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Terror. Stalinistische Parteisäuberungen 1936-1953

 

(Rez. von Stefan Doernberg)

Hermann Weber / Ulrich Mählert: Terror. Stalinistische

Parteisäuberungen 1936-1953. Verlag Ferdinand Schöningh,

Paderborn-München-Wien-Zürich 1998, 618 S.,

 

In der Flut jüngster Veröffentlichungen über das, was gemeinhin als "Stalinismus" bezeichnet wird, sticht ein von Hermann Weber und Ulrich Mählert herausgegebenes Buch hervor. Es trägt den Titel "Terror" und ist den Repressalien gegen Kommunisten in den Jahren 1936 bis 1953 gewidmet. Der Band unterscheidet sich recht deutlich von dem übertendenziösen "Schwarzbuch" wie auch vielen anderen Veröffentlichungen, die sich mehr das Ziel stellen, ein falsches Gleichheitszeichen zwischen zwei totalitären Systemen unter vielen in unserem Jahrhundert zu setzen, den Sozialismus als antikapitalistische Alternative überhaupt als das sogar schlimmere Verbrechen gegenüber dem aus dem Kapitalismus hervorgegangenen Faschismus zu bezeichnen.

 

Besonders aufschlussreich sind die im Band aufgenommenen Dokumente wie auch viele weitere Auszüge aus archivalischen und anderen authentischen Quellen in den einzelnen Beitrögen. Diese unterscheiden sich durchaus in ihrer Qualität, auch in den Auswahlprinzipien der Zitierung oder der Bewertung. Besonders bemerkenswert sind wohl die Angaben zu den Auswirkungen der Repressalien gegen deutsche Kommunisten. Aus ihnen geht u.a. hervor, dass in Deutschland vom NS-Regime 5 Mitglieder des Politbüros der KPD ermordet wurden, in der UdSSR kamen 5 Mitglieder und 2 Kandidaten des höchsten Führungsorgans der KPD um. Der Unterschied bestand nur darin, dass es in Deutschland alle waren, die jemals Mitglieder der KPD-Führung waren und den faschistischen Schergen in die Hand fielen. Eine Ausnahme bildete nur Franz Dahlem, der vom Pétain-Regime in Frankreich während des Krieges an die Gestapo ausgeliefert wurde.

In der Sowjetunion waren es mit einer Ausnahme Mitglieder aus der Zeit der Weimarer Republik, während die 1935 auf der Brüsseler Konferenz gewählten Führungsmitglieder mit einer Ausnahme nicht betroffen waren. Das ändert jedoch nichts an dem furchtbaren Umfang der Repressalien in der Sowjetunion, noch weniger an den schlimmen Methoden, mit denen sie durchgesetzt wurden. Zu den schlimmsten Verbrechen der Stalinzeit gehört es, dass keine andere politische Bewegung ihre eigenen Anhänger, darunter langjährig führende Kommunisten im eigenen Land wie unter politischen Emigranten, mit einer vergleichbaren Unerbittlichkeit verfolgt und terrorisiert hat wie die Bolschewiki unter der Herrschaft Stalins.

Der Massenterror wurde eindeutig auf Weisung Stalins ausgelöst. So begann die rigorose Verfolgung deutscher Kommunisten in der Sowjetunion mit einem Beschluss des Politbüros der KPdSU (B), auf dessen Grundlage das Innenministerium einen Befehl am 25. 7. 1937 erließ. Der NKWD-Befehl Jeshows sah die Verhaftung aller Deutschen vor, die in Rüstungsbetrieben oder Werken mit Rüstungsaufträgen beschäftigt waren. Sie sollten innerhalb von nur drei Tagen erfasst und dann festgenommen werden. Der Befehl war als notwendige Maßnahme zur Unterbindung von Umtrieben deutscher Geheimdienste firmiert, die der Vorbereitung eines Krieges gegen die Sowjetunion dienten.

Die Repressalien weiteten sich aber unter dem gleichen Vorwand oder mit der Bezichtigung von angeblichen Verbindungen zu sowjetfeindlichen Kräften auf immer mehr Deutsche, die in der UdSSR Zuflucht gefunden hatten, aus. In etwa zwei Jahren waren, wie es aus einem Bericht der Deutschen Vertretung bei der Komintern hervorgeht, bereits etwa 70% der KPD-Mitglieder in der Sowjetunion betroffen. In der KPdSU (B) wurden zu Opfern vor allem führende Kommunisten, die sich mit ganzer Kraft und Hingabe schon für den Sieg der Oktoberrevolution oder dann in verschiedenen leitenden Funktionen, ob in der Partei selbst oder im Staat, in der Armee oder in der Wirtschaft eingesetzt hatten.

