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Schaffen für eine Welt der Menschlichkeit

Heinz Lohmar - Antifaschist, Künstler und Widerstandskämpfer(1900-1976)

Heinz LohmarNoch 1989 wurde in den „Dresdner Heften“, ein Periodikum zur Geschichte und Kultur Sachsens, festgestellt, dass eine kulturhistorische Aufarbeitung des umfangreichen künstlerischen Werkes von Heinz Lohmar noch aussteht. Unter dem Gesichtspunkt der jetzigen Ausgrenzung des kommunistischen Antifaschismus, auch auf künstlerischem Gebiet, verwundert es nicht, dass dieses Defizit bisher nicht behoben wurde.

Das Lebenswerk des am 21. Juli 1900 in Toisdorf (Rheinland) geborenen Heinz Lohmar wird nur vor dem Hintergrund seines politischen Standortes als Kommunist und seiner oft dramatischen Lebenswirklichkeiten verständlich. Lohmars künstlerisches Schaffen ist einzuordnen in die Entstehung, Entwicklung und das Wirken der antifaschistischen Kunst in ihrer Gesamtheit, die äußeren politischen Umstände und die von ihm praktizierten ästhetischen Grundpositionen. So sind der Inhalt und die Formen seiner künstlerischen Arbeit - sie reicht von der politischen Gebrauchsgrafik, dem Bühnenbild, der Ausstellungsgestaltung, Arbeiten zum Bestreiten des Lebensunterhalts bis hin zu Gemälden unterschiedlichster Themen - Ausgangspunkt des Nachdenkens.

Flucht ins Exil

Die Verfolgung besonders der Künstler, die als Repräsentanten des „Weimarer Systems“, als „Kulturbolschewisten“ galten, setzte unmittelbar mit der Machtübertragung an Hitler ein. Die der KPD und der „Assoziation revolutionärer bildender Künstler“(ASSO) angehören den Künstler - auf Lohmar traf beides zu - waren besonders gefährdet.

Im Februar 1933 wurde er verhaftet, nachdem die Gestapo seine Wohnung bereits durchsucht und Bücher und Bilder beschlagnahmt hatte. Nach der Haftentlassung gewarnt, floh er endgültig aus Nazideutschland. 13 Jahre Exil lagen da vor ihm. Zunächst findet er in der Schweiz (Ascona), bei Fritz Jordi, Unterschlupf. Keineswegs ein Zufall, denn bereits 1931/32 hatte er in der dortigen Künstlerkolonie „Fontana Martina“ gelebt. In der Schweiz setzte Heinz Lohmar seine antifaschistische Arbeit fort. Den dortigen Behörden entging das nicht, und sie wiesen ihn nach Italien aus, wohlwissend, dass er auch hier nicht bleiben konnte, denn seine Mitgliedschaft in der KPD, in der „Roten Hilfe“ und im linksorientierten „Cartell der Geistesarbeiter“ waren den Behörden bekannt. Ende 1933 kam Lohmar schließlich in Paris an. Damit gehörte er zum Kreis der insgesamt 500.000 Menschen, die aus „rassischen“ oder politisch-weltanschaulichen Gründen das Land ihrer Geburt verlassen mussten. Kaum einer der Flüchtlinge hatte aber mit einem längeren Aufenthalt gerechnet. Weit verbreitet war die Überzeugung, dass dem hitlerfaschistischen Regime nur eine kurze Lebensdauer beschieden sei. Für die meisten Emigranten war es eine Reise ohne Wiederkehr. Kaum mehr als drei Prozent der Flüchtlinge kehrten nach dem Krieg in das Land der Täter zurück. Ende 1933, in der Zeit also, in der Heinz Lohmar in Paris angekommen war, hielten sich ca. 25.000 bis 30.000 Flüchtlinge in Frankreich auf. Hinzu kamen weitere 6.000 aus dem Saargebiet nach der Abstimmung vom 13. Dezember 1935. Die nächste Welle des Flüchtlingsstroms setzte vor allem nach dem Novemberpogrom 1938 ein. Schon Ende 1933 war ersichtlich, dass ein bis dahin beispielloser Exodus der deutschen Kultur eingesetzt hatte, dessen Folgen sich für die Wissenschafts- und Kunstentwicklung letztlich als irreparabel erweisen sollte. Von den Flüchtlingen, die sich in Paris aufhielten, waren mindestens ein Viertel aus politischen und weltanschaulichen Gründen emigriert: ca. 3.000 Sozialdemokraten, 3.500 bis 5.500 Kommunisten, Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterpartei, der KPD(O) und des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK), des Lenin-Bundes, Pazifisten, Katholiken und liberale Politiker. Unter ihnen befanden sich etwa 300 Künstler und Schriftsteller, darunter ca. 50 Bildende Künstler. Vorrangig lebten sie in Paris. Dazu zählten u.a.: Max Lingner, Robert Liebknecht, Horst Strempel, Gert Wollheim, Paul Westheim, Anton Räderscheidt, Gerd Caden, Johannes Wüsten, Felix Nußbaum, Max Ernst und auch Heinz Lohmar.

