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Sinnloses Blutvergießen endlich beenden

Über die Gründung und das Wirken des Bundes Deutscher Offiziere

Wir schreiben das Jahr 1943, das fünfte Jahr des Zweiten Weltkrieges. Mit dem Inferno von Stalingrad ist die Wende eingeleitet worden. Der Widerstand gegen den verbrecherischen Krieg hat mit der Gründung des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) am 12./13. Juli in Krasnogorsk und mit der Gründung des Bundes der Offiziere (BDO) am 11./12. September in Lunowo eine neue Qualität erfahren.

Gründungsvorbereitung

Bereits bei der Gründung des Nationalkomitees zeigte sich, dass für seine wirkungsvolle Ausstrahlung auch die Mitwirkung der Stalingrader militärischen Führungskräfte erforderlich ist. Oberst und Ritterkreuzträger Luitpold Steidle und Oberstleutnant Alfred Bredt, die als Gäste an den Gründungsfeierlichkeiten des NKFD teilgenommen hatten, versagten trotz ihrer eindeutigen Haltung zur sofortigen Beendigung des Krieges durch den Sturz Hitlers den Dokumenten des Nationalkomitees ihre Zustimmung. Sie teilten die Befürchtung der Mehrheit der Offiziere, dass im Komitee ein Übergewicht der »Linken« festzustellen sei – gemeint waren damit die deutschen Emigranten und Überläufer – und dass ranghohe Stalingrader Offiziere gänzlich fehlten. So formierte sich unter den Offizieren - organisiert vom ehemaligen Stahlhelmer und überzeugten Hitlergegner Oberstleutnant Alfred Bredt – eine Initativgruppe, für die er Oberstleutnant Bechly, die Majore von Frankenberg, Pochlitz, Lewerenz, den Ritterkreuzträ- ger und Hauptmann Domaschek sowie Oberst van Hooven (Foto oben) gewann. Mit Oberst Steidle sollte die Gruppe ihren leidenschaftlichsten Sprecher finden. Ziel der Gruppe war es, eigenständigen Bund Deutscher Offiziere zu gründen, der das Nationalkomitee ergänzen sollte. Seine speziellen Aufgaben waren die Gewinnung der deutschen Generalität, um möglichst rasch das unvertretbar hohe und nicht durchzuhaltende Blutvergießen auf beiden Seiten zu beenden.

Sowjetische Unterstützung

Die sowjetische Seite verfolgte diese Initiative aufmerksam und benannte zwei Beauftragte, um Kontakt aufzunehmen. Das waren Professor Arnold und Oberst Stern von der Politverwaltung der Roten Armee. Die Kontaktaufnahme erfolgte und General Melnikow, Kommissar der Staatssicherheit und Chef der sowjetischen Kriegsgefangenenverwaltung, teilte der Gruppe »im Auftrag höchster Stellen« die sowjetische Haltung zu den Absichten der Initiativgruppe mit. Sie lautete: Gelänge es dem zu gründenden Bund Deutscher Offiziere, durch die Appelle an die Wehrmachtsführung einen Staatsstreich gegen Hitler herbeizuführen und damit diesen Krieg zu beenden, so werde sich die Regierung der UdSSR für ein deutsches Reich in den Grenzen von 1937 einsetzen. Sie werde sich, wenn dieses Ziel rechtzeitig, d.h. vor Erreichen der Grenzen erreicht wäre, auch für eine weitere Existenz der deutschen Wehrmacht einsetzen. Sie wünschte, dass Deutschland ein Machtfaktor bleiben und eine friedliche Macht sein solle. Die entscheidende Bedingung war, dass eine bürgerlich-demokratische Regierung in Deutschland der Sowjetunion mit Freundschaftsverträgen verbunden sein solle. Das war eine letzte Chance, um Deutschland vor dem Untergang zu bewahren. Noch existierten kleine gemeinsame Beschlüsse der Alliierten, die vorsahen, das Deutsche Reich zu zerstückeln oder gar auszulöschen. Auch die Casablanca-Formel – bedingungslose Kapitulation als Voraussetzung für einen Frieden – galt nur für die Westmächte. Die Sowjetunion hielt sich an die Worte Stalins vom 23. Februar 1942: »Die Hitler kommen und gehen, aber das deutsche Volk, der deutsche Staat bleiben «.

