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Wie ist dieser Krieg zu beenden?

Das Manneswort des deutschen Hauptmanns Dr. Ernst Hadermann

Der Aufritt des ehemaligen Batteriechefs im 152. Artillerieregiment, Dr. Ernst Hadermann, am 21. Mai 1942 im Kriegsgefangenlager Jelabuga unterschied sich in vielerlei Hinsicht von den bisherigen der kommunistischen Emigranten. Nicht nur, dass erstmals ein kriegsgefangener Offizier zu Offizieren sprach, war bemerkenswert, sondern die andere Redeweise, der dargebotene Inhalt und die Grundlage der Argumentation, kurz: das andere Herangehen an die bewegenden Fragen der Beendigung des Krieges und des Sturzes des Hitlerregimes. Die grundsätzlich veränderte Diktion resultierte nicht nur daraus, dass die bisherige antifaschistische Arbeit unter den Kriegsgefangenen fast völlig wirkungs- und folgenlos geblieben war. Vorrangig waren es die genaue Kenntnis der geistig-moralischen Verfassung der Wehrmachtsoffiziere, die gewonnenen politischen Einsichten und die eigene geistig-weltanschauliche Prägung bis zum Mai 1942, die Hadermann dazu befähigten. Ernst Hadermann wurde am 22. Mai 1896 in Schlüchtern/Hessen als Sohn eines Mühlenbesitzers geboren. 1914, nach Abschluss seines Abiturs, meldete er sich als Kriegsfreiwilliger. Als Leutnant kam er von der Front zurück. In der Garnison Fulda wurde er in den Arbeiter- und Soldatenrat gewählt. Während seines Studiums der Germanistik und Geschichte lernte er sozialrevolutionäre Strömungen kennen und trat der USPD bei. Er begeisterte sich für den Expressionismus, für die griechische Antike und nicht zuletzt für die Dichtung Hölderlins und Georges. Das sollte Bleibendes bewirken. 1924 zum Dr. phil. promoviert, wirkte Hadermann dann als Gymnasiallehrer. 1933 wurde er im Zusammenhang mit dem »Röhm-Putsch« verhaftet und der Gestapo vorgeführt. Das hinderte ihn aber nicht - inzwischen Studienrat - 1937 der NSDAP beizutreten und sich freiwillig zur Wehrmacht zu melden. Hadermann war an den Feldzügen gegen Polen, Frankreich und gegen die UdSSR beteiligt. Am 18. Juli 1941 geriet er in Gefangenschaft. Als Offizier nicht zur körperlichen Arbeit verpflichtet, nutzte er im Lager Jelabuga zielstrebig und umfangreich die Bestände der Bibliothek. Besonders die Welt- und Militärgeschichte, aber auch der Marxismus gehörten zu seiner bevorzugten Studienliteratur. Am 1. Mai 1942 gründete er im Lager eine antifaschistische Offiziersgruppe der 21 Mitglieder angehörten, u.a. die Oberleutnants Charisius und Reiher und die Leutnants Vieth, Gudzent, Augustin, Kohl, Schneider, A.F. Schmidt und Bachleitner.