Politisch-künstlerisches Wirken in Paris

Der Weg ins französische Exil lag für ihn nahe, nicht nur, weil die Schweiz und Italien ihn ausgewiesen hatten. Nicht wenige Intellektuelle hielten sich schon vor 1933 hier auf.

Paris als Kunstmetropole Europas übte nach wie vor eine große Anziehungskraft aus. Die Stadt wurde in den 30er-Jahren zum Zentrum der vertriebenen Repräsentanten der humanistischen deutschen Kultur, auch dann, als es immer schwerer wurde, hier Fuß zu fassen. Das Dickicht der Millionenstadt bot aber zugleich oft guten Schutz. Gerade die Bildenden Künstler wie Heinz Lohmar knüpften hier an die politisch-künstlerischen Aktivitäten vor der Flucht aus Nazideutschland an. Lohmar hatte zudem eine gediegene Ausbildung vorzuweisen: den Besuch der Kunsthochschule Köln. Dazu kam seine frühe Bekanntschaft mit den Dadaisten und Max Ernst, einem der Wortführer des Surrealismus, dessen Stilrichtung sich Lohmar anschloss. Zudem hatte er Innenräume in Köln, Essen und Duisburg künstlerisch gestaltet. Mehrere Ausstellungen (in Köln, Amsterdam und Mailand) bezeugen, dass sein Können anerkannt war. Die Kunsttraditionen und Sehgewohnheiten der Franzosen unterschieden sich von denen der Deutschen. Dazu kam die Befürchtung, die jeweils für ein Jahr gültige Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr zu erhalten und die ständige Sorge um das tägliche Brot, denn kein Exilant hatte eine Arbeitserlaubnis. 1933 lernte Heinz Lohmar Hilde Feldstein kennen. Zwei Jahre später heirateten sie.

Aufbau eines Gegenentwurfs

Trotz unterschiedlicher kunsttheoretischer Auffassungen und oft divergierender politischer Positionen war dies der einigende Nenner, der zu gemeinsamen Aktionen führte. Die enge Verbindung mit dem Antifaschismus beeinträchtigte die individuelle, selbstbestimmte Kunst nicht. Im Gegenteil: Schon 1933 wurden vier Theater bzw. Kabaretts gegründet - die „Junge deutsche Tribüne“, der “Ballon“, “Die Laterne“ und „Les Sans Culottes“.

Im Juniheft (1933) der “Neuen Weltbühne“ wurde die „Junge deutsche Tribüne“ als eine „Vereinigung deutscher Schriftsteller, Schauspieler, Maler, Grafiker, Musiker bezeichnet, die entschlossen sind, sich nicht gleichschalten zu lassen, und die auf keine Weise mit dem Hakenkreuz in ein Vertragsverhältnis kommen wollten, denen es unmöglich war, nach Deutschland zurückzukehren. Auch die anderen genannten Theater und Kabaretts folgten dieser politischen Linie, was schon deshalb bemerkenswert war, weil das 1933 noch nicht der politischen Generallinie der KPD entsprach.