Kriegswahnsinn stoppen

Am 11. Und 12. September 1943 gründete die Initiativgruppe gemeinsam mit etwa 100 Delegierten aus den Offizierslagern der Sowjetunion den Bund Deutscher Offiziere in Lunowo bei Moskau, dessen Wurzeln, wie es der Wehrmachtspfarrer Kayser formulierte, in jenen Tagen liegen, da wir im Kessel von Stalingrad unsere letzten Heimatgrüße schrieben und erhielten, da wir die Sinnlosigkeit und den Wahnsinn der Befehle einer truppen- und volksfremden Führung einsahen und Massen unserer Kameraden im Schnee notdürftig verscharren mussten. Sie alle, die Toten von Stalingrad, gehören mit zu diesem Bund, leihen uns, den Überlebenden, ihre Stimme. Wir sind innerlich frei geworden und haben die Berufung erkannt wie einst York und Clausewitz, Graf Dohna und Stein. Und zu den Wurzeln dieses Bundes gehörte der leidenschaftliche Appell des ersten deutschen Offiziers, der aus sowjetischer Gefangenschaft mit Hitler brach und zu seinem Sturz in seinem »Manneswort eines deutschen Hauptmanns« aufrief. Es war Hauptmann Dr. Ernst Hadermann.

Hauptziel Frieden

Der Bund Deutscher Offiziere wählte General von Seydlitz zu seinem Präsidenten, Generalleutnant von Daniels (Foto) und die Obersten Steidle und van Hooven zu Vizepräsidenten. Zum Vorstand gehörten ferner die Generalmajore Korfes und Lattmann. Damit stand der ehemalige Stalingrader Kommandeur des II. Armeekorps an der Spitze einer zweiten, selbständigen antinationalsozialistischen Organisation in der UdSSR. Die Konferenz verabschiedete den »Appell an den Reichskanzler, das Deutsche Volk und die Wehrmacht!« Darin heißt es u.a.:
»Die Armee von Stalingrad will die unverzügliche Beendigung des Krieges. Sie kennt die Hauptforderungen des Gegners für einen Friedensschluss. Die Armee von Stalingrad weiß, dass ein ehrenvoller Friede möglich ist. Wir müssen einen zweiten Versailler Frieden verhindern, der den Keim neuer Kriege in sich trägt. Noch können wir einen solchen Frieden schließen, der eine Zerstückelung Deutschlands verhindert und es vor Elend bewahrt.« Es folgte der »Aufruf an den Reichskanzler und Oberkommandierenden « zurückzutreten und damit den Weg »zur Rettung des deutschen Volkes freizugeben«. Das zweite Dokument hatte den Titel »Bund Deutscher Offiziere. Aufgaben und Zielsetzung« und beinhaltete sechs Punkte:

  1. Anschluss an die internationale Bewegung Freies Deutschland
  2. Forderung nach Rücktritt Hitlers und Bildung einer vom Vertrauen des Volkes getragenen Regierung. Die Regierung muss zum unverzüglichen Friedensschluss bereit und fähig sein.
  3. Verhinderung der Zerstückelung Deutschlands.
  4. Erhalt des Heeres für Verteidigungszwecke.
  5. Gewissens- und Glaubensfreiheit, Redfreiheit und Schutz des gesetzlich erworbenen Eigentums.
  6. Friedliche Zusammenarbeit mit der UdSSR und den anderen Völkern.

Breite Einheitsfront

Zum Abschluss der Gründungsversammlung reichte General von Seydlitz dem Gefreiten Zippel, einem Deserteur und Mitglied des Nationalkomitees, als Vertreter der Mannschaften im Zeichen der Gemeinsamkeit der politischen Interessen die Hand. Das war mehr als ein symbolischer Akt, ebenso wie der einstimmig angenommene Vorschlag von Major Hetz, Vizepräsident des Nationalkomitees Freies Deutschland, ihn und neun weitere Offiziere in den Bund der Offiziere aufzunehmen. Parallel dazu, gleichsam als Gegenzug, sollten die Generäle von Seydlitz und von Daniels die Zahl der bisherigen Vizepräsidenten des Nationalkomitees ergänzen und dabei General von Seydlitz zum »Ersten Vizepräsidenten und Stellvertreter des Präsidenten Erich Weinert berufen werden. Damit war eine Einheitsfront von maximaler Breite und Vielfalt erreicht, um im beiderseitigen Interesse dem opferreichen Blutvergießen eine Ende zu setzen.