Widersprüchlichkeiten

Wer den Lebensweg Ernst Hadermanns von 1914 bis 1942 verfolgt, dem fällt auf, dass dieser einige Brüche, aufweist. Geprägt von bürgerlich-humanistischen Positionen, gehörte Hadermann dennoch einer militaristischen Organisation, dem »Stahlhelm« an und war Mitglied einer zutiefst antihumanistischen Partei. Dann brach er auch noch seine Lehrtätigkeit ab und trat freiwillig einer Aggressionsarmee bei, obwohl er die Schrecken des Ersten Weltkrieges durchlebt hatte. Auch die Praxis der Gestapo hatte Hadermann kennengelernt. Noch zu Beginn der Aggression gegen die UdSSR glaubte er, ähnlich dem Verlauf des Westfeldzuges, an einen »Blitz-Sieg«. Zehn Monate später hatte er sich antifaschistisch positioniert und warb mit Leidenschaft für die Schaffung einer Front gegen das NS-Regime, seines Sturzes und für die Schaffung eines gerechten Friedens. Bei der erwiesenen Lauterkeit dieses Mannes ist es mit Sicherheit verfehlt, von opportunistischem Verhalten zu sprechen, eher ist zu vermuten, dass eine innere Ablehnung des NS-Regimes vorhanden war, zugleich aber die Auffassung, dass die Wehrmacht »unpolitisch« sei. Seit seiner Jugend hatte Hadermann den Dichter Stephan George verehrt. Ein Dichter, dessen geschichtsphilosophisches Denken geeignet war, sowohl von der nazistischen Politik und Ideologie, als auch vom konservativen Widerstand gegen diese genutzt zu werden. Auch Oberst Graf Stauffenberg war dem konservativ- bürgerlichen George gefolgt und zwar bis zur Stunde seines Todes, als er vor seiner Hinrichtung ausrief: »Es lebe das geheime Deutschland!« Und genau das beleuchtet die Sachlage. Georges Denken zielte auf ein »neues Reich« als Gegenentwurf zur Weimarer Republik ab. Es sollte als Ergebnis des Handelns des »geheimen Deutschlands « entstehen, eine Ordnung jenseits von Krieg, Gewalt und Rassismus. Dabei wurde besonders auf das Erbe des Stauferkaisers Friedrich II. zurückgegriffen und damit verbunden, auf das des Hellenismus und des Christentums. Erst die enge Verbindung beider Komponenten, so George, würde das »neue Reich« begründen, ihre Trennung dagegen zu Gewalt und schließlich zur Barbarei führen. Es ist in der Rede Hadermanns nicht zu übersehen, dass für ihn Georges Auffassungen die Grundlage darstellen, die Politik und Ideologie des Hitlerstaates zu analysieren. War auch Hadermann in den 30er-Jahren, als evangelisch Erzogener, von der vom Faschismus propagierten, freilich demagogisch vorgetragenen Losung von der »Revolution«, die schließlich das »Dritte Reich« zur Folge hatte, erlegen und der NSDAP beigetreten, ehe er dann, mittels gewonnener Erfahrung und umfangreichen Studien, zum Antifaschisten wurde? Ist die Rede auch ein Akt der Selbstkritik und Identitätsbestimmung? Alle Zeichen deuten darauf hin.

Die Katastrophe im Blick

In seiner Ansprache legte er dar, dass das NS-Regime unweigerlich auf eine nationale Katastrophe hinsteuere und den Krieg mit Sicherheit verlieren werde. Das deutsche Volk würde in den Untergang hineingezogen. Die faschistische Herrschaftspraxis sei direkt mit dem Hang zur Maßlosigkeit in der Politik und Kriegsführung verbunden. Die Gewaltanwendung sei kein Zufall, so der Redner. Sie sei »tief in dem dynamischen Charakter des deutschen Wesens begründet «. Es würde »Kraft und Tiefe« geben, die schon in der deutschen bildenden Kunst nachweisbar sei. Der genannte Hang zur Maßlosigkeit wirke »zerstörerisch und selbst zerstörerisch, wenn sie nicht durch das Maß der Antike geklärt und gebändigt würden, beruhigt und geheiligt durch den Geist der christlichen Religion«. Hadermann fährt fort: »Alle großen Repräsentanten des ‚deutschen Geistes‹, wie George, Lessing, Schiller, Goethe, Leibniz, Stifter und Hölderlin haben um die notwendige Einheit von Antike und Christentum gewusst und so humanisierend gewirkt.« Antike und Christentum »hätten dem deutschen Volk zudem Dauer«, also Existenz, verliehen. Und er schlussfolgert: Erst der Nationalsozialismus habe diese Verbindung »abgeschüttelt«. Die Folge sei die Zerstörung des humanistischen und progressiven politischen Erbes gewesen. Es ist ersichtlich, dass Hadermann als Humanist christlicher Prägung argumentierte, verbunden mit den gewonnenen politischen Erfahrungen. An den Anfang seiner Rede stellte Hadermann die Hauptziele: »...den Sturz Hitlers, die Wiederherstellung der Freiheit des deutschen Volkes und den Abschluss eines rechtzeitigen, ehrenvollen Friedens«. Daraus leitete er das Recht und die Pflicht zur Revolution sowie das Profil und die Anforderungen an den antifaschistischen Offizier ab. Anknüpfend daran analysierte Hadermann die reale Lage der Kultur, der Kirche, der Gymnasien und Universitäten sowie die Verfasstheit und die Situation der Klassen und Schichten. Sein Fazit lautete: »Ein stolzes, freies 80-Millionenvolk trägt Fesseln«.