Besondere Bedeutung kam der „Laterne“ zu, wurde in ihren Räumen doch vier Jahre später, 1937, Bertolt Brechts „Gewehre der Frau Carrar“ uraufgeführt. Heinz Lohmar schuf dazu die Bühnendekoration. Anna Seghers war nicht nur beeindruckt vom Stück, sondern vom Spiel der Weigel, ja der Leistung des ganzen Ensembles. „Dank diesen Genossen. Dank dem Lohmar, der die Bühnendekoration wie ‚für Reinhardt selbst baute‘“. Der Erfolg des Brecht-Stückes war das Signal dafür, alle Anstrengungen auf die Entwicklung des politischen Theaters zu konzentrieren.

Schon ein Jahr später, im Mai 1938, fand eine weitere Uraufführung statt. Angeregt vom „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ wurden acht Szenen aus „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ von Brecht gespielt, allerdings unter dem Titel „99 Prozent“. Wie bei der ersten Uraufführung hatten Brecht, Dudow und die Weigel eng zusammen gearbeitet. Im Ganzen ging es dabei um eine wirksame politische (antifaschistische) Aussage und die ästhetische Wirkung. Und hier war wieder Heinz Lohmar gefragt. Auch am Erfolg der Szenenfolge „99 Prozent„ hatte er Anteil. Er schuf insgesamt sieben Grafiken, sehr expressiv, an George Grosz erinnernd.

Max Ernst

Max Ernst

Johannes<br />Wüsten

Johannes Wüsten

Robert Liebknecht

Robert Liebknecht, Sohn von
Karl Liebknecht

Der erste größere Zusammenschluss der emigrierten Künstler war das „Kollektiv Deutscher Künstler“. Es konstituierte sich Mitte 1936. Ihm gehörten u.a. Max Ernst, Heinz Lohmar, Hanns Kralik, Gert Wollheim und Eugen Spiro an. Dieser Kreis renommierter Künstler bildete den Kern des bedeutenderen „Freien Künstlerbundes“(FKB), der im Mai 1938 gegründet wurde. Bedeutsamer war die Herausgabe der Kunstzeitschrift „Die Mappe“, in der die Bildhauer, Schriftsteller, Grafiker und Maler ihre neuesten Arbeiten vorstellten. Insbesondere Max Ernst und Heinz Lohmar widmeten sich in dieser Zeit, 1936/37, der Thematik des Faschismus.

Heinz Lohmar -  Das Übertier - Paris 1936

Heinz Lohmar: Das Übertier, Paris 1936

Ende 1936 schuf Lohmar das Bild „Das Übertier“ – die Darstellung eines Systems des Verbrechens, der Antihumanität, der Barbarei. Hier sind alle Elemente seiner künstlerischen Handschrift sichtbar, die fast überbordende Verwendung von Metaphern, die surrealistisch dominierende Darstellung einer Art „Über-Realismus“ zur Charakterisierung des Unvorstellbaren und zugleich Reflex der Erfahrungen mit dem deutschen Faschismus, der Nachrichten aus Deutschland und Spanien. Dem Betrachter wird es - die Absicht Lohmars - nicht leicht gemacht. Die intensive Auseinandersetzung mit dem Faschismus war gewollt und sollte einen militanten Humanismus, aktiven Antifaschismus provozieren. Das „Übertier“ bedroht die menschliche Kultur wie niemals zuvor, aber es ist besiegbar. Das ist die Botschaft Lohmars. Wie stellte er das konkret dar? Das „Übertier“ ist eine Phantasiefigur, eine Bestie in Teufelsgestalt, ein Ungeheuer wie in der mittelalterlichen Apokalypse. Sein Kopf ist ein knochiger Stierschädel als Metapher der Barbarei und Gewalt. Ähnlich Picassos Guernica-Darstellung wird es zum besiegbaren Tier im spanischen Stierkampf; rechts ein zum Hitlergruß ausgestreckter Arm, um Fledermäuse zu starten, die am schwangeren Körper Bomben tragen. Am Erdboden befinden sich Schlangen mit Hydraköpfen. Auf dem Untier sitzt eine schwangere Frauengestalt - das Symbol der Frau im Nazistaat als Gebärmaschine im Sinne der „Produktion“ künftiger Soldaten. Das Reittier ist die babylonische Hure, die die Pest verbreitet. Dem Körper des Übertiers entweichen viele Skorpione (Symbol für tödliche Gefahren) und Ungeziefer. Es wird deutlich: Der Surrealismus von Heinz Lohmar u. a. ist eindeutig mit antifaschistischer Tendenz verbunden und stellt keineswegs „Kunst um der Kunst willen“ dar.