Fronteinsatz anderer Art

Der Bund deutscher Offiziere trat sofort nach seiner Gründung in Aktion. Eine seiner ersten Bemühungen war die Gewinnung von Generalfeldmarschall Paulus. Noch am Gründungstag selbst rief der Präsident über Rundfunk die Frontkommandeure auf, den Befehlen Hitlers nicht länger zu folgen und die Truppen geordnet bis zur Reichsgrenze zurückzuführen. Unverzüglich wurde auch eine Gruppe hoher Offiziere gebildet, um an ihren jeweils früheren Frontabschnitten die Aufnahme von Verhandlungen mit Parlamentären zu prüfen und zu organisieren. So reisten bereits Anfang Oktober General von Seydlitz und Oberst van Hooven an die Nordwest-Front, um die notwendigen Schritte einzuleiten. Einen Großeinsatz des Bundes deutscher Offiziere finden wir bei den Kämpfen um den Kessel von Korsun- Schewtschenkowski (Tscherkassy). Hier waren acht Divisionen, die SS-Division Wikinger und die SS-Brigade Wallonie bereits sechs Monate lang eingekesselt. Ihnen drohte das gleiche Schicksal wie der 6. Armee bei Stalingrad. Das sollte verhindert werden. Vier Gruppen ranghoher Offiziere des Bundes und der dort eingesetzten Frontbevollmächtigten des Nationalkomitees, darunter Hauptmann Hadermann und Oberst Steidle, begann die Arbeit um die Köpfe der in dem 40 km langen und etwa 15 km tiefen Kessel Eingeschlossenen.

Erfolg blieb aus

Alle Mittel der Beeinflussung wurden eingesetzt, von persönlichen Briefen an die eingeschlossenen Generäle und ihre Überbringung durch Parlamentäre bis zu Lautsprechersendungen und dem Abwurf von Flugblättern. Trotz aller aufopfernder Bemühungen stellte sich der angestrebte Erfolg nicht ein. Unter hohem Blutverlust gelang den Eingeschlossenen ein Durchbruch. Nur 18.000 Soldaten und Offiziere überlebten, gerieten in Gefangenschaft. Nicht er erstrebte Erfolg, aber dennoch kein ergebnisloser Einsatz. Auch die Aktion des Generalleutnants Vincenz Müller, stellvertretender Chef des XII. Armeekorps der Heeresgruppe Mitte zeugte von dem wachsenden Einfluss der Ideen des Nationalkomitees und des Bundes deutscher Offiziere. Am Morgen des 4. Juli 1944, ein paar Tage vor der Landung der alliierten Truppen in der Normandie, begab er sich auf eigene Faust zu einem ihm gegenüberliegenden russischen Artilleriestab. General Müller wurde sofort einem russischen Oberst zugeführt. Ihm erklärte Müller, dass er beabsichtige, einen Befehl zur Kampfeinstellung an seinem Frontabschnitt zu erteilen. Es gab Übereinstimmung. Müller befahl die sofortige Einstellung der Kämpfe und rettete so das Leben von 50.000 Soldaten und Offizieren. Am 22. Juli, zwei Tage nach dem Attentat auf Hitler, riefen die 16 Generäle, die beim Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte in Gefangenschaft geraten waren, dazu auf, sich Hitler zu verweigern und sich dem Programm des Bundes deutscher Offiziere anzuschließen.