Appell an die Moral

Damit sprach er alle Soldaten der Naziwehrmacht hinsichtlich ihrer nationalen, patriotischen Verantwortung direkt an, ausgehend von deren geistig-moralischer Verfasstheit und Prägung. Einen besonderen Platz nahm die Frage des militärischen Eides ein. Sich von diesem loszusagen, »ist uns schwer geworden, sehr schwer; jedoch den Eid, den wir Hitler geleistet haben, haben wir ihm nur geleistet als dem Führer des deutschen Volkes. Hitler aber hat das Recht verwirkt, sich Führer des deutschen Volkes zu nennen«, argumentiert Hadermann. Besonders überzeugend gelang es ihm, die Vorwürfe der Gegner der kriegsgefangenen Antifaschisten zurückzuweisen, so u.a. den Vorwurf des Vaterlandsverrats, des »marxistischen Denkens« bzw. der Absicht, über die »Zerstörung« der Wehrmacht ein »marxistisches Deutschland« anzustreben. Diese Argumentation ist zeitbedingt zu beurteilen, denn Hadermanns Intention folgte dann ja auch modifiziert das Manifest des NKFD. Im Schlussteil seiner Rede knüpfte Ernst Hadermann, geradezu beschwörend, wiederum an die Antike an. Er fragt, ob sich der »Dreiklang der griechischen Tragödie, Hybris - Ate - Nemesis (Vermessenheit, Verblendung, Rache der Götter) wiederholen würde. Da die »Schicksalsstunde« nahe sei, so Hadermann, stehe auch der Wehrmachtsangehörige vor einer Schicksalsfrage. »Sehen Sie zu, meine Herren, dass Sie die rechte Entscheidung fällen«. Das waren die letzten Worte in seiner Rede, die Optimismus, aber auch Sorge ausdrücken. Erkennbar ist, dass Hadermann zumindest in einigen Grundlinien George folgte, wenn er auch später feststellte, dass er kein »Georgist« sei. Dabei ging er konkret gesellschaftsbezogen vor und verzichtete nicht auf sozialpsychologische Aussagen. Damit gelangte er zu sicheren antifaschistischen Positionen und Aussagen, die handlungsorientiert waren.

Auf dem Weg zum NKFD

Von der »Bergpredigt« inspiriert, hatte Hadermann, mit Unbefangenheit und dem Mut zum selbständigen Denken, an die Zuhörer appelliert, allerdings in einer Diktion, die durchaus nicht der marxistischen Theorie sowie der politischen Doktrin der KPD folgte. Es kann deshalb nicht verwundern, dass die Moskauer KPD-Führung die Rede strikt ablehnte. Manuilskij jedoch, Funktionär der KPdSU und der Komintern, setzte sich durch. Die Rede wurde in einer Auflage von 500.000 Exemplaren gedruckt und für die propagandistische Arbeit genutzt. Erich Weinert schrieb das Vorwort. In ihm würdigte er den Redner, der sich als erster Wehrmachtsoffizier vom NSRegime losgesagt hatte und das in einer für die UdSSR und die deutschen Emigranten sehr schweren Zeit. Zwei deutsche Heeresgruppen bewegten sich auf Stalingrad und den Kaukasus zu. Noch längst stand nicht fest, wer als Sieger aus dem Krieg hervorgehen würde. Weinert sah Hadermann in der Traditionslinie mit von Stein, von Clausewitz und Arndt, die einst gegen napoleonische Fremdherrschaft gewirkt hatten. Größer konnte die Anerkennung nicht ausfallen. Wenn die Rede auch nicht eine unmittelbare positive Resonanz unter den Kriegsgefangenen fand, war sie dennoch ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Gründung des Nationalkomitees »Freies Deutschland« und des »Bundes Deutscher Offiziere«.

Peter Fisch