Afrikanerin in rosa - 1967 - Öl auf Hartfaserplatte 100 cm x 67 cm

Afrikanerin in rosa, 1967, Öl auf Hartfaserplatte 100 cm x 67 cm

 

Lohmar beteiligte sich an Kunstausstellungen, entwarf (wie Lingner) Festdekorationen, stellte Plakate her oder wirkte als Bühnenbildner für die „Laterne“. Ein Höhepunkt der Arbeit der emigrierten Künstler war die Agitationsausstellung „Fünf Jahre Hitler-Diktatur“. Sie fand Anfang 1938 im Pariser Gewerkschaftshaus, in der Rue de Lancry 10, statt. Der Veranstalter war das Komitee „Freiheit für Ossietzky, Mierendorff und Thälmann“. Zahlreiche Fotos, Grafiken, Malereien und Zeichnungen wurden gefertigt (besonders beteiligt: Alfred Hermann, Heinz Kiwitz, Hanns Kralik, Fritz Wolff und Heinz Lohmar).

Ein weiteres, umfangreiches Ausstellungsprojekt mit dem Titel „Deutschland von gestern - Deutschland von heute“ in Verantwortung des FKB, wurde 1939 realisiert. Auch die Bildenden Künstler wollten wirksam mithelfen, dass Spanien das Grab des Faschismus wird. Zahlreiche Bilder, Grafiken, ganze Zyklen widmeten sie dem Kampf zur Rettung der Republik. Zusätzlich wurden Hilfsgelder gesammelt. Der Spanische Krieg berührte die Familie Lohmar auch direkt. Der Bruder von Hilde Lohmar, der junge Arzt Herbert Feldstein, wurde 1936 Angehöriger der Internationalen Brigaden. Er fiel 1938 als „Freiwilliger der Freiheit“ in Spanien.

Internierung und Zugehörigkeit zur französischen Armee

Mit Beginn des Zweiten. Weltkrieges und der französischen Kriegserklärung vom 3. September 1939 änderten sich die Existenz- und Wirkungsbedingungen der Exilanten in Frankreich grundsätzlich. Ein Teil von ihnen war bereits in den Wochen zuvor verhaftet worden. Sie wurden in die Straflager Le Vernet/Ariege (Männer) und Rieucros/Lozera (Frauen) verbracht. Nach den Worten Arthur Koestlers mussten diese unter menschenunwürdigen Bedingungen leben, wie der ”Abschaum der Erde”.

Die weniger “verdächtigen” Deutschen, Männer im Alter von 17 bis 65 Jahren, wurden gezwungen, sich polizeilich registrieren zu lassen und in den ersten Septemberwochen 1939 auf Dutzende von Internierungslagern verteilt. Insgesamt betraf das ca. 23.000 Exilanten. Im Januar 1940 erfolgte die Eingliederung von 6.500 Internierten in “prestataires”-Gruppen (halbmilitärischer Hilfsdienst). Einige dieser Gruppen wurden ab April 1940 britischen Truppenteilen zugeordnet. Nach Ende des ”Komischen Krieges” und dem Beginn der direkten Kampfhandlungen am 10. Mai 1940 erfolgten neue Internierungen, diesmal nicht nur von Männern, sondern auch von unverheirateten und kinderlos verheirateten Frauen. In der letzten Maiwoche 1940 wurden diese in südfranzösische Lager verlegt (u.a. Gurs, Saint-Cyprien Les Garriges, Les Milles und Albi). Das deutsch-französischen Waffenstillstandsabkommen, am 22. Juni 1940 unterzeichnet, teilte das Land in zwei Zonen: Die besetzte Zone umfasste die Gebiete nördlich der Loire und die gesamte Atlantikküste bis zur spanischen Grenze, die noch unbesetzten südfranzösischen Departements einschließlich der überseeischen Gebiete. Ein Teil der südöstlichen Gebiete unterstand bis September 1943 den italienischen Besatzungstruppen.