Am gleichen Tage, am 8. August 1944, als Generalfeldmarschall von Witz leben – aktiv an der Verschwörung vom 20. Juli 1944 beteiligt – den Tod durch den Strang an Hitlers Galgen erlitt, trat in Moskau Generalfeldmarschall Paulus, der ranghöchste Offizier in sowjetischer Gefangenschaft, dem Bund Deutscher Offiziere bei. General von Seydlitz nannte diese Entscheidung einen »bedeutenden Schritt... für die Gemeinsamkeit aller gegen Hitler angetretenen Deutschen in der Sowjetunion, der zugleich Beispiel und Vorteil ist.«

Die Existenz und die Wirksamkeit des Bundes Deutscher Offiziere konnte von Goebbels Propaganda-Apparat nicht länger mehr geleugnet werden. Eine Ergebenheits- Adresse, vor allem der Armee, an Hitler musste her. Hier heißt es u.a.: »Wir, die Generalfeldmarschälle der Wehrmacht sind ernstlich besorgt und erbittert über die Nachricht, dass der General der Artillerie von Seydlitz-Kurzbach gegenüber unserer heiligen Sache niedrigen Verrat geübt hat. Damit führt er im Dienst des Feindes stehend, einen Dolchstoß in den Rücken de kämpfenden Front. Wir alle sind von dieser Tatsache tief erschüttert, dass ein Mann, der aus unserer Reihe hervorgegangen ist, Ihnen, Führer, die Pflicht der Treue, brach.«

Keiner der Feldmarschälle verweigerte die Unterschrift. Aufschlussreich ist jedoch, dass sich das Verdammungsurteil der Ergebenheitsadresse ausschließlich gegen General von Seydlitz richtete. In der Öffentlichkeit sollte – so wie es bei der Übergabe Feldmarschall von Mannstein an den »Führer« erklärte – der Eindruck entstehen, als seinen alle übrigen Mitwirkenden » in einen Zustand der Willenlosigkeit versetzt worden«. Der Bund Deutscher Offiziere erreichte sein Ziel nicht. Das Konzept des Bundes Deutscher Offiziere kann als letzter, großer, organisierter Versuch gewertet werden, um Deutschland aus eigener Kraft vor seiner nationalen Katastrophe zu retten. Er gehört zu den lichten Momenten der Geschichte Deutschlands und zum patriotischen Erbe unseres Volkes. Das Wirken des Bundes Deutscher Offiziere in den Jahren 1943 bis 1945 ist ein Lichtblick in dunkler Nacht. Bis heute oft noch lieber totgeschwiegen oder diffamiert als sachlich und ehrenhaft gewürdigt. Das zu ändern, bleibt die aktuelle Aufgabe einer wahrheitsgetreuen Geschichtsschreibung unseres Volkes. Es ist der deutschen Widerstandsbewegung gegen Hitler nicht gelungen, einen politischen oder militärischen Sieg aus eigener Kraft zu erringen. So lösten sich auch die beiden Antihitlerorganisationen in der UdSSR, das Nationalkomitee Freies Deutschland und der Bund Deutscher Offiziere auf eigenen Wunsch am 2. November 1945 auf.

Tragisches Ende

Ein letztes Wort zum Präsidenten des Bundes Deutscher Offiziere. Sein Schicksal verlief voller Ungerechtigkeiten, voller persönlicher Enttäuschungen, die ihn jedoch nie von seiner konsequenten humanistischen Grundhaltung abweichen ließen, ebenso wenig wie von seinem Entschluss als Präsident an der Spitze des BDO und als Vizepräsident des NKFD gestanden zu haben. 1950 wurde er von einem Moskauer Militärtribunal wegen angeblicher Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt, die dann in eine Haftstrafe von 25 Jahren ungewandelt wurde und die er antrat.
1955, im Zusammenhang mit dem Besuch Konrad Adenauers, wurde seine Rückkehr nach Deutschland möglich. Die Sowjetunion wies ihn nach 12-jähriger Haft aus. Er kehrte in die Bundesrepublik zurück. Unterstützte hier die Politik der Entspannung unter Willy Brandt und trat für ein freundschaftliches Verhältnis mit der Sowjetunion bis zu seinem Tod 1976 ein. Die Bundesrepublik hob das über ihn von den Nazis verhängte Todesurteil auf. Dennoch blieb er für die Öffentlichkeit ein Verräter. Das von dem sowjetischen Militärtribunal verhängte Urteil wurde bis heute nicht aufgehoben.

 

Hermann-Ernst Schauer