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Für die Partisanen war er »Le Rescapé«

Wie aus einem »Davongekommenen« ein Ritter der Ehrenlegion wurde:

Zum Tod von Gerhard Leo

Obwohl es bereits seit einigen Jahren, krankheitsbedingt, still um ihn geworden war, so kam die Nachricht von seinem Tod dennoch überraschend für Freunde, Weg- und Kampfgefährten: Am 14. September ist Gerhard Leo im Alter von 86 Jahren gestorben. Dass er damit sein eigenes Todesurteil, dessen Geschichte er so oft erzählt hat, um mehr als sechseinhalb Jahrzehnte überlebte, kann allerdings kaum ein Trost sein für die Hinterbliebenen ...

Jene so oft erzählte Geschichte führt zurück ins Jahr 1944, in die Jahre der faschistischen Okkupation Frankreichs. Dorthin hatte es elf Jahre zuvor den damals Zehnjährigen mit seiner Familie verschlagen. Auf der Flucht vor den Nazis, die einen Rochus auf den Vater Wilhelm Leo hatten, seit der Sozialdemokrat als Rechtsanwalt und noch dazu jüdischer Herkunft 1927 einem gewissen Joseph Goebbels eine empfindliche Prozessniederlage bereitet hatte. In Paris lernte Gerhard nicht nur, perfekt französisch zu sprechen, sondern wurde auch Mitglied der »Faucons Rouge« (Rote Falken), der Jugendorganisation der Sozialistischen Partei, wie der dort gegründeten Freien deutschen Jugend, einem Zusammenschluss mehrerer antifaschistischer deutscher Jugendverbände.

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Frühjahr 1940 konnte Gerhard Leo zusammen mit seinem Vater in Cazaubon im südfranzösischen Departement Gers untertauchen. Seine hervorragend gefälschten Papiere wiesen ihn fortan als Gérard Laban, Germanistikstudent in Lyon, aus. Im Herbst 1942 war es ihm schließlich gelungen, in Toulouse Anschluss an die Résistance zu finden. In deren Auftrag ließ er sich in einer Kommandantur der Wehrmacht als Dolmetscher anstellen. Hier hatte er Zugang zu wichtigen Informationen für die Widerstandsbewegung. Um einer drohenden Verhaftung zu entgehen, tauchte er im Frühjahr 1944 in Castres im benachbarten Departement Tarn unter, geriet aber wenig später trotzdem in die Fänge der deutschen Abwehrbehörden. Wegen der Verbreitung von Flugblättern der Bewegung »Freies Deutschland« vor ein Kriegsgericht gestellt, drohte dem damals 21-Jährigen – angeklagt wegen Wehrkraftzersetzung und Vorbereitung zum Hochverrat – die Todesstrafe. Auf dem Weg nach Paris, zum Obersten Kriegsgericht der Wehrmacht, geriet er jedoch am 3. Juni im Bahnhof von Allassac, gewissermaßen in allerletzter Minute, in eine Aktion von Partisanen, die nach einem heftigen Feuergefecht mit den Begleitmannschaften auch ihm zur kaum noch erhofften Freiheit verhalfen.

Nach entsprechender Überprüfung seiner Angaben und Rückfragen bei seinen Genossen in Toulouse wurde er schließlich in ein Bataillon der Francs- Tireurs et Partisans, einer von der KPF aufgestellten bewaffneten Formation des Widerstandes, aufgenommen, die zu den schlagkräftigsten Truppen der FFI, der gerade erst gebildeten Forces Francaises de l‘Interieur, der Französischen Streitkräfte des Innern, gehörten. Seine neuen Gefährten, deren Einheit im Departement Corrèze operierte, nannten ihn »Le Rescapé« – den »Geretteten« bzw. »Davongekommenen«. Mit ihnen nahm er an Kämpfen gegen die Okkupationstruppen, so auch am 8./9. Juni 1944 um die – vorübergehende – Befreiung der Departementshauptstadt Tulle teil.

In dieser kampferfüllten Zeit KP-Mitglied geworden, agierte Gerhard Leo in den letzten Kriegsmonaten als Frontbevollmächtigter des im Herbst 1943 in Frankreich gegründeten Comité »Allemagne Libre« Pour l‘Ouest (CALPO – Komitee »Freies Deutschland« für den Westen), das seinen Vater zu einem seiner Vizepräsidenten gewählt hatte. Als einer von rund tausend deutschen Antifaschisten, die in der Résistance kämpften, hat sich Gerhard Leo damit bleibende Verdienste erworben. Doch jene Jahre in Frankreich sollten darüber hinaus auch für sein weiteres Leben bestimmend bleiben – und das nicht nur, weil er später, von 1973 bis 1985, zwölf Jahre lang als Korrespondent des »Neuen Deutschland« in Frankreich wirken konnte und in dieser Zeit natürlich auch Kontakt hielt zu seinen ehemaligen Kampfgefährten und deren Organisationen. Seine über die Jahrzehnte bewahrten Bindungen überdauerten auch das Ende der DDR, sie wurden seither in zahllosen Reisen ins Nachbarland eher noch fester.

Wiederholt trat er dabei als Repräsentant der DRAFD auf, zu dessen Gründungsmitgliedern er 1992 gehört hat. So erhielt er im Jahr 2002 als erster Deutscher überhaupt eine Einladung in das Centre de la Mémoire« in Oradour-sur- Glane, jenen Ort, in dem die Waffen-SS am 10. Juni 1944 642 Einwohner bestialisch ermordet hatte, um dort im Rahmen eines Informations- und Bildungsprogramms aufzutreten und Vorträge zu halten. Zwei Jahre später nahm er dort an der Spitze einer ersten – offiziell von der französischen Seite eingeladenen – deutschen Antifa-Delegation am staatlichen Gedenken zum 60. Jahrestag des Massakers teil.

Wenige Monate zuvor war Gerhard Leo anlässlich seines 80. Geburtstages für seinen jahrzehntelangen Einsatz vom damaligen Präsidenten Jaques Chirac zum »Chevalier de la Légion d‘honneur«, zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden. In seinen Dankesworten verwies der so Geehrte noch einmal auf die noch immer lebendige Erinnerung an den gemeinsamen Kampf deutscher Antifaschisten und französischer Patrioten und ihre Bewahrung für die Gegenwart und Zukunft. »Es geht um die Vermittlung der Werte, die uns damals bei unserem Kampf gegen die Nazibarbarei über alle Parteigrenzen und Meinungsverschiedenheiten hinweg verbanden: die Souveränität der Nationen, die Wahrung der Menschenrechte, Freiheit und Demokratie, gleichberechtigte Zusammenarbeit der Völker im Frieden.«

Peter Rau