Heinz Lohmar betraf die völlig veränderte Situation mehrfach. Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt und der nachfolgende “Grenz-und Freundschaftsvertrag" hatten eine tiefe Krise des Antifaschismus ausgelöst, denn die Sowjet- und Kominternführung charakterisierte den nun ausgebrochenen Krieg als beidseitig imperialistisch. Die Unterstützung Polens, Frankreichs und Englands wurde den der Komintern angeschlossenen Parteien verboten. Der eigentliche Aggressor, Hitlerdeutschland, geriet aus dem Blickfeld und vorrangig England als solcher propagiert. Die seit 1935 praktizierte Volksfrontpolitik wurde de facto aufgegeben. Das führte zu einer tief gehenden Verunsicherung innerhalb der politischen Exilanten. Die Auslandsleitung der KPD (Paris) unter Führung Franz Dahlems folgte diesem Kurswechsel nicht, wie auch (zunächst) die KP Frankreichs, Englands, der USA, Italiens und der Tschechoslowakei. Die Pariser KPD-Führung orientierte darauf, dass die politischen Emigranten sich polizeilich registrieren lassen sollten, um so in der französischen Armee dienen zu können. Sie votierte für eine allseitige Unterstützung Frankreichs im Krieg gegen Hitlerdeutschland. In diesem Sinne richtete Dahlem im September 1939 zwei Briefe an den französischen Ministerpräsidenten Daladier. Die Moskauer Führung, zunächst auch in Verwirrung und Ratlosigkeit, reagierte prompt und beschuldigte die KPD-Auslandsleitung, ernste politischer Fehler begangen und prinzipienloses Verhalten an den Tag gelegt zu haben, was sich u.a. im Unverständnis der Politik der UdSSR und in Abmachungen mit trotzkistisch beeinflussten, parteifeindlichen Gruppierungen gezeigt hätte.

Im Zusammenhang mit der Verfolgung und Ausgrenzung der Kommunisten in Frankreich wurde Dahlem, trotz Protest, interniert, 1942 an Nazideutschland ausgeliefert und nach achtmonatiger Haft in das KZ Mauthausen eingeliefert. Welche Fragen und Probleme der Kurswechsel innerhalb der Künstlerorganisationen, in denen Lohmar wirkte, konkret aufwarf, ist nicht bekannt. Die nachfolgenden Handlungen lassen jedoch einige Vermutungen zu, zumindest derart, dass er den Orientierungen und Positionen der KPD-Auslandsleitung unter Führung Franz Dahlems in Paris folgte und damit nicht dem neuen Kurs der Komintern- und KPD-Führung in Moskau, der sich, im Rückblick, als falsch herausstellte. Die Tatsache, dass sich Heinz Lohmar nach seiner Internierung in Avor und Benguy freiwillig als Prestataire meldete (nach eigener Aussage) und nicht auf Anordnung der französischen Behörden, unterstreicht diese Vermutung. Der Konflikt der KPD-Auslandsleitung mit der Moskauer Führung sollte in der DDR, also 14 Jahre später, ein wenig rühmliches Nachspiel haben: 1953 verlor Dahlem alle Funktionen in der SED. Matern, Vorsitzender der Zentralen Parteikontrollkommission, verwies insbesondere auf seine Haltung im September 1939, charakterisierte sie als ”Blindheit gegenüber der Tätigkeit imperialistischer Agenten”. Die Geschichte hat, es sei unterstrichen, die Richtigkeit der Haltung der Pariser Auslandsleitung bestätigt und damit auch den Entschluss Heinz Lohmars, sich freiwillig als Prestataire zu melden. Wie oben festgestellt, war die ”Freiwilligkeit” durchaus nicht der” Normalfall”, vor allem, weil er damit der französischen Armee angehörte.

Auch während der Internierung betätigte er sich künstlerisch. Auffällig ist der heiter-selbstironische Grundton seiner Zeichnungen und Montagen, die er anfertigte oder den Briefen an seine Frau beifügte sowie die häufige Verwendung des Mutter-Kind-Motivs. Am 27. Oktober 1939 wurde in Paris der Sohn André geboren, den Heinz erstmalig im April 1940 sah, als er für wenige Tage einen Kurzurlaub erhielt und Paris besuchen konnte. Der schnelle Vormarsch der Naziwehrmacht auf Paris zwang Hilde Lohmar dazu, die Stadt mit André zu verlassen. Mit Tausenden anderen Flüchtlingen wurde aber der Treck ”überrollt”. Hilde wurde zurückgewiesen und fand zunächst Unterschlupf bei Bekannten in Versailles.

