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Der 20. Juli 1944 aus französischer Sicht

Prof. Michel Cullin,

ehemaliger stellvertretender Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks, zur Vielfalt des Deutschen Widerstandes Der 20. Juli 1944 und die Vielfalt des deutschen Widerstands

Man wird in Frankreich niemals genug über den deutschen Widerstand - oder vielmehr die deutschen Widerstandsgruppen - gegen das Dritte Reich sprechen. Es ist angebracht, bei diesem Thema den Plural zu wählen, denn so vielfältig waren die Akteure und die Gruppen und so verschiedenartig ihre Einstellungen und Beweggründe. Jetzt, da gerade an verschiedenen Orten Feiern zum Gedenken an die Befreiung Europas vom Nationalsozialismus stattfinden, ist es wichtig, daran zu erinnern, dass die heute so engen Bindungen zwischen Frankreich und Deutschland ihren Sinn einzig aus der Erinnerungsarbeit beziehen, und zwar der Erinnerungsarbeit über die gemeinsamen Werte des Respekts vor dem Rechtsstaat und der Republik. Diese Werte haben, neben anderen, die Kämpfe derjenigen Franzosen und der Deutschen gerechtfertigt, die sich gegen Hitler wandten. Aber die deutschen Widerstandsgruppen fehlen bei den Gedenkfeierlichkeiten in Frankreich fast ganz, so als ob dort die hunderttausende Deutsche völlig vergessen seien, die zwischen 1933 und 1945 Opfer der Unterdrückung durch die Nazis wurden. Immerhin war ein Teil von ihnen bereits seit Hitlers Machtantritt Widerstandskämpfer gewesen. In einem großartigen Buch, das Anfang der fünfziger Jahre in Deutschland veröffentlicht und erst 2000 übersetzt und in Frankreich unter dem Titel "Ein Deutschland gegen Hitler" (1) veröffentlicht wurde, schrieb der Schriftsteller Günther Weisenborn über diese Widerstandskämpfer: "Ihr Mut brachte ihnen keine Beförderung, ihre Entsagung keinen Orden und ihr Tod kein Kreuz."

 

In Berlin hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit dieses Jahr entschieden, Ende August in den Räumen des Roten Rathauses eine Ausstellung zu eröffnen, die den Deutschen in der französischen Résistance gewidmet ist. Zur Zeit der Feiern, die an die Befreiung der französischen Hauptstadt erinnern, will er damit ein Zeichen der Solidarität mit dem Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë, setzen. Einige der in der Ausstellung gewürdigten Deutschen nahmen übrigens an den Kämpfen zur Befreiung von Paris teil. In Frankreich ermöglichte es im letzten Juni ein Seminar von französischen und deutschen Studenten, das durch das Deutsch-Französische Jugendwerk unterstützt wurde, des 60. Jahrestages des Attentates gegen Hitler im Goethe-Institut und im Musée Jean Moulin zu gedenken. Bei dieser Gelegenheit erlaubte es der besonders interessante Zeitzeugenbericht von Peter Gingold, einem der Verantwortlichen für den deutschen kommunistischen Widerstand in Frankreich, die Verbindungen klar werden zu lassen, die zwischen den Verschwörern des 20. Juli in Paris und dem kommunistische Widerstand bestanden hatten. Es ist leider wahr, das dieses besonders heikle Thema in Deutschland lange Zeit tabuisiert wurde.

 

Auf der einen Seite erlaubte es die Instrumentalisierung des 20. Juli durch die deutsche Rechte bis Anfang der 90er Jahre, den kommunistischen Widerstand in Deutschland zu diskreditieren, der als einfach "prosowjetisch" betrachtet wurde (zu Unrecht übrigens, weil seine inneren Widersprüche ununtersucht blieben). Die Männer des 20. Juli hingegen, die angeblich die Freiheit gegen die "Roten" verteidigten hatten, wurden als die wirklichen Widerstandskämpfer betrachtet, und das, obwohl lange Zeit ihr Image als "Verräter" für die nationalistischen und konservativen Kreise in Deutschland bezeichnend war.

 

