicht rehabilitiert. Rudolf Feistmann beging Selbstmord. André Simone (Otto Katz), der in Mexiko umsichtig gewirkt hatte, traf das härteste Los. Als Angeklagter im Slansky-Prozess wurde er zum Tode verurteilt und im Dezember 1952 hingerichtet. Gegen Walter Janka, einst Leiter der Verlages ELL, 1956 verhaftet und der konterrevolutionären Verschwörung angeklagt, erging ein Urteil von fünf Jahren Zuchthaus. Als Chefankläger fungierte ausgerechnet Ernst Melsheimer. Der gebrochene Merker trat als Belastungszeuge gegen Janka auf und bestätigte wahrheitswidrig alle Anklagepunkte. Erst 1990 wurde das Urteil gegen Janka kassiert. Der deutsche Widerstand vermochte es nicht, aus eigener Kraft den Faschismus zu zerschlagen. So gesehen, erreichte auch das kommunistische Exil in Mexiko nur Teilerfolge, konnte zugleich aber beachtliche, neue Denkansätze finden sowie Erfahrungen und Erkenntnisse gewinnen, die für die demokratische Umgestaltung Deutschlands nützlich waren: 1. Die Geschichte der »Bewegung Freies Deutschland« in diesem Land beweist, dass der hier praktizierte Antifaschismus eine humanistisch-demokratische Bewegung war, in der Gleiche unter Gleichen agierten. Die führende Rolle der Kommunisten, in Mexiko realisiert, war nicht à priori gegeben, sondern musste sich im toleranten Umgang mit den potenziellen Bündnispartnern und Andersdenkenden und zugleich in zähen Auseinandersetzungen in einem widerspruchsvollen Prozess durchsetzen. 2. Die Thematisierung von Schuld, Verantwortung und Zukunft der Deutschen, ein bestimmendes Thema des gesamten deutschen Exils von 1933 bis 1945, erfuhr in Mexiko eine Erweiterung: Eine systemverändernde Umwälzung mit Revolutionscharakter nach der Zerschlagung des Faschismus sei primär nur durch die eigene Leistung (Aktivität) möglich. Sie setzt die rückhaltlose Aufdeckung und Beseitigung der Fehler, die vor 1933 gemacht wurden, durch a l l e politischen Akteure, also auch der KPD, voraus. 3. Die besonders von Merker formulierten Neuansätze der Politik angesichts des millionenfachen Mordes an den Juden lassen erkennen, dass dieses Verbrechen nicht nur als übersteigerter Antisemitismus definiert wurde. Ihm wurde bewusst, dass die bisherigen Erklärungsversuche nicht ausreichten. Dem Sinn nach erfasste er die Singularität der Shoa und schlug konkrete Maßnahmen zur Wiedergutmachung vor. Peter Fisch