Als die Okkupanten bestimmten, dass jegliche illegale Beherbergung die Todesstrafe nach sich ziehen würde, suchte und fand sie im gleichen Ort eine andere Unterkunft - auf Anraten der Polizei. Diese solidarische Haltung der Franzosen sollten die Lohmars noch mehrfach erfahren, sicherlich einer der Gründe dafür, dass die Familie überleben konnte und den Nazibehörden entging. Allein die Tatsache, dass Hilde Lohmar Jüdin war und André -entsprechend faschistischer Sprachregelung - “Halbjude”, hätte im Falle des Zugriffs der Nazi- bzw. Vichybehörden die Deportation in ein Vernichtungslager bedeutet, für Heinz zumindest die Einweisung in ein KZ. So wurden auch die Dossiers über die Lohmars offensichtlich durch französische Behörden vernichtet, denn die Wohnanschrift von Paris kannten die Nazibehörden nicht. Aber sie fanden diese über eine andere Spur - die erfassende Liste der Künstlerverbände des Pariser Exils, in der der “Freie Künstlerbund” verzeichnet war und damit die Adresse Heinz Lohmars. Der Sicherheitsdienst durchwühlte die Wohnung, beschlagnahmte Dokumente und Bilder. Letztere sollten Platz in einer Ausstellung über ”entartete Kunst” finden.

In der Résistance und in der Bewegung „Freies Deutschland“

Auch Heinz Lohmar entkam den Faschisten. Am 26. Juni 1940 wurde er von allen militärischen Pflichten entbunden und am 22. Juli 1940 demobilisiert, offiziell bestätigt durch französische Militärbehörden, nachdem er kurzzeitig, ebenfalls freiwillig, einem militärischen Arbeitskommando der britischen Armee zugeteilt worden war. Zugleich wurde ihm ermöglicht, wenn auch zeitlich befristet, in der unbesetzten Zone Frankreichs zu leben. Sein Weg führte ihn nach Carcassonne, heute eine Stadt mit 120.000 Einwohnern. Zum Glück erfuhr seine Frau Hilde von seinem Aufenthalt und konnte mit André zu ihm kommen. Heinz Lohmar erhielt eine offiziell durch den Bürgermeister bestätigte Arbeitserlaubnis, was durchaus selten war, und arbeitete in einem Modesalon als Designer für Gürtel und Gürtelverschlüsse. Er suchte den direkten Kontakt zu Genossen der KPD und fand ihn.

C.A.L.P.O-Ausweis für Heinz LohmarBald zeigten sich neue Gefahren. Die Wehrmacht zog im November 1942 in den noch unbesetzten Teil des Landes ein. Damit war es notwendig geworden, den “Ariernachweis” zu erbringen. Die Lohmars besaßen aber keine Papiere. Wiederum gelang es, einen Ausweg aus der Situation zu finden. Die Familie ging nach Allanche (Massif-Central). André wurde katholisch getauft. Ein Kurier überbrachte gefälschte Personaldokumente. Fortan trugen die Lohmars den Namen “Lemeire”. Kurze Zeit danach erfuhren sie, in welch tödlicher Gefahr sie sich befunden hatten - wieder einmal. Die Gestapo durchsuchte unmittelbar nach der Flucht aus Carcassonne ihre Wohnung mit dem Ziel, Heinz Lohmar zu verhaften. In Allanche, 1000 m hoch gelegen, war die Familie relativ sicher. Wiederum, wie schon in Paris, sorgte Hilde mit dem Verdienst aus Schneiderarbeiten für die Familie, ohne eine Arbeitserlaubnis zu haben. Notwendigerweise gaben sich die Lohmars das Image von “Normalbürgern”. Man machte sonntags den üblichen Kirchgang. Die Einwohner wussten, dass sie Nazigegner waren. André besuchte die dortige Klosterschule. Als günstig erwies sich, dass der Bürgermeister schon vor dem Machtantritt Petains diese Funktion inne hatte. Der Pfarrer war Gegner der Nazis. Und dieser reichte der Familie Lohmar die rettende Hand, denn nach wie vor bestand die Gefahr, dass die Wehrmacht den Ort heimsuchte. In Absprache mit dem Ortsgeistlichen sollten, bei Eintreten dieser Situation, Hilde und André ins Kloster flüchten und Heinz in die Berge gehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte dieser sich bereits der illegal tätigen Gruppe der Resistance in Allanche angeschlossen. Zum Glück trat die befürchtete Situation nicht ein. Heinz, Hilde und Andreé Lohmar waren gerettet.