All diese Fakten sind eindrucksvoll und zugleich mit einer überzeugenden Sachlichkeit dargestellt. Dabei muss vermerkt werden, dass sie in der Mehrzahl, abgesehen von einigen durchaus wichtigen Details und Belegen, bereits seit Jahren bekannt sind. Grundsätzlich zumindest seit dem 20. Parteitag der KPdSU, der Rede von N. S. Chruschtschow und dieser folgenden verschiedenen Veröffentlichungen. Dennoch ist die im Band enthaltene Zusammenfassung ausdrücklich zu würdigen. Auch der überzeugende Nachweis, dass die neue, nach 1948 einsetzende Welle in den Methoden mit den Repressalien von 1937/38 vergleichbar war, aber weder auch nur annähernd den damaligen Umfang noch die Billigung durch die Öffentlichkeit erreicht hatte.

Der Band dokumentiert auch authentisch, dass weder die Führung der Sowjetunion noch die SMAD auf Repressalien in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands hinwirkten, auch nicht eine Zuspitzung zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten befürworteten. Ganz im Gegenteil, die sowjetische Deutschlandpolitik unterschied sich in sehr vieler Hinsicht von Praktiken, wie sie sich in der UdSSR schon sehr bald nach dem Kriegsende wieder durchsetzten. Erst zu Beginn der 50er Jahre kam es in der DDR zu ähnlichen Vorgängen, auch Repressalien, darunter gegen führende Mitglieder der SED, wie in den volksdemokratischen Ländern. Sie waren zwar in ihrem Umfang nicht vergleichbar und es gab auch keine öffentlichen Schauprozesse.

Es bleibt eine heute nur schwer nachzuempfindende und erklärbare Tatsache, dass der Terror in der Vorkriegszeit mehrheitlich, auch im Ausland, als notwendige Abwehrmaßnahme gegen einen unausweichlichen Aggressionskrieg zwar nicht begrüßt, aber doch gebilligt, sogar unterstützt wurde.

Der Band geht auf diese Problematik nicht überzeugend ein. Er schildert den Terror als "Ding an sich", enthält nicht einmal Bezüge zur internationalen Entwicklung noch zur Gesamtsituation, in der sich die Bürger der Sowjetunion, auch die deutschen Emigranten befanden und die nicht nur durch die Repressalien und sie begleitende Umstände, auch propagandistischer Art, sondern auch durch die bemerkenswerten Erfolge und auch Neuerungen, die aktive Teilnahme der Menschen am sozialistischen oder als solches deklarierten und empfundenen Aufbauwerk in der Sowjetunion teilnahmen.

Leider beantwortet er weder die Frage, welche sonstigen Hauptmotive neben der damaligen Spionomanie und dem Bestreben, Kampfgefährten Lenins aus dem Wege zu räumen, den Terror, noch dazu einen solch umfangreichen und unerbittlichen, bewirkten. Inwieweit war er bewusst oder nur de-facto eine Deformation, eine Entartung des Sozialismus oder sogar eine gewollte oder ungewollt eingetretene Abkehr von der sozialistischen Alternative. Welche über Jahrzehnte währende Auswirkungen musste er haben. Warum konnte er weder verhindert noch rechtzeitig unterbunden oder zumindest effektiv begrenzt, seine Wirkungen korrigiert werden. Damit verbunden wird auch nicht der Versuch unternommen, zu erklären, warum es keinen Widerstand gab, ja selbst die Mehrzahl der Betroffenen ausdrücklich Stalin-Anhänger blieben, vor allem aber bis heute nicht zu Widersachern des Sozialismus geworden sind. Natürlich gibt es auch andere, und ihre Haltung ist durchaus aus ihrem eigenen tragischen Schicksal erklärbar.

Zweifellos kann man nicht eine Antwort auf all diese Fragen erwarten, aber zumindest hätten sie aufgeworfen werden sollen. Im Unterschied zu manchen anderen Veröffentlichungen enthält der Band auch nicht die primitive und unzutreffende Deutung, dass eine sozialistische Alternative nicht ohne Terror auskommen könnte. In dem Sinn ist er auch kein Beleg für die demagogische Losung "Freiheit oder Sozialismus", die zwar die Wahlniederlage der konservativen Kräfte in Deutschland 1998 nicht verhindern konnte, aber die in ihrer Wirkung auch nicht unterschätzt werden sollte.

Trotz der genannten Mängel dürfte der Band als lesenswert gelten, nicht zuletzt auch das Interesse von Mitgliedern und Sympathisanten des DRAFD finden. Sie werden ihn sicher auch kritisch aufnehmen, aber er regt zum Nachdenken an. Schon darin sehe ich seinen Wert.