Andererseits erstaunt es nicht, dass gewisse Linke in Frankreich wie in Deutschland das grob vereinfachende Bild einer Verschwörung von Offizieren und reaktionären Adeligen, die eigentlich den Krieg ohne Hitler fortsetzen wollten, undifferenziert weiterverbreiteten. Die Ablehnung, hier die Widersprüche der Verschwörer des 20. Juli und der viel breiteren politischen Bewegung, die sie umgab, näher zu untersuchen, hatte Folgen: Die wichtige Rolle wurde ignoriert oder herabgemindert, die Verantwortliche aus SPD und Gewerkschaften wie Theodor Haubach, Adolf Reichwein, Wilhelm Leuschner und besonders Julius Leber und Carlo Mierendorff bei der Ausarbeitung eines Minimums an gemeinsamen politischen Positionen der Verschwörer und besonders beim Erarbeiten der Wiederaufbaupläne für Deutschland nach der Ausschaltung von Hitler gespielt hatten. Auch wenn eine grosse Anzahl von Generälen und Politikern wie Carl Goerdeler, der ehemalige Bürgermeister von Leipzig, Hitler von 1933 an unterstützt hatten und sich auf ein "bismarckisches" Erbe beriefen, hatten andere, unter dem Einffluss von Leber und Mierendorff, begriffen, dass es notwendig war, dem Aufstand gegen Hitler den Charakter einer Volksbewegung, ja sogar einer Volksfront zu geben. Dabei hatte es durchaus Meinungsverschiedenheiten darüber gegeben, inwieweit Kontakte zu anderen Widerstandskämpfern, namentlich zu den kommunistischen, aufzunehmen seien. Oberst Stauffenberg, der Mann des Attentats, aber auch Graf Moltke, der Leiter einer in Frankreich noch zu wenig bekannten wichtigen Gruppe des deutschen Widerstandes, des berühmten Kreisauer Kreises, waren, genauso wie der Diplomat Adam von Trott zu Solz, zu Absprachen mit dem kommunistischen Widerstand bereit. Das haben aktuelle Forschungsarbeiten aufgezeigt. Es gab über den Vermittler Adolf Reichwein Kontakte zu der "Gruppe Saefkow" von der Leitung der Kommunistischen Partei Deutschlands. Reichwein unterhielt nämlich seit 1943 regelmäßige Beziehungen zu verschiedenen kommunistischen Widerstandskämpfern in Thüringen. Gilbert Badia konnte über einen Teil der Verschwörer des 20. Juli schreiben: "Ihr Ehrgeiz war, dass dieser Widerstand, der bis dahin ohne Volk stattfand, ein Widerstand des Volkes wurde."

 

Der 20. Juli kann, über das Attentat gegen Hitler hinaus, zu Recht ein Bezugsdatum für die Erinnerung an alle deutschen Widerstandsgruppen sein. Besonders für jene an deutsche Antifaschisten in Frankreich, die in Frankreich so wenig bekannt sind und auch bei offiziellen Gedenkfeiern fehlen.

 

Das Deutsch-Französische Jugendwerk, dessen Bildungsauftrag heute noch wichtiger ist als gestern, nimmt in der Erziehung der Jugendlichen aus den zwei Ländern zu verantwortlichen Staatsbürgern eine Hauptrolle ein. Es könnte im Rahmen seiner Arbeit, Vermittler und Multiplikatoren zwischen Deutschland und Frankreich heranzuziehen, von den zwei Regierungen beauftragt werden, einen "Deutsch-Französischen Tag des Widerstands" zu organisieren, dessen Datum entweder der 18. Juni oder der 20. Juli sein könnte. Genauso wird ja schon der 22. Januar begangen, der Jahrestag der Unterzeichnung des Élysée-Vertrages zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle. Jetzt, da Franzosen und Deutschen in Europa gemeinsam politisch handeln, aber auch angesichts der Politik von Bush im Irak, erfahren die Werte der französischen und deutschen Widerstandsgruppen im Dritten Reich eine passende Aktualisierung. Dabei ist der Kampf noch gar nicht berücksichtigt, der in den Gesellschaften unserer beiden Länder gegen rassistische und soziale Ausgrenzung geführt werden muß. Der französische Staatspräsident kann nach seiner Rede von Chambon-sur-Lignon in diesem Sinne nur folgerichtig handeln.

(1) Günther Weisenborn, Une Allemagne contre Hitler, ins Französische übersetzt von Raymond Prunier, Félin, collection "Résistance, liberté et mémoire", 392 Seiten, 8.90 Euro (in Deutschland erschien das Buch 1953 unter dem Titel "Der lautlose Aufstand")

Aus: L'Humanité, 21. Juli 2004. Aus dem Französischen von Julia Günther, Tübingen


Erläuterungen der Übersetzerin:

 Respekt vor der Republik: Die Werte von 1789 sind Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

 Verbindungen zwischen dem deutschen kommunistischen Widerstand und dem 20. Juli in Paris: Im Januar und Mai 1944 gab es Treffen zwischen Stauffenbergs Cousin Oberstleutnant Cäsar von Hofacker, dem Organisator des 20. Juli in Paris, und Otto Niebergall, dem Leiter der illegalen KPD-Organisation im besetzten Frankreich und Präsidenten des Komitées "Freies Deutschland" für den Westen. Hofacker erklärte seine Bereitschaft, dem Komitée beizutreten. Nach dem Scheitern des 20. Juli wurde er verhaftet, vor den Volksgerichtshof gestellt und hingerichtet.

Gilbert Badia: Autor u.a. des Buches "Ces Allemands qui ont affronté Hitler", Paris 2000

 Chambon-sur-Lignon: Dorf in der Auvergne, dessen Einwohner im 2. Weltkrieg Juden versteckt hatten. Dort hielt Präsident Chirac am 8. Juli eine Rede

 18. Juni 1940: Aufruf von Charles de Gaulles über Radio London zum Widerstand