Nach der Befreiung Frankreichs lebte Hilde weiter in Allanche, während Heinz sofort nach Toulouse ging, um in der CALPO mitzuarbeiten. Ein Dokument vom 7. Feruar 1945 bestätigt, dass er seit Juni 1944 in der Resistance gewirkt hatte. Die CALPO übertrug ihm die Aufgabe, in Kriegsgefangenenlagern propagandistisch zu arbeiten. Der Kommandant der FFI im 16. Militärbezirk (Montpellier), General Zeller, befürwortete diese Arbeit und verschaffte ihm ungehinderte Bewegungsfreiheit im 16. Departement. Hatte sich Heinz schon in Allanche weiterhin künstlerisch betätigt, brachte er sein Können auch im Interesse der Bewegung “Freies Deutschland” ein. So schuf er u.a. das Titelbild des ”Deutschland-Spiegels”, einer Zeitung, die in Toulouse erschien. Dokumentiert ist, dass er am 20. April 1945 in Aurillac registriert wurde. Im Mai 1945 (Beziers) wurde ihm die Mitgliedskarte des ”Comite Allemagne Libre Pour L`Ouest” für ihn (Nr.504) ausgestellt. Ende 1945 trat er dem CGT bei. Im Auftrag der CALPO ging Heinz im Sommer 1945 nach Paris, um an einer Zeitung für Kriegsgefangene mitzuarbeiten.

Diese Tätigkeit übte er bis zum 7. Januar 1946 aus. Am 8. Januar.1946 konnte er nach Deutschland zurückkehren. Die Odyssee des fast 13-jährigen Exils eines kämpferischen Antifaschisten war zu Ende gegangen.

Wieder in Deustchland – Ludwigshafen und Dresden

Hilde Lohmar lebte mit dem Sohn André damals noch in Allanche. Ihre Ausreise nach Deutschland verzögerte sich. Kurzerhand fuhr sie dennoch nach Ludwigshafen und danach für zwei Monate nach England, um ihre Eltern wiederzusehen, denen es gerade noch gelungen war, sich ins britische Exil zu retten. In Paris erhielt Hilde Lohmar dann ihre offiziellen Ausreisedokumente nach Deutschland. Heinz Lohmars Wirken nach seiner Ankunft in Ludwigshafen galt unverändert dem Ziel, sich für ein demokratisches Deutschland einzusetzen. Ihm gelang es, dabei auf die Unterstützung antifaschistisch gesinnter französischer Offiziere hoffend, die Genehmigung für die Gründung einer Gewerkschaft von Kulturschaffenden zu erhalten. Er hatte sofort wieder den Kontakt zu seiner Partei, der KPD, gesucht, wurde bald darauf Mitglied der KPD-Landesleitung von Rheinland-Pfalz und betätigte sich dort in deren Kulturabteilung. 1948 war Heinz Delegierter des VVN-Kongresses in Berlin. In seinem Lebenslauf hebt er hervor, dass er um Kontakte mit verantwortlichen Funktionären der SED bemüht war, um Fragen der Organisation der Bildenden Künstler zu besprechen. Schließlich schlugen ihm Vertreter der Kulturabteilung des ZK der SED vor, als Lehrkraft an der Hochschule für Bildende Kunst Dresden zu arbeiten. Im Oktober 1949 trat er dieses Amt an. 1951 wurde Lohmar dort zum Professor für Wandmalerei berufen. Damit begann für ihn ein Lebensabschnitt mit völlig neuen Aufgaben - künstlerischen und pädagogischen. Erstmals stand er nicht in Opposition zu einer politischen Ordnung. Die Botschaft Lohmars lautete wie stets - auch unter den gesellschaftlichen Verhältnissen der DDR, die er als Kommunist prinzipiell bejahte - der Künstler muss gesellschaftlich relevante Probleme zum Gegenstand seines Schaffens machen und mit ästhetischen Mitteln darstellen. Er hat die Welt als veränderbar im Sinne des Humanismus zu interpretieren, um analoges Handeln der Menschen zu provozieren. Die Zeugnisse seines Schaffens in der Dresdener Zeit beweisen das. Am stärksten entfaltete es sich dort, wo er seine Frühzeit erschließt, wo Lohmars menschlich-politische Empörung herausgefordert wird, wie Artur Dänhardt 1980 betonte. Beispiele dafür sind u.a. die Bildnisse, die den antikolonialen Kampf der afrikanischen Völker, gegen imperialistische Aggressionen (Vietnam) und die Gefahr des Neofaschismus zum Gegenstand haben. Ebenso eindringlich sind die Darstellungen, die solche Motive wie “Mutter-Kind”, ”Liebe zwischen Mann und Frau“ und “Mensch und Arbeit” aufnehmen. Einen besonderen Platz nahm in Lohmars Schaffen die Aktmalerei ein, wie überhaupt die Darstellung der tätigen selbstbewussten, klugen und schönen Frau, aber auch ihre Gefährdung.

