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Sachlich, kritisch, optimistisch

 

(Rez. von Gerhard Leo)

Karl-Heinz Gerstner: Sachlich, kritisch und optimistisch 

Für die deutschen Antifaschisten in den Reihen der französischen Résistance war Paris natürlich während der Besatzungszeit von 1940 bis 1944 ein Schwerpunkt für ihre Aktivität. In mehreren Einheiten und Verwaltungsstellen der Wehrmacht waren Beauftragte des Komitees Freies Deutschland für den Westen präsent, auch an zentralen Kommandostellen. Im Stab des Militärbefehlshabers durch den tapferen Oberstleutnant Cäsar von Hofacker, der Seele des Putsches am 20. Juli 1944 in Frankreich, der kurz darauf in Brandenburg hingerichtet worden ist; im Marinekommando West am Place de la Concorde durch drei junge Soldaten, die mit ganzer Kraft für die Résistance tätig waren; in der Nazi-Botschaft im besetzten Paris durch Dr. Karl Heinz Gerstner, Angestellter in der Wirtschaftsabteilung, wie seine soeben erschienenen Memoiren bestätigen.

 

Dr. Gerstner kam in diese höchst gefährliche Tätigkeit nicht unvorbereitet. Schon als Schüler gehörte er dem linken, zur KPD tendierenden Flügel der bündischen Jugend- und Pfadfinderbewegung an. Er begegnete in diesen Kreisen u.a. Friedrich Wolf, Harro Schulze-Boysen und den Geschwistern Scholl.

Verbindung zur Résistance in Paris erhielt er durch einen langjährigen Freund, Serge Touladze, Mediziner, Sohn eines vor der Oktoberrevolution geflüchteten zaristischen Generals. Der junge Touladze, wie erstaunlicherweise zahlreiche Kinder weißrussischer Emigranten in Frankreich, war in der Kommunistischen Partei aktiv. Er brachte Gerstner im besetzten Paris mit einem Beauftragten des illegalen Zentralkomitees der FKP zusammen, mit Prof. Pierre Hentges. Der bereits bekannte Germanist war im französischen Sektor der TA (Deutsche Arbeit) tätig.

Zu den regelmäßigen Treffs brachte Hentges, da die Informationen Gerstners sehr wichtig waren, sowohl einen Vertreter der Gaullisten als auch einen der Sozialisten mit. Der deutsche Antifaschist informierte über geheime Einschätzungen des Militärbefehlshabers, auch über geplante Aktionen gegen die jüdische Bevölkerung und versorgte mehrere Résistanceorganisationen mit Passierscheinen für die streng bewachte Grenze zwischen dem zunächst unbesetzten und dem okkupierten Teil Frankreichs. Weil Informationen über Aktionen gegen Juden erst unmittelbar davor in der Botschaft bekannt wurden, suchte Gerstner selbst mehrmals jüdische Familien auf, um sie zu warnen.

 

Gerstners Tätigkeit in der DDR als bedeutender Wirtschaftsjournalist ist allgemein bekannt, weniger seine Widerstandstätigkeit während des 2. Weltkrieges, über die er jetzt in seinen Erinnerungen berichtet.