Ich wage die Einschätzung, dass Heinz Lohmar zu keinem Zeitpunkt auch in Dresden nicht, die surrealistische Formensprache verleugnen konnte und wollte. Sie fand eine produktive Entwicklung, gleichsam in einen durch realistische Momente angereicherten Modernismus mündend. Die Erfahrungen der Vorkriegsmoderne sind nicht zu übersehen. Das übertrug er auch auf seine Studenten. So wurde er z.B. der wichtigste Lehrer für Gerhard Richter, anerkannt inzwischen als ein Maler von Weltrang. Offensichtlich hat die regressive Formalismus-Debatte, die in der DDR kurze Zeit nach Lohmars Arbeitsaufnahme in Dresden einsetzte und die auch den Surrealismus als ”dekadent" charakterisierte, in dessen Schaffen kaum Wirkung hinterlassen. In zahlreichen Ausstellungen, u.a. im Albertinum Dresden, auch im Ausland, wurden seine Werke der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

1965 erfolgte seine Emeritierung, er unterrichtete aber zwei weitere Jahre an der Hochschule auf Honorarbasis.

Am 14.September 1976 vollendete sich das Leben von Heinz Lohmar. Die Urne wurde im VdN-Ehrenhain des Heidefriedhofs Dresden beigesetzt.

Nach einer umfangreichen Sanierung präsentieren die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden seit dem 19. Juni 2010 Werke der Bildenden Kunst von der Romantik bis zur Gegenwart. Sie wirft trotz ihrer Fülle Fragen bezüglich des Umgangs mit der DDR-Kunst auf. Kunstgeschichtliche Seriosität ist kaum zu spüren. Die wenigen Arbeiten von Künstlern der DDR (u.a. Mattheuer, Rudolph oder Rosenhauer) wirken wie Feigenblätter, um die Ausgrenzung unverzichtbarer Arbeiten zu verdecken. Wer aber z.B. auf Hans Grundigs ”Den Opfern des Faschismus” verzichtet, begeht einen Frevel am Erbe. Auch von Heinz Lohmar keine Spur. Da befindet er sich in guter Gesellschaft mit manch anderem bedeutenden Künstler der DDR.

Baselitz, ein bekannter Maler, in der Ausstellung überproportional präsentiert, bezeichnet übrigens die Künstler der DDR “allesamt als Arschlöcher”. Deren Arbeiten belässt man, aus politischem Kalkül, meist in den Depots, um sie vergessen zu machen. Das wird aber nicht gelingen.

 

Peter Fisch


Kurzbiografie Heinz Lohmar im DRAFD-Wiki

Kurzbiografie Hanns Kralik im DRAFD-Wiki

Kurzbiografie Max Lingner im DRAFD-Wiki

Kurzbiografie Paul Westheim im DRAFD-Wiki

Kurzbiografie Gerd Caden im DRAFD-Wiki